Anno 1984: Warum Peru für Rucksackreisende mehr als Kultur bietet [Vintage]
Translation with Google
Tagebuch Südamerika: Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Perú, Bolivien
7. Februar bis 27. April 1984
Anmerkung: Der Text meines Tagebuches von 1984 wurde nahezu unverändert übernommen. Die Rechtschreibung wurde angepasst und auf die Umrechnung in DM (Deutsche Mark, die Älteren werden sich noch erinnern) verzichtet. Damals gültige lokale Währungen wurden belassen. Während ich Venezuela und Kolumbien ganz allein bereiste, traf ich mich in Ecuador verabredungsgemäß mit einem deutschen Ruder-Freund und wir setzen die Reise in Ecuador und Perú gemeinsam fort.
Informationen aus dem Internet gab es damals natürlich noch nicht, da es gar kein Internet gab – es war also eine rein analoge Reise. Demzufolge war an Verbindungen zu Freunden oder zur Familie über What’s App oder dergleichen gar nicht zu denken. Die zuverlässigste Verbindung waren postlagernde Briefe (wer kennt das noch?) oder in Notfällen extrem teure Telefonate, die mit langen Wartezeiten verbunden waren, bis die jeweiligen Verbindungen hergestellt waren. D.h. es war eine ganz andere Zeit und ich war drei Monate auf mich und meine regionale Umwelt gestellt!
Und ein weiterer großer Unterschied zum heutigen, „digitalen“ Reisezeitalter ist, dass weder Hotels noch Zug- oder Busverbindungen im Internet gecheckt und gebucht werden konnten, sondern alles musste mühsam vor Ort recherchiert werden bzw. durch Informationsaustausch mit anderen Reisender erfahren werden. Das kostete viel Zeit, kommt aber der persönlichen Kommunikation sehr zugute. Anstatt ständig ins Handy zu glotzen, sprach man einfach mit seiner Nebensitzern – altmodisch, aber gut!
Teil 4: Viel Staub und viel Kultur in Perú
Unsere letzte Nacht in Ecuador verbringen wir in MACARÁ, einem fürchterlichen Grenzkaff mit nur zwei Hotels, unbefestigten, staubigen Straßen und ein paar Geschäften. Und am nächsten Tag soll es über die Grenze nach Perú gehen – glücklicherweise ahnen wir noch gar nicht, was uns dort erwartet:
PERÚ

Flagge von Perú
Montag, 26.03. Etwas schlapp stehen wir morgens nach durchzechter Nacht auf und selbst um 9 Uhr kriegen wir in einem Lokal, das groß Reklame für Frühstück macht, nichts zu essen, obwohl es offen hat. So nehmen wir woanders ein „ekuadorianisches Frühstück“ zu uns: Fleisch und Reis. Dann schauen wir doch noch nach unseren Freunden vom Vorabend, mit denen wir uns eigentlich zum Baden verabredet hatten. Aber keiner ist zu finden. So packen wir unsere Sachen und wollen gehen. Dann treffen wir doch noch einen, melden uns aber ab, da es schon 11 Uhr ist. Das ist auch gut so, denn uns erwartet heute noch Einiges!!

Internationale Brücke am Grenzübergang Ecuador-Perú bei Macará [Bild: REM]
Sechs Stunden auf einem LKW durch die heiße Wüste bis nach Sullana
Von hier aus müssen wir nach Sullana weiter, der nächsten größeren Stadt in über 200 km Entfernung. Jedoch fährt dahin überhaupt kein Bus wie wir schnell feststellen, sondern lediglich ein LKW! Nun ja! Auch unsere Erwartung, dass wir vorne im Fahrerhaus des LKW sitzen, stellt sich schnell als trügerisch heraus. Also hinten ‚rauf, wo’s schön nach Fisch und Sch… stinkt. Hier haben wir also jetzt eine sechsstündige Fahrt in praller Sonne und je Person für 10.000 Soles (5 US-$) vor uns!! Einzige Sitzgelegenheit ist ein 15 cm breiter Balken, der quer auf der Bordwand des LKW aufgelegt ist, und auf den man sogar noch eine dreckige Wolldecke legen kann. Dort sitzend kann man gerade oben rausgucken. Unten liegen dreckige Fischkisten, Säcke mit Yuka u.a., ein Schaf und viel Dreck. Außer uns sind noch ca. 10 andere Leute an Bord und so geht’s dann los. Wir sitzen in der ersten Reihe und können uns mit beiden Händen krampfartig am Verschlag festhalten, aber loslassen ist gleichbedeutend mit Absturz in den Dreck, denn die Straße ist kaum als solche zu bezeichnen, sondern besteht aus einer Aneinanderreihung von Furchen, Löchern und Schlimmerem. Und die Sonne strahlt wie verrückt. Zwar ist es vom Fahrtwind her kühl, aber die Strahlung wird dadurch natürlich nicht gelindert. So werde ich in einer ½ Stunde einen Sonnenstich haben. Also ziehe ich mein Hemd aus und wickle es um den Kopf, denn einen Hut habe ich nicht dabei. Dafür creme ich mich ständig mit Sonnenschutzfaktor 8 ein [war damals der max. verfügbare LSF]! Als das auch nicht mehr weiterhilft, leiht mir dankenswerterweise ein neben mir sitzender peruanischer Soldat sein Militärkäppi, so dass eine ordentliche Kopfbedeckung und ein Hemd mich vor der starken Sonnenstrahlung schützen!

Auf diesem LKW reisen wir sechs Stunden durch Nord-Peru – ganz rechts mein Mitreisender Jürgen [Bild: REM]

Durchquerung einer der zahlreichen Flüsse [Bild: REM]

An diesem Verkaufsstand machen wir eine Pause [Bild: REM]

Viele Furten werden zugleich als Badestellen genutzt [Bild: REM]

Ein junger Mitreisender auf unserem LKW [Bild: REM]
Also müssen wir ein Hotel suchen, aber es ist nichts zu finden, denn es gibt nur vier Stück: Eines 15 Gehminuten vom Zentrum entfernt, eines ist voll, eines nimmt 17 US-$ für ein Doppelzimmer und vor dem letzten wird vom SAH (South American Handbook) eindringlich gewarnt. Aber nur genau dieses bleibt uns übrig. Es ist zwar dreckig, aber freundlich. So bleiben wir dort für 17.600 Soles (9 US-$) das Doppelzimmer. Ein Vielfaches von Ecuador! Jürgen schläft gleich völlig fertig ein, während ich stundenlang eiskaltes Wasser in der Dusche über mich laufen lasse und anschließend erfolglos nach weiteren Busgesellschaften suche. Denn der früheste Bus geht erst Morgen um 20 Uhr! Dann stillen wir unseren Hunger (sehr wenig) und Durst (sehr, sehr viel) mit Empanadas und Maracujá-Saft, um dann früh schlafen zu gehen. Wir sind so ausgetrocknet, dass selbst der Genuss von 3 ltr. Maracujá-Saft (pro Person!) nicht dazu führt, dass wir pinkeln müssen!
Dienstag, 27.03. Heute verbringen wir einen schlappen Tag in Sullana ausschließlich damit, auf den Bus um 20 Uhr zu warten. So lange wie möglich schlafen wir in unserem Loch und nach einem kleinen Frühstück und viel Maracujá-Saft mit kleingehacktem Eis (jeder Arzt würde einen Anfall bekommen) suchen wir eine Wechselbude, da unser peruanisches Geld schon wieder alle ist. In ziemlicher Hitze und fast schattenlos (Äquator-Nähe und fast Mittag) suchen wir ewig nach einem Casa de Cambio, da die Banken natürlich wieder keine Reiseschecks wechseln wollen. Schließlich nach 10 x Fragen finden wir eines ganz versteckt im 3. Stock eines obskuren Hauses, wo wir unser Geld zu einem günstigen Kurs gewechselt bekommen.

Plaza de Armas von Sullana [Bild: REM]

Eine der wenigen intakten Straßen in Sullana [Bild: REM]
In Trujillo, der zweitgrößten Stadt Perus
Mittwoch, 28.03. Anstatt wie angekündigt, um 5 Uhr kommen wir erst um 7 Uhr in TRUJILLO an, was uns aber natürlich ganz recht ist. Trotzdem ist auf den Straßen überhaupt noch nichts los: Sehr wenige Leute, keine Autos, alle Läden geschlossen und natürlich gibt es auch noch nirgends etwas zu essen oder zu trinken. Trujillo ist die zweitgrößte Stadt Perus (800.000 Einwohner) und liegt im trocken-heißen Wüstengebiet der Pazifikküste. Nachdem wir uns einigermaßen orientiert haben, finden wir auch einige Hotels. Hier zeigt sich einmal mehr der Nachteil der Klasseneinteilung der Hotels des SAH: Klasse F sind alle Hotels unter 6 US-$ je Nacht, doch gerade unterhalb dieser Preisklasse „scheiden sich die Geister“. Hotel „Yogi“ verlangt 38.000 Sole für ein Doppelzimmer (sehr gut und sauber) und Hotel „Lima“ 6.000 pro Person und Nacht. Bei diesem Hotel deckt sich jedoch nur der Preis mit meinen Vorstellungen, im Gegensatz zur Sauberkeit und der zur Verfügung stehenden Wassermenge. Aber eines kann man nur haben. Außerdem ist das Hotel morgens um 8 Uhr noch belegt, aber wir können unsere Rucksäcke dort lassen und sollen um 10 Uhr wiederkommen. (Wenn der unsere Rucksäcke nicht wieder ‚rausrückt und sich dumm stellt, sind wir sie los.)
Wir gehen erst einmal frühstücken: Kaffee und Brötchen mit kaltem Braten – das Essen scheint hier besser zu sein als bisher. Anschließend gehen wir ins Touristenbüro, wo wir die Italienerin Elena kennenlernen, die sich uns während unserer „Trujillaner Zeit“ anschließt – sehr nett. Während Temperatur und Sonne steigen und die Schatten kleiner werden, gehen wir zurück zu unserem Drecks-Hotel und kriegen ein Zimmer. Jetzt können wir uns wenigstens waschen und die Zähne putzen. Dabei entdecke ich ein Schild „Wäschewaschen verboten“ – so ein Mist, denn meine letzten Socken trage ich schon zu lange! Aber auch das werden wir lösen.
Die historische Adobestadt Chan Chan
Dann machen wir uns auf den Weg nach CHAN CHAN. Dieses ist die Ruine der größten Adobestadt (Lehmstadt) der Welt, nämlich der Hauptstadt des ehemaligen Chimú-Reiches. Sie wurde am Ende des 15. Jahrhunderts vor den Inkas erbaut und ist seitdem eine Ruine, die als Steinbruch und als Betätigungsfeld für archäologische Amateure missbraucht wurde. Die ehemals 250.000 Einwohner zählende Stadt besteht insbesondere aus den Ruinen von neun Palästen, in denen die Noblen, Priester etc. wohnten, arbeiteten und zelebrierten. Per Stadtbus fahren wir 6 km hinaus in die Wüste und steigen bei sengender Sonne aus. Durch eine Gegend, vor der laut Reiseführer wegen häufiger Überfälle gewarnt wird, müssen wir noch 2 km Wüstenpiste bis zum Tschudi-Palast, dem besterhaltenen und renovierten Gebäude, laufen. Allerdings hält ziemlich bald ein mit einem peruanischen Paar besetztes Taxi und nimmt uns mit. Das ist doch wirklich super!
Die Außenmauer bildet eine hohe Lehmwand (fast wie eine Kasbah in Marokko), deren Tor wir nach Zahlung des Eintritts (1000 Sole für Studenten) passieren dürfen. Sehr beeindruckend ist der zentrale Saal, der religiösen Zeremonien diente, eine Fläche von ca. 50 x 50 m einnimmt und im oberen Teil durch waagerechte Lehm-Verzierungen geschmückt ist sowie unten rundherum durch meereswellen-symbolisierende Zeichen gekennzeichnet wird. Insgesamt sind zwar nur acht der mehrere hundert zählenden Wellen wirklich alt, aber dennoch ist die Wirkung beeindruckend. Der immer noch in Untersuchung und Renovierung befindliche Palast enthält viele weitere Räumlichkeiten, wie Andachtsräume, Konferenzräume, Ruheräume etc., die mit vielen Symbolen, bei denen der Pelikan eine große Rolle spielt, versehen sind.

Außenmauer des Tschudi-Palastes in der Adobestadt Chan Chan [Bild: REM]

500 Jahre alte Lehm-Verzierungen, die Meereswellen symbolisieren [Bild: Rem]
Anschließend fahren wir per Bus 6 km weiter nach HUANCHACO, das direkt am Pazifik liegt. Hier essen wir zu fünft (die beiden Peruaner sind auch mit dabei) das berühmte Cebiche-Fischgericht. Ich bin nicht wenig erstaunt, als es sich als hyperpikanter, kalter Fisch-Salat herausstellt. Anschließend bestaunen wir die berühmten „Caballito de totora“ (Schilf-Pferdchen). Dieses sind aus Schilf hergestellte Bötchen, mit denen die Fischer Huanchacos heute noch genauso ausfahren, wie zu den Zeiten der Chimús und zuvor (vor 2000 Jahren).

„Caballito de totora“ in Huanchaco [Bild: REM]

Alleine ist man als Gringo niemals in Perú [Bild: REM]
Was wollen die peruanischen Soldaten an der Sonnenpyramide von uns?
Donnerstag, 29.03. Da morgens ja sowieso nie etwas los ist, verabreden wir uns erst für 9 Uhr und fahren dann mit Elena zusammen zu den „Huacas del Sol y de la Luna“ per Bus heraus. Diese Ruine der ehemals 80 m hohen Pyramide der Mochica Kultur liegt wieder am Rande der Trujillo-Oase in der Wüste. Glücklicherweise wird uns der ¾-stündige Marsch sehr reduziert, weil wir auf der Ladefläche eines Pick-ups mitgenommen werden. Am Fuß der bereits stark zerfallenen, aber immer noch recht hohen Sonnenpyramide (die Mondpyramide in etwas Entfernung ist kleiner) übt eine große Truppe peruanischer Soldaten im Sportdress. Die aus Adobe-Ziegeln errichtete Pyramide ist zwar schon sehr stark verwaschen (Regen, Witterung), aber dennoch sehr eindrucksvoll. Mit etwas schlechtem Gewissen besteigen wir sie dann und haben von oben einen herrlichen Ausblick auf Oase, Wüste, Berge und die Mondpyramide. Wir sind gerade 5 Minuten oben und haben einen kühlen, windigen Platz gefunden, als eine Horde von sechs bis acht Jungen hinterherklettert und uns „uralte“ indianische Fundstücke (Vasen, Figuren, Ketten, Scherben) anbietet, die sie heute Morgen erst gefunden hätten. Die Preise sind anfangs unverschämt, aber auf die Hälfte heruntergehandelt doch akzeptabel, so dass ich schließlich eine schöne Tonfigur erstehe, damit die Jungs wenigstens etwas Geld einnehmen. Schließlich klagt mir einer sein Leid: Vor drei Tagen habe ihm ein Amerikaner einen Scheck über 20 Dollar gegeben, den er bei einer Bank aber angeblich nur mit einem amerikanischen Pass einlösen könne. Ob wir ihm helfen könnten? Der Junge zeigt uns dann den Scheck: Es ist ein guter, gegengezeichneter American Express Reisescheck, mit dem er ohne Bankverbindung natürlich nichts machen kann. So raten wir ihm, zu einem Freund zu gehen, der ein Geschäft hat und es mit dessen Hilfe zu versuchen.

Hinter uns die Reste der berühmten Sonnenpyramide bei Trujillo [Bild: REM]

Beim Handel um eine Tonfigur auf der Sonnenpyramide [Bild: REM]
Wieder in der Stadt trinke ich meine erste „chicha“, ein fast schwarzes Getränk aus fermentiertem Mais, das von den Inkas stammt – schmeckt sehr gut. Anschließend buchen wir unsere Busse – Elena nach Cajamarca, wir nach Lima – und bringen unser Gepäck an die Busstation.
Erotische Töpferkunst im Casinetti-Museum
Unser nächstes Ziel ist das Casinetti-Museum. Dabei handelt es sich um das private Museum eines Tankstellenbesitzers (!!), der Unmengen von prä-hispanischen Keramiken gesammelt hat. Er erklärt uns persönlich viele Gefäße seiner riesigen Sammlung, die im Keller unter der Tankstelle untergebracht ist. Besonders auffällig und bedeutend sind die Darstellungen von Chinesen mit Bärten (Indios haben kaum einen Bart), Schwarzhäutigen und anderen Kuriositäten, deren Bekanntsein zu dieser Zeit bisher nicht erklärt werden kann! Auch sehen wir einen Embryo ohne Hals und mit Vorliebe zeigt er uns die in einem separaten Schrank aufbewahrten erotischen Darstellungen: diverse Stellungen, Onanie, Homosexualität – es ist eben nichts neu auf dieser Welt!
Abends gehen wir dann essen und Elena und ich kriegen je zwei große Stück gegrilltes Fleisch und dazu Salat – sehr gut. Währenddessen hat Jürgen allerdings mal wieder Magen-Darm-Probleme und der Ärmste muss bei einer Cola darben! Anschließend gehen wir zum Plaza de Armas (Hauptplatz, wie in allen peruanischen Städten), wo ich einen Jungen bei den Englisch-Hausaufgaben unterstütze. Schließlich gehen wir um kurz vor 21 Uhr zum Bus, wo wir mit einem Riesengeschrei empfangen werden, denn der Bus führe nicht – wie angekündigt – um 21:30 Uhr, sondern bereits um 21 Uhr. So haben alle auf uns warten müssen. Nach einer schnellen Verabschiedung von Elena geht die Post dann auch schon ab.
Freitag, 30.03. Nach 8½ Stunden und 561 km Fahrt im brasilianischen MarcoPolo-Superbus kommen wir um 5 Uhr morgens in LIMA an. Hier ist natürlich „tote Hose“ und wir sitzen ohne Cafetería oder dergleichen am kleinen Busbahnhof fest. Glücklicherweise finde ich dann aber einen Straßenhändler, der mir wenigstens einen Orangensaft macht. Nach dem Gebrauch des hier ansonsten nicht üblichen türkischen (Steh-)Klos und dem Zähneputzen über der Piss-Rinne (sehr romantisch!) bin ich wieder fit. Dann folgt unser Entscheidungsfindungsprozess, der damit endet, dass wir nicht in Lima bleiben wollen, sondern stattdessen gleich Richtung Süden weiterfahren, um Lima ganz am Ende unserer Reise anzusehen. Durch die sich langsam belebende Stadt gehen wir zur Bus-Gesellschaft Tepsa, wo es zunächst heißt, um 8 Uhr führe ein Bus, dann wird es jedoch revidiert und heißt, um 13:30 Uhr und schließlich kriegen wir doch eine Karte für den 9-Uhr-Bus!
Bis dahin gehen wir noch quer durch die Stadt zur Hauptpost, um zu sehen, ob dort etwas postlagernd (wir befinden uns noch in analogen Zeiten!) für uns liegt. Dem ist aber leider nicht so, so dass wir nach einem schnellen Frühstück zu Tepsa zurückkehren und dann gleich zur nächsten Busfahrt – endlich einmal bei Tage – starten. Es dauert allein fast 1½ Stunden bis wir durch das chaotische Verkehrsgewühl der 5 Mio.-Stadt Lima hindurch sind. Aber dann kommt ziemlich bald wieder die Wüstengegend und Stunde um Stunde fahren wir weiter in Richtung Süden.
Flug über die Linien von Nazca, die bereits Generationen von Forschern beschäftigen
Die Wüstenlandschaft wechselt sich ab und zu mit bewässerten und bebauten Flächen ab, die meistens im Umkreis der Städte liegen. Zum Beispiel die Weinbaugebiete bei Ica und Pisco. Ansonsten gibt es nur Sand, Steine, leichte Hügel und Sonne. Nach einiger Zeit führt die Straße dann direkt ans Meer, so dass man fast das Gefühl hat, an einem riesigen Strand entlangzufahren. Zur Mittagspause esse ich Kuhfüße – sehr delikat. Nach 10 Stunden Fahrt kommen wir dann um 16 Uhr endlich in NAZCA an.
Am Busbahnhof werden wir gleich von einem Typen abgefangen, der uns zu einem Hotel führen will. Das ist mir ja nicht so lieb, aber als er erzählt, dass es nur 4000 Soles kostet, und es im SAH außerdem besonders erwähnt wird, fahren wir doch mit ihm ins nahe Zentrum. Das Hotel ist sehr ordentlich und nett, und es sind noch einige andere Gringos da. Dort kaufen wir auch noch je ein Ticket für 20 US-$ für einen Rundflug über die berühmten Linien von Nazca. Dabei handelt es sich um prä-kolumbianische Zeichnungen, die die Menschen der Nazca-Kultur (bis ca. 900 n.Chr.) im Wüstenboden geschaffen haben. Die riesigen Zeichnungen, die bis zu 50 x 50 m groß sind, können wegen der Dimensionen nur vom Flugzeug aus erkannt werden und geben der Wissenschaft noch heute große Rätsel auf.
Um die Lösung dieser Rätsel bemüht sich die hier seit 45 Jahren lebende Deutsche Maria Reiche, die bereits über 80 Jahre alt ist und noch immer daran arbeitet. Sie gibt bei Bedarf abends eine Konferenz im Hotel Turista, wo sie auch wohnt. Dafür bedarf es mindestens 12 Leute, denen sie dann entsprechende Fragen beantwortet. Ein Schweizer ist gerade dabei, die notwendige Anzahl von Personen zusammenzubekommen, und wir melden uns auch an. Die Zeit bis dahin verbringen wir damit, unsere Wäsche zu waschen, was extrem dringend ist (Handpumpe!).
Um 19 Uhr treffen sich alle im Foyer des Hotels, wo es zunächst heißt, die Konferenz falle aus, da „Señora Maria“ sich nicht wohl fühle. Dann klappt es aber irgendwie doch. Wir stehen alle vor ihrem kleinen Appartement und die völlig gebrechliche, alte Dame schlurft langsam zu einem Stuhl, auf dem sie sich mühsam niederlässt. Mit ganz leiser, kaum verständlicher Stimme und ständig zitternd beantwortet sie dann auf Englisch diverse Fragen und am Ende kann man noch ein kleines Buch von ihr kaufen, das sie über ihre Forschungen veröffentlicht hat. Das Interessante an der Konferenz ist eigentlich eher, die alte Dame kennenzulernen, die 45 Jahre in der Wüste verbracht hat, um Zeichnungen zu erforschen, als der eigentliche Inhalt ihrer Aussagen.
Samstag, 31. 03. Morgens werden wir pünktlich um 8 Uhr am Hotel abgeholt und zum Flughafen gebracht. Wir steigen in eine 24 Jahre alte Maschine, wo ich in der Mitte zum Sitzen komme – was sich zum Fotografieren später doch als Vorteil herausstellt – und die achtsitzige Maschine wird mit neun Leuten besetzt. Nachdem der Pilot – auf einer Pobacke und mit einem Arm aus dem Fenster – auch sitzt, springt die Maschine mit einigen Schwierigkeiten doch an, und wir starten auf der Schotterpiste zum Flug über die Nazca-Linien. Man kann die einzelnen Figuren (Vögel, Spinne, Affe etc.), die laut Maria Reiche einen überdimensionalen, astronomischen Kalender darstellen, sehr gut erkennen und auch fotografieren. Neben den Figuren ist auch eine große Anzahl von riesigen Dreiecken und unendlich viele, schnurgerade Linien zu erkennen, deren Sinn und Zweck noch weniger bekannt sind und Erich von Däniken in den 1960er Jahren zu seinen merkwürdigen Theorien inspiriert hatte. Nach nur rund 10 Minuten endet der äußerst interessante Flug.

Mit dieser 24 Jahre alten, fliegenden Büchse erkunden wir die Linien von Nazca [Bild: REM]

Mit etwas Phantasie sieht man hier einen Vogel [Bild: REM]

Hier erkennen einige „Wissenschaftler“ prä-inkaische Landebahnen von Astronauten [Bild: REM]
Ein 1000 Jahre alter Friedhof mit guterhaltenen Mumien
Wieder im Hotel entscheiden wir uns zu einer weiteren Exkursion und sind schon eine Stunde später in einem 19 Jahre alten Opel mit sieben Personen zu einem Friedhof aus der Prä-Inka-Zeit unterwegs. Dafür geht es 30 km auf der Panamericana durch die Wüste (dabei eine Reparatur) und dann weitere 5 km auf wilden, kaum als solche erkennbaren Wegen, bis wir an diesen Friedhof kommen. Er liegt völlig frei und unbeaufsichtigt in der Wüste, so dass hier alle Fremdenführer nach Herzenslust herumbuddeln können, ohne von Forschern belästigt zu werden. Dementsprechend sieht es auch aus: Überall liegen Schädel, Knochen und Teile davon herum. Dazwischen Scherben von Tonkrügen und Überreste der über 1000 Jahre alten Kleidung. Am erstaunlichsten, abschreckendsten und interessantesten sind aber die hier und dort aufgestellten Gruppen von drei oder vier Mumien, an denen noch Haut, Fingernägel, Haare etc. zu erkennen sind. Alles das konnte hier so gut überdauern, weil die Nazca-Wüste zu den trockensten Gebieten der Erde gehört und deswegen kaum etwas altert und verrottet. Da die Sonneneinstrahlung der Verwesung aber doch Vorschub leistet, graben die Fremdenführer ab und zu frische Mumien aus und ersetzen damit die „alten“, wie er uns stolz erklärt. An einer Gruppe reklamieren wir einen Erwachsenen-Schädel auf einer Kinder-Mumie und der Führer nimmt beherzt den Kopf ab, sucht einen kleineren und erklärt, sie hätten halt keinen passenden gefunden. Sehr makaber!

Auf einem prä-inkaischen Friedhof bei Nazca [Bild: REM]

Die Führer kreieren hier „ihre“ Mumien [Bild: REM]
Sonntag, 01.04. Morgens werden wir tatsächlich pünktlich geweckt und sind um 3 Uhr an der Busstation von Nazca. Hier hat eine Frau sogar einen Tisch aufgebaut, und es gibt warmen Kaffee und Käsebrote. Das hätte ich hier nie erwartet! Unser Bus hat zum Glück eine Stunde Verspätung, so dass wir um ½ 5 Uhr in Richtung Süden losfahren und zunächst weiterschlafen, denn wir kriegen tatsächlich Sitzplätze. Um 8 Uhr gibt es an einer Station mitten in der Wüste Frühstück, wobei ich erstmalig sehe, wie die Milch für einen Café con leche zustande kommt: Kondensmilch mit heißem Wasser! Und schmeckt trotzdem!
Die Weiterfahrt ist sehr schön und interessant: Die Wüste ist hier recht gebirgig, und es geht oft auf und ab. Teilweise führt die Straße in den Felsen direkt am Meer entlang und teilweise durch sandige, heiße Wüste. Am schönsten sind aber immer die Flussoasen, die hier direkt vor den Mündungen der Flüsse ins Meer sehr breit und fruchtbar sind. Von oben kommt man an den Rand der Wüste, sieht ausgedehnte grüne Felder, Palmen, Bananenstauden usw. und fährt dann in dieses Paradies hinunter, durchquert es und auf der anderen Seite geht’s wieder bergauf.

Blick auf den Pazifik an der Panamericana südlich von Nazca [Bild: REM]

Eine der zahlreichen Oasen an Flussmündungen in den Pazifik [Bild: REM]
Bekommen uns die gebratenen Meerschweinchen in Arequipa?
Schließlich fahren wir vom Meer weg ins Landesinnere und kommen immer höher in die Berge, die zwar eine schöne rote Farbe haben (wie das Atlas-Gebirge in Marokko), aber keinerlei Vegetation aufweisen. Schließlich kommen wir nach zehn Stunden Fahrt in AREQUIPA an, das auf 2.300 m Höhe liegt. Das Klima ist herrlich – warm und trocken – und wir finden schnell das uns bereits in Nazca empfohlene Hotel Guzman, das in einem schönen alten Kolonialgebäude mit Innenhof untergebracht ist. Dieses Haus ist – wie die meisten Gebäude hier – aus vulkanischem, leichtem, weißem Gestein gebaut, das sich offensichtlich einfach bearbeiten lässt. Deshalb wird Arequipa auch die „weiße Stadt“ genannt. Mit dem Deutschen Sönke, den wir im Bus kennengelernt haben, nehmen wir zu dritt ein Zimmer. Der Inhaber des Hotels nimmt uns dann mit zu einer Folklore-Veranstaltung. Dort genießen wir 2½ Stunden lang mehr oder minder gute peruanische Volkstänze, die teilweise auch recht humoristisch sind.

Folklore-Veranstaltung in einer peruanischen Turnhalle [Bild: REM]
Montag, 02.04. Frühstück gibt es im recht schönen, alten Innenhof unseres Hotels in der prallen Sonne. Diese tut mir ganz gut, da ich ziemlich erkältet bin und trotz der angenehmen Wärme einen Pullover trage. Anschließend gehen wir ins nahe Zentrum, um das Touristenbüro zu suchen. Dabei kommen wir zum herrlichen Plaza de Armas, dessen palmengesäumte Mitte an drei Seiten von zweistöckigen Kolonnaden und an der vierten von der Kathedrale umgeben wird – ein sehr schöner Platz! Uns gelingt es dann, wenigstens eine sehr schlechte Fotokopie eines Stadtplanes von Arequipa zu erhalten.

Plaza de Armas in Arequipa mit zweistöckigen Kolonnaden [Bild: REM]

Die eindrucksvolle Kathedrale von Arequipa [Bild: REM]
Nach dem Besuch des Santa Catalina Klosters essen wir bei Hare Krishna
Als nächstes gehen wir zum Bahnhof, um uns nach einem Zug nach Puno am Titicacasee zu erkundigen. Zu unserer Enttäuschung erfahren wir hier, dass wegen eines Eisenbahnunglückes vor vier Tagen (mit einem Toten) eine Brücke auf der Strecke unbenutzbar ist. An dieser wird tagsüber repariert und deswegen fährt der Vormittagszug nicht, sondern lediglich täglich ein Zug um 21 Uhr. Nicht sehr günstig, denn das bedeutet, dass wir nachts fahren müssen und nichts sehen. Und gerade diese Strecke, die durch die Berge auf über 4.000 müM führt, wäre sicherlich sehr interessant. Also müssen wir doch per Bus fahren! So starten wir eine Umfrageaktion bei vielen Busgesellschaften, die ergibt, dass die Busse auch nur am Spätnachmittag losfahren – also das gleiche. Dann fahren wir eben doch per Zug. Aber der Fahrkartenschalter macht erst am Nachmittag wieder auf. So gehen wir jetzt zum berühmten Santa Catalina Kloster, das mitten in der Stadt liegt. Für den wahnsinnigen Eintrittspreis von 6.000 Soles erhalten wir Tickets und besichtigen das Kloster, das fast eine Stadt in der Stadt bildet. Die alten Teile sind alle für Besucher freigegeben, während in den neueren noch heute 30 Nonnen leben. Es gibt herrliche Innenhöfe mit Schatten, viele Gemeinschaftsräume, zahlreiche Unterkünfte der einzelnen Nonnen mit Küche, Backofen etc. Die Straßen tragen eigene Namen, wir sehen eine Waschstraße mit großen Amphoren zum Wäschewaschen, eine Kapelle, eine große Kirche etc. etc. Es ist wirklich ein äußerst beindruckendes Bauwerk. Zum Schluss genießen wir noch in der klostereigenen Bäckerei hergestellten Kuchen.

Innenhof des Klosters Santa Catalina [Bild: REM]

Innerhalb des Kloster Sta. Catalina [Bild: REM]
Am Abend gehen Sönke und ich unter Jürgens Protest in ein neben dem Hotel gelegenes indisches, vegetarisches Restaurant, das von Hare-Krishna-Leuten geführt wird. Wir essen hier hervorragend und endlich einmal etwas anders. Dabei lernen wir noch ein paar weitere Leute kennen und gehen anschließend (hier gibt es natürlich keinen Alkohol!) in ein Lokal am Plaza de Armas, das von einer 80jährigen Schweizerin geführt wird. Hier genießen wir Pisco Sour und die Oma erzählt ganz interessant aus ihrem langen Leben in Peru.
Dienstag, 03.04. Unser Frühstück genießen wir im ersten Stock der Kolonaden mit tollem Blick auf den Plaza de Armas und den hinter der Kathedrale sichtbaren Vulkan Misti, der heute in der Sonne liegt. Anschließend kriegen wir tatsächlich unsere Zugfahrkarten am Bahnhof, die wir am vorigen Nachmittag nicht erhalten konnten, da nur Karten für den jeweils laufenden Tag verkauft werden. Die Abfahrtszeit ist bereits auch wieder geändert worden und bleibt hoffentlich bis zum Abend, so dass es um 22 Uhr losgehen soll. Wir kaufen jetzt Karten 1. Klasse, da an der zweiten eine Riesenschlange steht und nicht sicher ist, ob es überhaupt noch Karten gibt, wenn wir schließlich an der Reihe sein werden. Übrigens soll in dem Zug fürchterlich viel gestohlen werden (laut SAH werden 80% der Gringos beklaut) – mal sehen, wie wir das hinkriegen!

Die Kathedrale mit dem schemenhaft erkennbaren Vulkan Misti im Hintergrund [Bild: REM]
Schaffen wir den abendlichen Zugwechsel auf dem Altiplano auf 4.200 Höhenmeter?
Eine Stunde vor der Abfahrt (vielleicht fährt der Zug ja eher?) sind wir dann am Bahnhof und kriegen in dem angegebenen Waggon tatsächlich unsere reservierten Plätze. Der Zug, der seit seiner Ankunft am Morgen hier steht, wird langsam immer voller und um Punkt 22:00 Uhr fährt er vollbesetzt los, nachdem alle Händler und Verkäufer [wichtigster Artikel sind Tabletten gegen Soroche (Höhenkrankheit), die sich oberhalb von 3000 müM durch heftige Übelkeit manifestiert] raus sind. Eine unerwartete Pünktlichkeit! Alle Plätze sind belegt, die Gepäcknetze reichen bei weitem nicht aus, so dass die Gänge auch voller Gepäck liegen. Die Velourssitze sind sehr sauber und ordentlich, aber fürchterlich eng und die Lehne steil. Wenn man auf den kurzen Sitzen weiter nach vorn rutscht, hat man gleich eine Stange am Po, ein Schmerz, den wir noch drei Tage später spüren werden – die Busse sind doch gemütlicher. Nachdem wir eine halbe Stunde unterwegs sind (Tempo à la Borkumer Kleinbahn!), halten wir 40 Minuten an, bis ein Gegenzug kommt und dann geht’s schon wieder weiter. So rattern wir langsam Stunde um Stunde dahin. Manchmal nickt man auf den engen Sitzen etwas ein – am besten, indem man den Kopf auf die Tischplatte legt, die immer zwischen den gegenüberliegenden Sitzen befestigt ist. Es gibt sogar eine Heizung im Zug, ohne die es bestimmt zu kalt wäre, aber so ist es sehr heiß. Ab und zu hält der Zug an und es steigen ein paar Indios ein, so dass die Gänge nicht nur mit Gepäck, sondern auch mit zahlreichen stehenden Menschen belegt sind. In der zweiten Klasse wird es noch entsprechend schlimmer sein.
Mittwoch, 04.04. Als es gegen 18 Uhr kälter wird, wacht langsam alles auf und bei Bedarf kann man über Menschen und Gepäck klettern, über die verkotzte Plattform gehen und sich dann im völlig verschissenen Klo die Hände waschen – oder man lässt es halt bleiben. Letzteres bevorzuge ich. Mit einem Tempo, bei dem man ungelogen aussteigen könnte, um nebenherzugehen, fahren wir über die auf über 4.000 müM gelegene Hochebene Altiplano, die einen großen Teil Südperus und Boliviens bildet. Es gibt keine Bäume, nur Felsen und Gras und im Hintergrund stehen schneebedeckte Berge, die sogar weit über 5.000 m hoch sind. Zwischendurch sieht man immer wieder Indiofrauen in bunter Kleidung, die Herden von Schafen und Lamas hüten.
Um 19 Uhr kommen wir schließlich in völliger Dunkelheit an die Stelle, wo vor ein paar Tagen die Brücke zusammengebrochen ist. Der Zug hält und in einem riesigen Tohuwabohu steigen alle aus. Da stehen wir also bei ziemlicher Kälte in 4.200 m Höhe auf dem Altiplano inmitten hunderter von Menschen (ein Wunder, wie die in nur sieben Waggons passten) und müssen losmarschieren. Schnell sind wir an einer kleinen Behelfsbrücke, die neben der nicht viel besseren und zurzeit in Reparatur befindlichen Eisenbahnbrücke liegt und über einen kleinen, stark strömenden Fluss führt. Hier also waren die Waggons entgleist, die wir zuvor total verbeult und demoliert an einem Bahnhof hatten stehen sehen. Auf der anderen Flussseite sind natürlich noch keine Waggons zu sehen, so dass sich langsam eine Art Heerlager von Indios und einigen Gringos ansammelt. Dazwischen immer Indiomuttis, die heißen Kaffee (Teekessel in Stroh und Stoff eingewickelt), Brot, Sandwichs, Reis, Fleisch etc. verkaufen. Außerdem babystillende Muttis, schreiende Kinder, stoisch ruhige Opas, unter der Höhe leidende Gringos, hemmungslos in die Gegend pissende Jungs und viele weitere lohnende Fotoobjekte.

Unser Zug hält auf dem Altiplano im Nirgendwo und alle müssen raus [Bild: REM]

Über diese kleine provisorische Brücke müssen alle Reisende zu Fuß auf die andere Seite [Bild: REM]

Im Nu bieten geschäftstüchtige Indios Waren an, die reißenden Absatz finden [Bild: REM]
Nach Mitternacht kommen wir in Puno am Lago Titicaca auf 3.812 müM an
Nach zwei Stunden langsamer Fahrt kommen wir nach JULIACA, wo sich die Strecken nach Cuzco und Puno trennen. Angeblich fährt unser Waggon nach Cuzco, also müssen wir alle raus und alle wie Bahnbeamte aussehenden Männer werden mit Fragen überfallen, wo, wie, wann es weiterginge. Es heißt dann, der nächste Waggon führe nach Puno – also dort wieder rein. Dann rangieren wir in dem fürchterlichen Dreckskaff Juliaca (alles steht unter Wasser, ist ungepflastert und es gibt nur Lehmhäuser, aber trotzdem schmecken und bekommen uns die von fliegenden Händlern verkauften Fleisch-Empanadas gut, denn man sieht ja nicht, wie sie gemacht wurden), ewig hin und her. Dann heißt es, der Zug führe doch nach Cuzco, dann wieder nach Puno usw. Schließlich geht’s dann wirklich los – hoffentlich in die richtige Richtung!?! Bald kommen wir an die ersten Sumpfausläufer des Titicaca-Sees. Spontan müssen wir die Fenster schließen, weil wir von Myriaden Mücken überfallen zu werden drohen. Die Indios – andere Menschen wohnen in dieser Höhe von 3.812 m (See) nicht – stehen teilweise bis zu den Knien im Wasser und Dreck, mähen Gras, bewachen Schafe usw. Die Hütten sind nur aus Lehm und weitaus schlechter als in der Ost-Türkei. Wirklich ein Hundeleben. Am Ufer sieht man oft die Schilfboote, die denen aus Huanchaco (bei Trujillo) ähnlich sind. Schließlich kommen wir gegen Mitternacht nach 14½ Stunden Fahrt (350 km), also Durchschnitt von 25 km/h, in PUNO am Titicaca-See in 3.812 m Höhe an. Und uns hat weder die Höhenkrankheit soroche erwischt, noch sind wir einem Diebstahl zum Opfer gefallen – für beides ist die Wahrscheinlichkeit gering, nicht betroffen zu werden, aber heute haben wir einfach viel Glück gehabt!
Zugegebenermaßen machen uns die Fahrt, der wenige Schlaf und die Höhe doch etwas aus und nach einigem Hin und Her bringt uns jemand zum Hotel „Uros“, wo wir uns gleich hinlegen und eine Stunde schlafen. Anschließend gehen wir völlig schlapp etwas essen und durchwandern den einigermaßen ordentlichen, kleinen Ort Puno, ohne aber den Mumm für größere Unternehmungen zu haben. Wir kaufen noch Karten für die Weiterfahrt und schauen uns auch noch einige Alpaca-Pullover an, die es hier für ca. 15.000 Sole gibt. Nach einem steifen Grog gehen wir im eiskalten Hotel unter vier doppelten Wolldecken schlafen.
Donnerstag, 05.04. Das Wecken klappt morgens – wie erwartet – nicht, so kommen wir wieder einmal ohne Frühstück zum Bus, der uns an die bolivianische Grenze bringen soll. Wir haben uns nämlich lange überlegt, ob wir noch nach La Paz fahren wollen, oder ob die Zeit dafür nicht reicht. Ich war eigentlich dagegen und wollte lieber den Inka-Trail auf den Machu Picchu machen. Aber Jürgen hat mich überredet, doch noch nach Bolivien zu fahren. So sitzen wir jetzt also im Minibus, der uns nach Copacabana bringen soll. Der Ort liegt auf einer Halbinsel im Titicaca-See, die an peruanisches Gebiet grenzt, aber bereits zu Bolivien gehört.
lm Bus geht es am Titicaca-See entlang, wobei links der knallblaue See (fast wie der Van Gölü in der Ost-Türkei) liegt und im Schilf seicht ans Ufer schlägt. Aus dem Schilf machen die Campesinos (man soll nicht Indios sagen!) hier kleine Boote zum Fischen. Rechts vom Bus geht die Hochebene Altiplano weiter mit zahlreichen Schaf- und Lamaherden, die von Indiofrauen bewacht werden. Viele Ochsengespanne sind auch zu sehen, die mit hölzernen Hakenpflügen den Boden aufreißen. Bis JULI fahren wir direkt am See entlang und kommen dann vom Ufer weg. Neben mir sitzt ein kolumbianischer Hare Krishna Jünger, der die ganze Zeit leise betet. Dann erreichen wir die Halbinsel und den Grenzort YUNGEEO. Zuerst fahren wir beim bolivianischen Konsulat vor, damit die Franzosen, Chilenen und Kolumbianer ein Visum erhalten können (wir brauchen keines). Das klappt jedoch nur bei dem Franzosen und so fahren wir weiter an die Grenze. Zwischendurch steigt noch ein Geldwechsler ein (in Bolivien soll man angeblich schwarz wechseln), bei dem wir 20 US-$ wechseln. Dafür erhalten wir 60.000 bolivianische Pesos. Da der größte Schein (erst seit einem Jahr im Umlauf!) nur 1000 Pesos wert ist, erhalten wir einen Packen von 60 Scheinen. Ein europäisches Portemonnaie ist also nicht mehr einsetzbar.

An der peruanisch-bolivianischen Grenze bei Copacabana am Lago Titicaca [Bild: REM]
Der Wallfahrtsort Copacabana
Bevor wir unseren Ausreisestempel von Peru erhalten, frage ich, ob wir in ein paar Tagen auch ohne Probleme wieder einreisen könnten: „Claro, Perú es un pais libre“, lautet die fast beleidigte Antwort des Grenzbeamten. Für 200 Pesos (20 ₰) erhalten wir einen Einreisestempel für Bolivien und die Fahrt geht weiter. Nachdem wir die visalosen Chilenen und Kolumbianer an einer Kontrollstelle zurücklassen mussten, kommen wir ½ Stunde später in COPACABANA an. Wir kriegen gleich ein sehr sauberes Zimmer für 700 Pesos à Person (ca. 60 ₰!!). Dieses ist die billigste, aber bei weitem nicht schlechteste Übernachtung meines Lebens, an die selbst ägyptische Preise nicht tippen können. Übrigens sollte dieser Ort Copacabana am Titicaca-See nicht mit dem gleichnamigen Strand in Rio de Janeiro (also Brasilien) verwechselt werden, der tausende Kilometer entfernt jenseits der Anden am Atlantik liegt.
Anschließend gehen wir gut und ebenso preiswert essen, allerdings ist die Auswahl nicht groß. Da wir vorhaben, zur berühmten „Isla del Sol“ im Titicaca-See zu fahren, gehen wir dann ‚runter zum Hafen, um uns nach Fahrpreisen und -zeiten zu erkundigen. Hier sind die Preise schon wieder touristischer: 40.000 Pesos für ein Motorboot, 25.000 Pesos für ein Segelboot und 20.000 für ein Ruderboot (13; 8,50 bzw. 7 US-$), jeweils von morgens bis nachmittags für’s ganze Boot. Schließlich verabreden wir uns mit dem Segler für 6 Uhr morgens. Dann will er uns mit seinem kleinen Boot „Joven Juanito“ zur Insel bringen, an zwei Seiten anlegen, wo man die Ruinen der Inkas besichtigen kann und zurückfahren. Wir sollen für einen Tag Verpflegung einkaufen, da es auf der Insel nichts zu kaufen gäbe. Hierbei stoßen wir schon bald aufs nächste Problem: es ist einfach unmöglich, Brot zu kaufen! So etwas habe ich noch nie erlebt – aber im ganzen Dorf gibt es tatsächlich kein Brot. So erstehen wir lediglich eine Dose Thunfisch und eine Dose Fleisch, die jeweils mehr kosten als eine Übernachtung! Brot soll es am nächsten Morgen ab 5 Uhr geben.
Copacabana ist einer der wichtigsten Wallfahrtsorte Südamerikas, so dass wir nicht nur die riesige, z.T. an eine Moschee erinnernde Basilika besuchen, sondern auch den heiligen Berg, der direkt am See liegt. Auf diesen führt eine breite Treppe mit zehn großen Kreuzen, die die Stationen für die Prozession bilden. Da Copacabana, wie der See, bereits auf 3.812 m liegt und der Berg noch ca. 250 m höher ist (also über 4.000 m), kommen wir völlig fertig und aus dem letzten Loch pfeifend – trotz einiger Stops – oben an. Jedoch mehr als die Kreuze, Altare, Opferstätten etc. bewegt uns der Blick auf den knall-dunkelblauen, „unverschämt blauen“ (Renz) See, der zusammen mit den dahinterliegenden, z.T. schneebedeckten Bergen eine herrliche Einheit bildet.

Die Wallfahrtskirche in Copacabana [Bild: REM]

Der „unverschämt blaue“ Titicaca-See [Bild: REM]
Erreichen wir die Ruinen auf der Isla del Sol im Titicaca-See?
Freitag, 06.04. Obwohl heute nicht Freitag der dreizehnte ist, starten wir bereits mit einigen Herausforderungen in den Tag. Zunächst werden wir nicht, wie fest versprochen, um 5 Uhr geweckt. Dann fehlen auf der Leine die zum Trocknen aufgehängten Bade- und Unterhosen von mir und das Handtuch von Jürgen. Unser erster Diebstahl, und das in Bolivien, das am sichersten sein soll. Schließlich hat der Markt noch geschlossen, obwohl es zuvor hieß, er mache schon um 5 Uhr auf und wir können weder Brot noch Getränke einkaufen. Gar nicht gut! Dafür ist unser Schiffer nicht wie verabredet um 6 Uhr am Boot, und wir stehen dumm in der eiskalten Dunkelheit des frühen Morgens. Wir gehen wieder zum Markt rauf, der schließlich um ½ 7 aufmacht, und wir kriegen wenigstens heißen Kaffee (es ist affenkalt). Aber Brot ist nicht zu kaufen und selbst zum Kaffee gibt es nicht mehr als zwei Stück pro Person, die wir uns vom Munde absparen. Das gibt’s ja nicht einmal im Ostblock! Kurz vor 7 Uhr sind wir dann am Boot und der Schiffer macht das Segel fest, aber aus irgendwelchen Gründen soll uns jemand anderes fahren. Mit einem älteren Mann und einem kleinen Jungen zusammen geht’s dann rudernd los in unserem „Äppelkahn“. Bald wird das Segel (aus alten Zuckersäcken zusammengenäht und der Rest ebenso improvisiert) hochgezogen, aber aus Mangel an Wind bald wieder eingezogen und der Mann rudert uns stattdessen.

Rudernd werden wir in diesem Boot über den Titicaca-See bewegt [Bild: REM]
Auf dieser Insel soll nach Inkasagen die Welt – ähnlich wie in der Bibel beschrieben – erschaffen worden sein und hier stand vermutlich auch die Wiege der Inka-Kultur, wovon noch einige Ruinen zeugen, die wir gern besichtigen möchten (u. a. der Sonnentempel, und das Kloster der Sonnenjungfrauen). Oberhalb der Anlegestelle ist gleich eine kleine, unscheinbare Ruine, die ich nicht als Inka-Original erkannt hätte, wie es der Schiffer behauptet. Die ganze Seite der Insel ist in Terrassen gegliedert, wo zu Inkazeiten Landwirtschaft betrieben wurde. Heute liegen sie jedoch verlassen und z.T. zerstört da. Ziemlich aus der Puste kommend und so die Art des Anlegens der Terrassen noch mehr bewundernd, erreichen wir die Inkaruine, von der wir fast glauben, sie ist nachträglich für Touristen erbaut worden – wer weiß? Aber uns erwarten ja noch andere Ruinen auf der anderen Seite der Insel.

Blick von der Isla del Sol über die Terrassen auf die Isla de la Luna [Bild: REM]

Campesinos mit Lamas auf der Isla del Sol [Bild: REM]

Schafherde auf den uralten Terrassen [Bild: REM]
Die Rückfahrt geht etwas flotter, denn wir können fast alles segeln, da glücklicherweise etwas Wind aufgekommen ist. Aber der Sonnenbrand (insbesondere meine Nase) nimmt langsam schlimme Formen an. Nach knapp drei Stunden sind wie wieder in Copacabana. Wir gehen dann – nicht ganz glücklich und verbrannt – zu unserem Hotel zurück, wo niemand etwas von unseren gestohlenen Sachen weiß. Bolivien ist schon so ein spezielles Land! Dafür kriegen wir Buskarten für nur 1.000 Pesos à Person nach La Paz (150 km) für den nächsten Morgen. Schwieriger gestaltet sich dagegen die Suche nach einem Restaurant für’s Abendessen. Schließlich finden wir etwas im selben Lokal wie am Vorabend, wo der Wirt sehr nett ist. Und morgen geht es weiter nach La Paz, worauf wir bereits sehr gespannt sind!

Blick auf die Halbinsel Copacabana [Bild: REM]
Reiseführer/Reiseliteratur
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Und wie geht es weiter?
Im fünften und letzten Teil meines Südamerika-Tagebuchs werden wir anschließend an La Paz als weitere Highlights die Inka-Festung Machu Picchu sowie eine für Mensch und Material herausfordernde Busfahrt von Cusco über mehr als 4000 m hohe „Straßen“ bis nach Lima erleben.
Reiseberichte aus meinem Tagebuch Südamerika
Alle Peru-Reiseberichte hier im ReiseMagazin und ReiseBlog

Peru: maximale Entschleunigung auf der Insel Taquile im Titicacasee

Südamerika 1986: Backpacking in Peru [Vintage]

Peru/Bolivien: Wie wir erstaunlich gut den Altiplano meisterten [Vintage]

Anno 1984: Warum Peru für Rucksackreisende mehr als Kultur bietet [Vintage]

Atemlos in Peru: Mit dem Rucksack in die Anden

Peru 1984: Vom Titicacasee nach Machu Picchu

Meine Peru Rundreise. Wanderreise über den Regenbogenberg als Alternative zum Inka-Trail

Peru 1984: Von Lima bis zum Titicacasee. Eine Rucksackreise

Peru: Machu Picchu – der geheimnisvolle Berg?
Titelbild: Foto von Azzedine Rouichi. Titicacasee, schwimmende Uros Inseln
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