Russland: Reisen in der Provinz (Russische Impressionen, Teil 3)

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Tobolsker Kreml - Bild Ludwig Neudorfer 880px breit Lesedauer: 7 Minuten

Reisen in Russland

In den bisherigen zwei Teilen dieser Artikelserie habe ich mich großen Städten in Russland wie St. Petersburg und Kazan gewidmet. Wer russische Weite und russische Seele sucht, vielleicht angeregt durch die Dichter des 19. Jahrhunderts wie Tschechow und Gogol, wird sie weniger in den großen Städten finden als vielmehr in den kleineren Orten weit im Osten. Wie bereits im Beitrag über Kazan angeschnitten lebten meine Frau und ich vier Jahre lang in Jekaterinburg. Die Reisen und Ausflüge, die wir in dieser Zeit unternahmen, begannen meist in Jekaterinburg. Wenn Du eine der nachfolgenden Ausflüge unternehmen möchtest, wärst Du somit gut beraten, Dir einen Ausgangsort am mittleren Ural auszusuchen, um die zurückzulegende Strecke so kurz wie möglich zu halten.

Anders als z.B. in St. Petersburg, wo viele Menschen Fremdsprachen beherrschen, wirst Du, der Du Dich auf den Weg in die Provinz machst, diese Ausflüge nur realisieren können, wenn Du über ausreichende Russisch-Kenntnisse verfügst oder mit jemandem reist, der russisch spricht.

Tobolsk

Wissenswertes über die Stadt

Die Stadt liegt in Westsibirien und hat knapp 100.000 Einwohner. Sie liegt im Gebiet Tjumen und ist nach Tjumen die zweitgrößte und – 1587 gegründet – zweitälteste Stadt in dem Gebiet. Obwohl Tobolsk offiziell eine Großstadt ist, hat sie ihr dörfliches Flair behalten. Neben Russen leben in der Stadt verschiedene Völkerschaften, u.a. auch die asiatischen Völker der Chanten und Mansen, deren Hauptsiedlungsgebiet weiter nördlich liegt. Hauptsehenswürdigkeiten sind der steinerne Kreml sowie das Gefängnisschloss, in dem u.a. der Dichter Fjodor Dostojewski eingesperrt war. Bekannt ist Tobolsk auch für seine Knochenschnitzereien, u.a. aus Mammutknochen. Außerdem verfügt Tobolsk über einen wichtigen Umschlaghafen für Waren aus dem Norden.

Kreml; Foto: Ludwig Neudorfer

Anreise

Die Entfernung von Jekaterinburg nach Tobolsk beträgt knapp 600 km. In dem Beitrag über Kazan habe ich bereits über den besonderen Charme der Reise in einem russischen Zug berichtet. Diese Eindrücke wiederholen sich bei der Reise nach Tobolsk. Für die Reise benötigt man ca. 10 Stunden – fast könnte man während der Fahrt Blumen pflücken. Als wir mit unseren deutschen Freunden im Mai 2016 schließlich in Tobolsk ankommen, beginnen die Herausforderungen erst. So habe ich noch nicht erlebt, dass der Bahnhof 14 km von der Stadt entfernt ist. Man kommt also nicht darum herum, ein Taxi zu besteigen, um zum Bestimmungsort zu kommen. Der Bestimmungsort ist im konkreten Fall der Ort, wo wir unseren Mietwagen erwarten. Die Möglichkeiten, in Tobolsk einen Wagen anzumieten, mögen sich seit dem Jahr 2016 etwas verbessert haben, während des Zeitraums unserer Reise waren sie noch suboptimal.

Nach zahlreichen Telefonaten finden wir tatsächlich einen Pkw koreanischer Provenienz vor und können den Autoschlüssel entgegennehmen. Die Leihgebühr ist zwar recht niedrig, für die Qualität des Wagens aber immer noch unverhältnismäßig hoch. Es gibt kaum einen Fleck an dem Auto, der nicht verbeult ist; die hintere linke Tür lässt sich nicht schließen, und wenn ich den Wagen abstellen möchte, muss ich den Motor zunächst abwürgen, weil er ansonsten nicht ausgeht. Wir sind aber trotzdem glücklich, weil wir mit dem Fahrzeug Ausflüge in der Stadt und in die nähere Umgebung unternehmen können. Wir schaffen das alles, ohne eine einzige Panne zu erleben.

Übernachtung

Das ziemlich demolierte Mietfahrzeug bringt uns wohlbehalten zu unserer Übernachtungsstätte. Wir hatten Übernachtungen im Hoteltrakt des Kreml gebucht. Wer jemals nach Tobolsk kommt, dem sei eine Übernachtung im Kreml wärmstens empfohlen.

Kreml mit Sophienkathedrale; Foto: Ludwig Neudorfer

Es ist Mai, als wir uns in Tobolsk aufhalten, das Wetter ist sehr schön, trotzdem sind wir die einzigen Gäste, die Im Kreml übernachten, was möglicherweise an der Jahreszeit liegt, da Tobolsk ansonsten zu den beliebten Reisezielen in Sibirien gehören soll. Wir genießen auf jeden Fall den Aufenthalt im Kreml mit seinen schönen stilvollem Räumen und der ideal im Zentrum der Stadt gelegenen und mit herrlichem Blick auf die Unterstadt und den Fluss Irtysch ausgestattete Anlage. Die Rezeptionistin ist ausgesprochen nett und ermöglicht uns, am ersten Abend den mit Ledersesseln ausgestatteten schicken Raum hinter der Rezeption zu nutzen, um bei einem Gläschen Wein den Tag Revue passieren zu lassen.

Bummel durch Tobolsk

Wir bummeln durch die schöne Kreml-Anlage, machen einen Abstecher in die Unterstadt mit der Christi-Auferstehungskirche, kehren über den Schwedenpalast, in dem zu Anfang

Christi-Auferstehungs-Kirche; Foto: Ludwig Neudorfer

des 18. Jahrhundert schwedische Kriegsgefangene festgehalten wurden, zum Kreml zurück, passieren die Sophienkathedrale und das Kunstmuseum und kommen schließlich

Sophienkathedrale; Foto: Ludwig Neudorfer

zum Museum für Knochenschnitzkunst, wo wir die filigranen Kunstwerke bewundern. Inzwischen hat sich Hunger eingestellt und wir kehren im gegenüber dem Kreml gelegenen Restaurant Ladejnyj ein, dem Bau-Stil des 16 Jahrhunderts nachempfunden und mit sehr guter Küche ausgestattet.

Ladejnyj-Restaurant; Foto: Ludwig Neudorfer

Am nächsten Morgen suchen wir den Meister der Knochenschnitzkunst persönlich auf, der sich sehr viel Zeit nimmt und uns in unterhaltsamer Weise seine Kunst nahebringt. Besonders sagt uns eine wunderschön geschnitzte Kutsche aus Mammutknochen zu, bei deren Anblick wir uns kaum zurückhalten können, sie zu erwerben.

Mammutschnitz-Kunstwerke; Foto: Ludwig Neudorfer

Ausflug nach Abalak

Etwas mehr als 30 km von Tobolsk entfernt liegt das Dorf Abalak. Wir fühlen uns wie in frühere Jahrhunderte zurückversetzt. Pferdefuhrwerke kreuzen unseren Weg;

Pferdefuhrwerk auf den Straßen von Abalak; Foto: Ludwig Neudorfer

mit unserem bedingt fahrtüchtigen Fahrzeug sind wir als Nutzer motorisierter Fahrzeuge die Ausnahme. Hauptsehenswürdigkeit ist die nach verschiedenen Anläufen schließlich im Jahr 1686 erbaute Znamensky-Kathedrale innerhalb des gleichnamigen Klosters.

Znamensky-Kathedrale; Foto: Ludwig Neudorfer

Abalak bräuchte keine baulichen Sehenswürdigkeiten, allein der Blick auf den mächtigen Irtysch-Fluss lässt einen atemlos zurück.

Der Fluss Irtysch; Foto: Ludwig Neudorfer

Unweit des Klosters wurde vor wenigen Jahren der Tourismus-Komplex Abalak erbaut.

Tourismus-Komplex Abalak; Foto: Ludwig Neudorfer

Stilistisch ähnlich einer altsibirischen Festung lockt die Anlage mit ihren zahlreichen phantasievoll herausgearbeiteten Märchenfiguren jung und alt an. Im Mai sind wir als Besucher ziemlich allein. Auch das Restaurant in dem Tourismus-Komplex ist noch nicht auf Besucher eingestellt, so dass die Küche noch kalt ist und wir uns mit Getränken begnügen müssen.

Mit Elke vor dem Restaurant im Tourismus-Komplex; Foto: Ludwig Neudorfer

Am nächsten Morgen verlassen wir Tobolsk in unserem Mietwagen und kommen ohne technische Probleme am Bahnhof von Tobolsk an, wo wir das Fahrzeug an die Eigentümer zurückgeben und anschließend die Rückreise nach Jekaterinburg antreten.

 

Kungur

Wissenswertes über die Stadt

Kungur liegt ca. 300 km west-nordwestlich von Jekaterinburg entfernt und hat ca. 66.000 Einwohner. Geschichtlich sind v.a. zwei Phasen von herausragender Bedeutung:
1) Als 1578/1579 der Eroberer Jermak mit seinen Getreuen Zuflucht in der Eishöhle vor den Toren der Stadt fand
2) Als Tobolsk 1648 bzw. nach Zerstörung die Stadt erneut im Jahr 1663 erbaut wurde.

In späteren Jahrhunderten entwickelte sich Kungur zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort. Auch heute noch hat Kungur wirtschaftlich eine gewisse Bedeutung v.a. für die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte.
An Sehenswürdigkeiten verfügt die Stadt über zahlreiche gut erhaltene Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Der touristische Hauptanziehungspunkt ist jedoch mit großem Abstand die Eishöhle.

Anreise und Unterkunft

Meine Frau und ich unternehmen die Reise nach Kungar im Januar 2017. Zu dieser Zeit herrscht am Ural tiefster Winter, und alles ist tief verschneit. Mit Spike-Reifen kommt man aber gut voran.

Auf dem Weg nach Kungur; Foto: Ludwig Neudorfer

Die Gebäude der Stadt sind natürlich ebenfalls tief verschneit, so dass man vom Charme der Stadt wenig mitbekommt, außer dass hier und da eine Kirche aus dem Häusermeer herausragt.

Wir haben eine Unterkunft im Hotel “Stalagmit” gebucht, einem sozialistischen Zweckbau, der uns für eine Übernachtung ausreichend Bequemlichkeit bietet. Unweit des Hotels ist ein Park mit zahlreichen Holzfiguren angelegt, die an den Eroberer Jermak und seine Mitstreiter erinnern.

Das Jermak-Dorf; Foto: Ludwig Neudorfer

Jermak; Foto: Ludwig Neudorfer

Die Eishöhle

Am nächsten Morgen begeben wir uns zur nahegelegenen Eishöhle, die für den russischen Tourismus eine große Rolle spielt. Viele Interessenten stehen bereits am frühen Morgen  vor dem Tor, um auf Einlass zu warten. Die Temperaturen sind in der Höhe auf einem gleichbleibenden Niveau, etwas höher als außerhalb der Höhle.

Grotte in der Eishöhle; Foto: Ludwig Neudorfer

Korallengrotte; Foto: Ludwig Neudorfer

Eine weitere Grotte; Foto: Ludwig Neudorfer

Insgesamt ist die Höhle 5.600 m lang. Wenn man die eine oder andere Abkürzung nimmt, ist der Weg allerdings nicht ganz so lang. Für etwas Kurzweil sorgt auf halber Strecke eine gut gemachte Video-Show, in der die Geschichte Kungurs und der Höhle mit phantasievollen Grafiken wiedergegeben wird.

Der Besuch der Eishöhle ist ein Erlebnis, so dass wir keine Sekunde bereut haben, die insgesamt 600 km auf uns genommen zu haben.

Andrang in der Eishöhle:; Foto: Ludwig Neudorfer

Merkuschino und Werchoturje

Anreise

Wir schließen uns einer Busreise mit der Reisegesellschaft Tur-Ural nach Merkuschino und Werchoturje an. Von Jekaterinburg kommend legen wir im Februar 2017 fast 350 km auf schneebedeckten Straßen auf dem Weg nach Merkuschino zurück, begleitet von den temperamentvollen Kommentaren unserer lediglich russischsprachigen Reiseführerin. Die meisten der überwiegend weiblichen Mitreisenden nehmen die Fahrt aus religiösen Gründen auf sich, da wir auf den Spuren des heiligen Simeon von Werchoturje wandeln.

Winterlandschaft bei Merkuschino; Foto: Ludwig Neudorfer

Merkuschino

ist ein kleiner Ort, ca. 50 km von Werchoturje entfernt, das wir später besuchen. Merkuschino bezieht seine Bedeutung und Bekanntheit daraus, dass in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts der heilige Simeon von Werchoturje in dem Ort wirkte.

Kirche aller Heiligen; Foto: Ludwig Neudorfer

Simeon war ein Adliger, der sich nach Merkuschino zurückzog, um im Sommer zu beten und, um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, zu fischen. Im Winter fertigte er Mäntel für die Bauern und führte ansonsten ein einfaches, bescheidenes Leben. Eine Reihe von Wundertaten werden ihm zugeschrieben, was dazu führte, dass sich im Lauf der Jahrhunderte ein regelrechter Kult um seine Person entwickelte, vor allem im 19. Jahrhundert. Im Jahr 1642 starb er und wurde auf dem örtlichen Friedhof begraben. Im Jahr 1704 wurden seine Reliquien nach Werchoturje überführt. Merkuschino hatte zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch ca. 4.000 Einwohner (heute noch ca. 100) und ein intenisves religiöses Leben. In den 1930-er Jahren wurden alle Kirchen geschlossen, zweckemtfremdet und teilweise gesprengt (wie die Kirche des Erzengels Michael).

Merkushino - Kirche des Erzengels Michael; Foto: Armstrong White; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Kirche des Erzengels Michael; Foto: Armstrong White; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Bis zum Jahre 2004 wurden alle Kirchen restauriert. Inzwischen besuchen wieder viele Simeon-Pilger den Ort.

Werchoturje

Von Merkuschino reisen wir weiter nach Werchoturje. Werchoturje darf sich trotz seiner nur knapp 9.000 Einwohner Stadt nennen. Es ist den stattlichen Gebäuden anzusehen, dass Werchoturje eine bedeutende Vergangenheit hatte. Nicht zuletzt der prächtige Kreml zeugt von dieser früheren Bedeutung. Von ihm sind v.a. einige Portale sowie die Dreifaltigkeitskathedrale erhalten. Wie uns unsere Reiseführerin erzählte, beherbergte die Kathedrale einst eine prächtige Ikonensammlung, die dann allerdings dem Neid der Moskauer Zentrale weichen musste.

Dreifaltigkeitskathedrale; Foto: Ludwig Neudorfer

Ab Anfang des 17. Jahrhunderts hatte die Stadt Monopolstatus in Bezug auf den Transit nach Sibirien. Bis in das 18. Jahrhundert hatte Werchoturje eine Zollstelle und blieb vorübergehend ein wichtiger Transithandelspunkt. Anschließend ging es mit der Stadt in der wirtschaftlichen Bedeutung rapide bergab. Für die Bewohner des Städtchens sicher bedauerlich, für Touristen dagegen ein Gewinn, dass es von der industriellen Entwicklung in anderen Gegenden übergangen wurde und somit viele gut erhaltene architektonische Denkmäler bietet. Immerhin behielt es noch große Bedeutung als wichtiges religiöses Zentrum. So ist die Kreuzerhöhungskathedrale im Nikolaus-Kloster zwischen 1905 und 1913 zur drittgrößten Kirche in ganz Russland geworden.

 

Kreuzerhöhungskathedrale; Foto: brookcatherine53 Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Kreuzerhöhungskathedrale; Foto: brookcatherine53 Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Auch das 1621 gegründete Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kloster, das in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts von den Bolschewiken zweckentfremdet worden war, ist inzwischen wieder seinem ursprünglichen religiösen Zweck zurückgegeben.

Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kloster; Foto: Ludwig Neudorfer

Nach diesen für uns unerwarteten großartigen Eindrücken aus der russischen Provinz kehren wir am Abend nach Jekaterinburg zurück.

 

Reiseliteratur

Keiner der Orte, die in diesem Beitrag behandelt werden, gehört zu den von deutschen Touristen bevorzugten Zielgebieten, wenngleich sie allesamt durchaus reizvoll sind. Mir ist ein Buch aufgefallen, das zumindest Kungur, Werchoturje und Merkuschino behandelt:

Der Ural – Im Herzen Russlands* – herausgegeben von Marina Tschebotaewa unter Mitwirkung und Unterstützung von EnviroChemie

Der Ural - Im Herzen Russlands*

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Titelbild: Tobolsker Kreml.  Bild Ludwig Neudorfer

 

 
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