Armenien: Kaukasus, große Kulturen am Rande Europas, Teil 1

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Armenien - Kloster Haghartsin

Der Kaukasus

Der Kaukasus, eine Region zwischen Europa und Asien, in früheren Jahrhunderten an der Grenze des Russischen Reiches bzw. der Sowjetunion gelegen, hat von altersher die Phantasie von kreativen Köpfen inspiriert. Man denke an Alexandre Dumas, der Mitte des 19. Jahrhunderts die unwirtliche, gefährliche und bereits damals schon unruhige Region besuchte. Oder man denke an Michail Jurjewitsch Lermontow, der, eher unfreiwillig, in den 30-er Jahren des 19. Jahrhundert längere Zeit im Kauskasus verbrachte und in seinen Werken die Gegend lebendig werden ließ. Für jeden, der vorhat, den Kaukasus zu bereisen, ist die Lektüre des Buches „Durch den wilden Kaukasus“ von Fritz F. Pleitgen empfehlenswert – zwar nicht mehr ganz aktuell, aber super-spannend und -interessant. Auch wir waren bereits im Kaukasus gewesen, ohne irgendetwas zur Weltliteratur beigetragen zu haben. In den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten wir alle drei Länder besucht, zu einer Zeit, als alle zur „sowjetischen Völkerfamilie“ gehörten. Wir waren sehr gespannt, wie sich die drei Länder, nunmehr unabhängig, entwickelt hatten. Am 19. Mai 2018 machten wir uns auf den Weg.

 

Armenien

Erstes Ziel war Armenien, das nördlichste der drei Länder mit ca. 3 Millionen Einwohnern. Wir reisten unabhängig von der Studiosus-Reisegruppe an, was uns in die Lage versetzte, eigene erste Eindrücke zu sammeln. Bei der Fahrt im Taxi vermittelte uns der Fahrer seine Sicht der Verhältnisse im Südkaukaus, wodurch uns sehr schnell klar wurde, dass die drei kaukasischen Länder alles andere als eine Einheit bilden – nicht wie z.B. die Benelux-Länder. Vielmehr hat jedes der drei Völker seine eigene Geschichte, Kultur, Sprache und vor allem sein klares, unverrückbares Feindbild. In Armenien ist es zunächst die Türkei, der der Genozid aus dem Jahr 1915 angelastet wird, dem 1,5 Millionen Armenier zum Opfer gefallen waren.

Kloster Geghard, Foto: Ludwig Neudorfer

Zweites Feindbild ist Aserbaidschan. Der Konflikt um das Gebiet Bergkarabach, der bereits in der sowjetischen Zeit begann und sich nach blutigen Exzessen und kriegerischen Handlungen bis 1993 hinzog, ist bis heute nicht endgültig beigelegt. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte, zunächst aber zu Aserbaidschan gehörende Gebiet, ist seit 1993 von armenischen Truppen besetzt. Der aserbaidschanische Teil der Bevölkerung floh nach Aserbaidschan und lebt unter erbärmlichen Verhältnissen in dem ansonsten wohlhabenden Land. Die bilaterale Geschichte ist belastet. Die Abneigung ist damit gegenseitig. Da uns unsere Reise in den Südkaukasus nach Armenien und Georgien auch noch nach Aserbaidschan führte, konnten wir ahnen, dass der aserbaidschanische Zoll garstig reagieren würde, wenn wir etwas aus Armenien einführen würden.
Der besagte Taxifahrer erzählte uns emotional und wortreich von den Heldentaten der armenischen Einheiten, zu denen er seinerzeit auch gehörte.
Alles ansonsten Wissenswerte über den Kaukasus erfuhren wir in weniger einseitiger Darstellung während der folgenden zwei Wochen – durch eine aus Deutschland entsandte wie zusätzlich durch eine jeweils aus dem entsprechenden Land stammende Reiseführerin.

Religion

Die Armenier sind stolz darauf, dass Armenien das erste Land ist, das das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat. Fast alle Armenier sind Angehörige der Armenischen Apostolischen Kirche.

Sprache

Kaum ein Reisender aus dem Ausland wird Armenisch-Kenntnisse haben, was kaum erwartet werden kann, da man zur armenischen Sprache auch die armenische Schrift lernen müsste. Armenisch ist zwar eine indogermanische Sprache, ist aber mit keiner anderen Sprache nah verwandt. Auch ohne Armenisch-Kenntnisse kommt man in Armenien sprachlich gut zurecht. Wer Russisch versteht, wird bemerken, dass die Armenier die Sprache des ehemaligen großen Bruders nicht vergessen haben. Nicht nur das: Sie sprechen die Sprache im Gegensatz zu ihren beiden kaukasischen Nachbarn auch noch gerne. Und auch mit Englisch kommt man gut zurecht.

Währung

Die armenische Währung heißt Dram. Ich selbst habe die Kreditkarte eingesetzt, um an Bankautomaten Bargeld zu bekommen. An einigen Automaten soll es auch möglich sein, mit der EC-Karte (und dem Aufdruck Maestro) Geld abzuheben. Sowohl beim Einsatz der Kreditkarte wie der EC-Karte ist mit einigen Gebühren zu rechnen. Mit der DKB-Kreditkarte soll es möglich sein, kostenlos Geld abzuheben. Eigene Erfahrungen diesbezüglich habe ich nicht.

 

Eriwan

In den 80-er Jahren war die Hauptstadt Eriwan noch eine unansehnliche, ziemlich graue Stadt. Architektonische Kostbarkeiten waren selten, was daher rührt, dass Eriwan noch zur Zarenzeit eine unbedeutende Kleinstadt war. Erst während der sowjetischen Zeit hat sich die Stadt entwickelt, d.h. sie wurde größer, mit all den Attrubuten, die eine typische sowjetische Stadt ausmachen. Heute ist Eriwan eine moderne Stadt mit Geschäften, die ein gutes Sortiment bieten – mit Waren sehr häufig russischer Provenienz – Restaurants und zahlreichen Abwechslungsmöglichkeiten. Abends sammeln sich um den mit Lichteffekten versehenen Republiksplatz Flaneure und Restaurantbesucher.

Eriwan – Republikspatz am Abend, Foto: Ludwig Neudorfer

 

Hripsime-Kirche

Die Hripsime-Kirche in Etschmiadsin ist eine der ältesten Kirchen Armeniens und soll an die heilige Hripsime erinnern, die den Märtyrertod starb, nachdem sie die Eheschließung mit dem König Trad III abgelehnt hatte, um lieber Nonne zu bleiben. Selbiger König gilt als derjenige, der später das Christentum zur Staatsreligion erhob.

Hripsime-Kirche, Foto: Ludwig Neudorfer

Etschmiadsin oder Wagharschapat

Sitz des Katholikos und damit Zentrum der Armenischen Apostolischen Kirche; vom 2. bis zum 4. Jahrhundert Armeniens Hauptstadt.

Etschmiadsin, Foto: Ludwig Neudorfer

Gottesdienst in Etschmiadsin, Foto: Ludwig Neudorfer

 

Denkmal zur Erinnerung an den Genozid im Jahr 1915

Wir kehren nach Eriwan zurück und halten für einige Minuten inne. Wir stehen vor dem Denkmal, das an den Genozid im Jahr 1915 erinnert und besuchen das Museum im Inneren, in dem zahlreiche Ausstellungsstücke, Fotos und Filme zu sehen sind, die uns einen Eindruck von dem Schrecken vermitteln, denen die Armenier im damaligen osmanischen Reich ausgesetzt waren.

Denkmal zur Erinnerung an den Genozid im Jahr 1915, Foto: Ludwig Neudorfer

Nach diesen schrecklichen Eindrücken konnten wir uns bei einem Besuch des Marktes mit all den kaukasischen Gewürzen und armenischen Süßigkeiten erholen.

Weinbrand Ararat

Noch mehr konnte uns der Besuch wieder aufrichten, der uns am kommenden Tag erwartete. Wir besuchten die weltbekannte Weinbrand-Destillerie Arararat.

Fass in der Weinbrand-Destillerie, Foto: Ludwig Neudorfer

Eine charmante und hervorragend deutsch sprechende Führerin brachte uns Vergangenheit und Gegenwart des Ararat-Weinbrands näher (in der Sowjetunion war das Getränk außerordentlich beliebt und wurde allgemein als Ararat-Cognac bezeichnet, was aber aufgrund der geschützten Herkunftsbezeichnung „Cognac“ heute nicht möglich ist).

Die charmante Führerin durch die Destillerie, Foto: Ludwig Neudorfer

Wie wir schnell feststellen konnten, waren schon viele Personen aus Politik und Show-Business in der Destillerie gewiesen, u.a. George Cloooney, Georges Aznavour und der russ. Außenminister Sergej Lawrow.

Fotos der berühmten Besucher der Destillerie, Foto: Ludwig Neudorfer

Die Stimmung erreichte schließlich ihren Siedepunkt, als wir zum Ende auch noch verschiedene Sorten des Weinbrands probieren durften.

 

Unterwegs treffen wir auf den Charents-Bogen, der an den armenischen Dichter

Jeghische Tscharenz

erinnert, der 1937 dem Stalinschen Terror zum Opfer fiel und dessen Gedichte heute jedes armenische Schulkind kennt. Wir haben Gelegenheit, eines seiner Gedichte in Armenisch und Deutsch zu hören, in dem die ganze Liebe zu seiner Heimat zum Ausdruck kommt.

 

Kloster Geghard

Nächstes Ziel ist das Kloster Geghard, das ursprünglich bereits im 4. Jahrhundert erbaut, dann aber von den Arabern zerstört wurde. Die heutige Form stammt aus dem 13. Jahrhundert.

Kloster Geghard, Foto: Ludwig Neudorfer

Überrascht werden wir von einem vierköpfigen A-Capella-Frauen-Ensemble, das armenische Kirchenmusik darbietet.

A-Capella-Gruppe im Kloster Geghard, Foto: Ludwig Neudorfer

Bevor wir uns dem Mittagessen zuwenden können, bestaunen wir, wie das kaukasische Brot Lawasch hergestellt wird.

Herstellung des Lawaschbrotes, Foto: Ludwig Neudorfer

Sewansee

Nach einem kurzen Abstecher über den hellenistischen Tempel Garni fahren wir weiter zum Sewansee, dem größten Süßwassersee des gesamten Kaukasus. Er liegt 1.900 m über dem Meeresspiegel und ist bis zu 80 m tief. Durch die Bewässerungsmaßnahmen für die Landwirtschaft, für die der Sewansee herangezogen worden war, so dass der Pegel um ca. 1/4 sank. Das im 9. Jahrhundert erbaute Sewankloster oder Sewanawank stand ursprünglich auf einer Insel – heute auf einer Halbinsel.

Seewansee, Foto: Ludwig Neudorfer

Sewankloster, Foto: Ludwig Neudorfer

Kloster Haghartsin

Das Kloster Haghartsin hat eine wechselvolle Geschichte. In verschiedenen Phasen ab dem 10. Jahrhundert erbaut und renoviert wurde es von persischen Truppen im 18. Jahrhundert zerstört. Vor wenigen Jahren wurde es mit Hilfe von arabischen Geldern renoviert.

Kloster Haghartsin, Foto: Ludwig Neudorfer

Das Städtchen Diljan und die Skulptur zum Film Mimino

Nach dem Kloster Haghartsin kommen wir in das Städtchen Diljan. Dort steht das Denkmal, das an den legendären sowjetischen Film Mimino und seine armenischen, georgischen und russischen Hauptdarsteller erinnert. Die auffallenden Nasen der Schauspieler laden dazu ein, sie anzufassen, was sich Elke nicht zweimal sagen lässt.

Elke und Hauptfiguren des Films Mimino, Foto: Ludwig Neudorfer

Bevor wir zu den beiden im 10. Jahrhundert erbauten Schwester-Klöstern Haghpat und Sanahin fahren, erleben wir, wie Armenien abseits der Glitzerfassaden von Eriwan und der Touristenattraktionen auch sein kann. Das Kupferbergwerk, an dem wir vorbeifahren, war nach dem Zerfall der Sowjetunion unrentabel geworden und mit Umweltschutzregeln nicht vereinbar. All diejenigen, die dort angesiedelt worden waren, sind heute arbeitslos und führen ein trostloses Leben.

Nach dem Besuch der Klöster Haghpat und Sanahin überqueren wir die armenisch-georgische Grenze.

Kloster Haghpat, Foto: Ludwig Neudorfer

Fazit

Organisation

Der Armenienteil der Südkaukasus-Reise war sehr gut organisiert. Alle interessanten Plätze Armeniens wurden uns gezeigt, garniert mit allen nötigen Informationen. Lediglich die Organisation des Hotels in Eriwan war verbesserungswürdig. Das Hotel war nicht immer in der Lage, ankommende und abreisende Gruppen gleichermaßen mit Frühstück zu versorgen

Land und Leute

Während des gesamten Aufenthalts in Armenien fühlten wir uns gut aufgehoben. Alle Armenier, mit denen wir zu tun hatten, waren nett, freundlich und kommunikativ. Dazu kommt, dass sehr viele Armenier mehrere Sprachen sprechen, was das Gespräch mit Einheimischen vereinfacht.

Reiselektüre

Durch den wilden Kaukasus von Fritz F. Pleitgen, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch*

Für Freunde und Freundinnen armenischer Märchen

antiquarisch

Der Edelsteinbaum – Armenische Märchen mit Illustrationen von Carl Hoffmann, erschienen im Verlag Volk und Welt Berlin*

Anbieter Armenien-Reisen

Studiosus Reisen: Studienreise Südkaukasus – Armenien – Georgien – Aserbaidschan

GeBeco: Armenien – zwischen Ost und West. Eine Rundreise durch Armenien – zu den Wurzeln den Christentums am Rande Europas*

Fortsetzung der Reise:

Georgien: Kaukasus, große Kulturen am Rande Europas – Teil 2

Georgien: Kaukasus, große Kulturen am Rande Europas – Teil 2

 

Titelbild: Armenien. Kloster Haghartsin – Bild von Makalu auf Pixabay

 

 

 

 

 
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