Brasilien 1986 (2): Futuristische Architektur, Amazonas-Urwald und endlose Traumstrände
Translation with Google
Autor: | Olaf Remmers |
Reisezeit: | Ende Juli bis August 1986 (für diese Teilstrecke) |
Art der Reise: | Selbstfinanzierte Rucksackreise |
Lesezeit: | 42 Minuten |
Tagebuch der 2. Südamerika-Reise: Perú, Bolivien, Argentinien, Paraguay, Brasilien, Uruguay
Vorbemerkung: Nach meiner ersten Südamerikareise 1984 durch die Andenländer und dem anschließenden Eintritt ins Berufsleben war meine Reiselust noch lange nicht gestillt. Nach zwei Jahren Berufstätigkeit nutzte ich einen Arbeitgeberwechsel zu einer zweiten dreimonatigen Südamerikareise, auf deren zweiter Hälfte in Brasilien und Argentinien mich meine Freundin, die inzwischen seit über 36 Jahren meine Ehefrau ist, begleitete.
Der Text meines Tagebuchs von 1986 wurde fast unverändert übernommen. Die Rechtschreibung wurde angepasst und auf die Umrechnung in DM (Deutsche Mark, die Älteren werden sich erinnern) wurde weitestgehend verzichtet. Die damals gültigen Landeswährungen wurden beibehalten.
Informationen aus dem Internet gab es damals natürlich noch nicht, geschweige denn Verbindungen zu Freunden oder Familie über What’s App oder ähnliches. Die beste Verbindung waren postlagernde Briefe (wer kennt das noch?) oder in Notfällen extrem teure Telefonate. Ich war also drei Monate lang auf mich allein gestellt! Mein handgeschriebenes Tagebuch war das einzige Lebenszeichen, das ich regelmäßig per Post nach Hause schickte. Meine Mutter hat es sofort mit der Schreibmaschine abgeschrieben, um die Herausforderungen meiner Handschrift zu kompensieren. Nach Jahrzehnten in einem Leitzordner im Keller konnte ich das wiederentdeckte Tagebuch unlängst problemlos in WORD einscannen und als TXT-Datei dem ReiseFreak’s ReiseMagazin und ReiseBlog zur Verfügung stellen, inklusive fast 40 Jahre alter Dias, die trotz teilweise zweifelhafter Qualität in digitalisierter Form Eingang fanden.
Teil 6: Brasilien zum Zweiten
Nach fast drei interessanten Wochen überwiegend in südlicheren Teil Brasiliens (s. Teil 5: Brasilien 1986 – Zuckerhut, Minen und gigantische Wasserfälle) fliegen wir heute mit unserem Brasil-Air-Pass der VARIG (damalige Fluggesellschaft Brasiliens) von Recife nach Fortaleza.
Schafft unsere Verônica es noch rechtzeitig zum Flughafen?
Dienstag, 29.7. Um 10:40 Uhr geht heute unser Flug von Recife nach Fortaleza. Wir sind auch pünktlich abfahrtbereit, nur unsere versprochene Wäsche, die wir im Hotel zum Waschen gegeben hatten, kommt und kommt nicht. Verônica von der Rezeption wird langsam nervös, aber kann angeblich auch nichts ändern. Schließlich verschwinden wir um 9.30 Uhr per Taxi und Verônica verspricht uns, die Klamotten zum Flughafen nachzubringen (!) – eigentlich schließen wir jetzt das Wiedersehen mit den zehn T-Shirts und zwei Hosen fast aus. Als wir am Flughafen ankommen, scheint unser Flug heute – wo wir’s gebrauchen könnten – ausnahmsweise keine Verspätung zu haben. Obwohl wir so spät sind und das Einchecken eigentlich schon beendet ist, dauert es ewig bis alles erledigt ist. Gerade wollen wir in Richtung Flugzeug gehen, da kommt Verônica um die Ecke mit einer großen Tüte und wir kriegen tatsächlich unsere Klamotten – das hatten wir nicht mehr erwartet!
Fortaleza in Ceará
Nach einer Zwischenlandung in Juazeiro do Norte kommen wir gegen Mittag in FORTALEZA an. An der Hotelvermittlung des Flughafens kriegen wir ein Hotel und werden durch dieses sogar per Auto abgeholt. Das Hotel „Aldeota da Praia“ ist sehr gut und sauber, so dass Irene zufrieden ist – und ich auch. Nur leider ist es mehrere Quadras weit vom Strand entfernt. Fortaleza ist die Hauptstadt des Bundesstaates Ceará, der zu den trockenen und armen Nordost-Provinzen gehört. Diese Gegend gehört angeblich zu den ärmsten Gegenden der Welt (!) und jährlich verhungern hier viele Menschen. Der Grund liegt einerseits in der extremen Trockenheit und andererseits in der ungünstigen landwirtschaftlichen Struktur: Monokultur (Zuckerrohr) und Großgrundbesitz, wodurch die Menschen arm und abhängig gehalten werden. Jedoch bei dem von uns gepflegten „luxuriösen“ Stil des Reisens (Flug, Taxi, Hotel in der Stadt) bekommen wir von alledem leider kaum etwas mit.
Das Zentrum von Fortaleza gleicht einem orientalischen Bazar
Vom Hotel aus fahren wir jedenfalls per Bus in die Stadt. Diese ist zwar nicht sehr üppig und reich, macht aber auch nicht den Eindruck in einer der ärmsten Regionen der Welt zu liegen. Zunächst besorgen wir uns bei der Post einen gefalteten Karton (toller Service), denn wir müssen schon wieder ein Paket nach Hause schicken. Dann marschieren wir durch die Innenstadt Fortalezas, die einen Eindruck wie ein orientalischer Bazar macht. Tausende von Händlern und Ständen säumen sämtliche Straßen und bieten wieder alles an, was das Herz des einfachen Brasilianers erfreut. Zudem gibt es unendlich viele kleine und kleinste Läden, wo aller „Kruscht“ angeboten wird: Krumme und rostige Nägel in sämtlichen Längen und Radien, Halfterzeug für Pferde, alle Größen und Längen von Kochlöffeln, Dichtungen, Duschköpfe, Minigrills, Schrauben (neu und gebraucht) und was immer sich Handwerker und Bastler denken und wünschen können. Wir latschen durch diverse Geschäfte mit Klamotten und Stoffen. Aber insbesondere interessiert sich Irene für Hängematten, denn sie will ihrem Bruder eine mitbringen und kauft schließlich ein schönes Exemplar. Dann suchen wir unseren Bus für den Rückweg, wobei uns eine Angestellte des Hotels behilflich ist, die uns auf der Straße erkennt.

Schon beim Anflug auf Fortaleza sind die unendlichen, weißen Strände und Dünen zu sehen [Bild REM]
Wie kommen wir zum Praia Cumbuco?
Mittwoch, 30.7. Zunächst bringen wir morgens unser am Vortag mühsam und ordentlich verklebtes und verschnürtes Paket zur nahen Post. Dort müssen wir es zwecks Zollkontrolle wieder aufmachen! Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Meinem Einwand, in Rio sei das ja auch nicht nötig gewesen, wird nur entgegnet: „Wir sind hier nicht in Rio, sondern in Fortaleza, Ceará!“ Nachdem es offen, kontrolliert und wieder gut zu sowie alle Formulare ausgefüllt und bezahlt sind, beginnen wir eine mühevolle Busfahrt, um zum 37 km entfernten Strand Cumbuco zu kommen. Zunächst fahren wir mit dem uns bekannten Bus bis zum Zentrum, dort müssen wir an einem Platz in den Bus nach Caucaia umsteigen. Mit diesem sollen wir bis zur Endstation fahren. Nach über einer Stunde sind wir zwar an der Endstation, diese liegt jetzt jedoch in einem neuen Wohngebiet und nicht mehr im Zentrum von Caucaia. Nachdem wir das geklärt haben, fahren wir wieder etwas zurück und steigen aus. In Caucaia fragen wir uns dann nach der Haltestelle für den Bus nach Cumbuco durch. Dort heißt es von einem anderen Busfahrer, dieser Bus käme um 11:30 Uhr (in einer ¾ Stunde). So gehen wir ein Bier trinken und schreiben Tagebuch. Sicherheitshalber zahle ich schon um 11:15 Uhr, um auch ja rechtzeitig an der Haltestelle zu sein. Aber gerade bin ich beim Bezahlen, da fährt der Bus vorbei, und wir können ihn nicht mehr stoppen. So ein Mist. Wenn wir noch eine Stunde warten, lohnt es sich fast nicht mehr, zum Strand zu fahren und Irene hat sowieso schon kaum noch Lust. Da treffen wir auf ein paar Brasilianer, die auch nach Cumbuco wollen und den Bus ebenfalls verpasst haben. Nach langem Warten finden wir dann zusammen einen LKW, mit dem wir in Richtung Cumbuco trampen. Gut durchgeschüttelt kommen wir voran, aber er fährt nicht die ganzen 20 km, sondern nur ca. 15 km weit. Dort müssen wir absteigen. Dann laufen wir (zu acht) ein Stück und können noch einen VW-Bus stoppen. Der hat hinten im Kasten zwar keine Sitze, aber wir schaffen die letzten 5 km auch im Hocken. Dann sind wir endlich in Cumbuco!
Kaum haben wir ein paar Schritte an diesem tollen Strand getan, schon sind wir von einer Gruppe brasilianischer Studenten umringt, die aus Londrina/Paraná kommen. Einige können recht gut Englisch und eine, Cornelia, spricht sogar perfekt Deutsch, da ihre Eltern Deutsche sind. Besonders freunden wir uns mit João und Bruno an, mit denen wir zunächst Essen gehen. Es gibt einen dicken Fisch, von dem keiner weiß, wie er heißt, mit Reis und Farofa. Dazu, dass es so gut schmeckt, trägt auch die Umgebung bei: Wir sitzen an einfachen Tischen und Stühlen unter riesigen, schattenspendenden Palmen am Strand, direkt am Meer. Um uns herum sind relativ viele Leute und alle nur mit Badehosen bzw. super-hyper-knappsten Bikinis bekleidet, die hier Fio do Dente (Zahnseide) genannt werden. (Der Name ist eigentlich selbsterklärend.) Anschließend gehen wir zusammen baden, das Wasser ist warm und es gibt herrliche Wellen. Neben den Palmen und dem schönen Strand hat Cumbuco noch riesige Sanddünen à la Sahara zu bieten.

Am Strand von Cumbuco [Bild REM]

Das Strandlokal ist zwar sehr einfach, aber trotzdem traumhaft schön [Bild REM]

Eine Jangada (Floß) am Strand [Bild REM]

Einer der Buggies, die uns zu den Dünen fahren [Bild REM]

Die Dünen am Strand von Cumbuco sind einfach herrlich! [Bild REM]
Und der nächste angesagte Strand: Canõa Quebrada
Donnerstag, 31.7. Für heute haben wir eine Busfahrt zum Strand „Canõa Quebrada“ gebucht, der 160 km Richtung Norden liegt und den uns ein Studienkollege in Deutschland bereits wärmstens empfohlen hatte. Viel zu früh holt uns ein Bus am Hotel ab und nachdem wir noch fast 1½ Stunden durch Fortaleza gefahren sind, um andere Leute von ihren Hotels abzuholen, geht es endlich in Richtung Norden. Aber auf diese Art und Weise sieht man endlich mal etwas von der Landschaft der Region Nordosten. Wir kommen zwar nicht ins Landesinnere, aber hier – nahe der Küste – sieht es keineswegs nach Trockenheit aus. Im Gegenteil: Große Flächen sind sogar überschwemmt. Wir können uns darauf keinen Reim machen und die Reiseleiterin ist viel zu blöd, etwas zu erklären. Sie beschränkt sich darauf, mit uns blöde Spiele zu machen (!), wozu wir sowieso keine Lust haben. Dann kommen wir mit unserem Vordermann ins Gespräch. Er heißt Uli, ist als Sohn deutscher Eltern in São Paulo aufgewachsen und studiert seit sechs Jahren Maschinenbau in Karlsruhe.
Gegen Mittag schließlich biegen wir von der miserablen Hauptstraße ab und fahren auf einem kaum als solchen erkennbaren Weg in die Sanddünen und – bleiben stecken! Der Busfahrer ist nämlich genauso blöd wie die sogenannte Reiseleiterin. Der Bus steckt bis zu den Achsen im lockeren Sand und wir steigen aus, um den Rest zu laufen, denn es sind nur noch 500 Meter. Hier oben auf den hohen, weißen Sanddünen stehend, hat man einen tollen Blick auf die Umgebung: Auf der einen Seite grenzen sie an die Steilküste und es folgt das knallblaue Meer mit riesigen Wellen und auf der anderen Seite hören die Dünen nach einigen hundert Metern auf und es folgt abrupt die grüne Palmen-Sumpf-Landschaft, die wir zuvor durchfahren hatten.

Unser Bus sitzt im Sand des Strandes fest [Bild REM]

Die Steilküste führt bis nahe an den Strand in Canõa Quebrada [Bild REM]

Man sollte sich genau anschauen, in welcher Bude man etwas isst [Bild REM]

Abgesehen von einigen Jangadas ist der Strand fast menschenleer [Bild REM]

Eine Jangada bereit zum Ablegen in Canõa Quebrada [Bild REM]

Die Kinder können am Strand auf Mulis reiten [Bild REM]
Nach einer herrlichen Dusche gehen wir durch Fortaleza und an der Promenade entlang, treffen Uli noch einmal, der heute Nacht nach Rio fliegt und gehen „massa“ (Nudeln) essen. In unserem netten Hotel gelingt es uns auch erstmalig, Reiseschecks zu wechseln, denn das ist in Brasilien immer extrem schwierig. Dollar cash nimmt jeder gern, Schecks fast keiner und wenn, dann zu einem erheblich schlechteren Kurs. Hier kriegen wir immerhin 20,50 Cz-$ je US-$. (Zur Erinnerung: 1000 (alte) Cruzeiros = 1 (neuer) Cruzado (Cz-$). Während unserer Reise gilt ungefähr 1 US-$ = 20 Cz-$ = 20.000 Cruzeiros)
Der Abflug von Fortaleza stellt uns auf eine Geduldsprobe
Freitag, 1.8. Wir stehen ‚mal wieder recht früh auf und genießen zum letzten Mal das tolle Frühstück in unserem Hotel: Ananas, Melone, Cajú-Saft, Joghurt, Milchreis mit Zimt und Zucker (!), Fruchtcreme, Brötchen, Brot, Marmelade, Käse, Schinken, Kaffee und Milch bilden einen würdigen Beginn eines jeden Tages in Fortaleza. Allerdings sollte man – wenn man nicht an der Dummheit der Menschheit verzweifeln will – angesichts dieses übermäßigen Angebotes nicht an die hungernden Menschen dieser Region denken. Wir lassen uns jedenfalls per Taxi zum Flughafen fahren, wo unser Flug nach Rio de Janeiro um 9:40 Uhr starten soll. Aber gleich der erste Blick auf den Monitor schockt uns: Voraussichtliche Abflugzeit ist mit 14:30 Uhr angegeben! Das darf doch nicht wahr sein, wir müssen dann sechs Stunden warten – so eine Sch…! Die Zeit hätten wir auch besser am Strand oder dergleichen verbringen können. Beim Einchecken bei Varig gibt es natürlich wieder kein Wort der Entschuldigung oder Erklärung und auf meine Frage hin heißt es: Problemas mecânicas. Also gut, dann müssen wir halt warten. Aber bei der Hitze (über 30°C) sitze ich nicht sechs Stunden in dem Gewusel und Krach des Flughafens herum. Ein Restaurant gibt es natürlich nicht. So gehe ich – obwohl Irene sagt: „Du spinnst“ – zu einem VIP-Raum und sage, wir bräuchten für sechs Stunden Wartezeit einen Platz. Die Dame (nicht Varig!) ist sehr nett, und wir können uns in dem einfachen, aber klimatisierten Raum niederlassen. [Miles and More, Senator-Lounges und alles gab es damals natürlich noch lange nicht.] Schnell haben wir eine Bank so umgeschoben, dass wir an einem Tisch sitzen können und schon beginnt – insbesondere für mich – ein arbeitsreicher Tag des Tagebuchschreibens (über eine Woche hinterher!).
Eigentlich passiert sonst nichts weiter. Kurz vor Abflügen anderer Flieger wird der Raum eine Zeitlang voll und laut, dann leert er sich wieder. Zwischendurch gehen wir einzeln etwas essen oder eine Zeitung kaufen. Die Ruhe und Temperatur in unserem VIP-Raum sind schon herrlich im Vergleich zu dem Krach draußen. Eine Stunde vor Abflug erfolgt ein neuer Schock: Der Flug wird um eine weitere Stunde verschoben, jetzt ist es 15.30 Uhr (statt 9.40 Uhr) – Varig ist der größte Saftladen auf Gottes Erde! [Diese Fluggesellschaft gibt es mittlerweile schon lange nicht mehr.] Um 15.30 Uhr geht es dann auch tatsächlich los, und wir fliegen mit einem Airbus in 6½ Stunden nach Rio.

Der Flughafen von Fortaleza, an dem wir viele Stunden warten müssen [Bild REM]
Zwischenstation in Rio de Janeiro
Dabei haben wir noch Zwischenlandungen in Recife und Salvador, bei denen es jeweils eine Stunde anstatt der angekündigten ½ Stunde dauert. Schließlich kommen wir gegen 22 Uhr endlich in Rio an. Planmäßig sollten wir um 14 Uhr da sein und hätten noch den Nachmittag und Abend in Rio gehabt – u.a. um zu American Express zu gehen und dort meine Post zu holen. In Rio am Flughafen herrscht ein riesiges Tohuwabohu, weil alles total überfüllt ist. Gründe sind einerseits das letzte Wochenende der brasilianischen Winterferien und andererseits irgendeine finanzpolitische Transaktion, die ich nicht richtig in Erfahrung bringe, derentwegen die Leute aber alles Geld ausgeben (u.a. für Flüge), anstatt es wie bisher zu sparen. Jedenfalls klappt wieder nichts und erst nach über einer Stunde Wartezeit am Förderband kriegen wir unser Gepäck. Zur Abwechslung ist jetzt Irene ‚mal sauer. Zu dieser Uhrzeit (nach 23 Uhr) ist es uns zu gefährlich, per Bus durch Rio zu fahren, so müssen wir halt ein Taxi nehmen. Varig interessiert sich natürlich nicht für die zusätzlichen Kosten und Unannehmlichkeiten. An einem Stand kaufen wir ein Ticket für ein Taxi und gehen raus. Aber es ist natürlich kein Taxi da, trotz riesiger Taximassen Rio’s! Ein Argentinier neben mir regt sich auf: „Hier fehlt Personal, hier fehlen Taxis, ich glaube hier fehlt’s an Intelligenz!“ (Argentinier sind traditionell nicht gut auf Brasilianer zu sprechen – und vice versa!) Irene jammert die ganze Zeit: „Und wenn wir kein Zimmer kriegen?“ So kommen wir kurz vor Mitternacht zu „unserem“ Hotel Imperial in Flamengo und kriegen tatsächlich noch ein Zimmer. Ein Glück! Aber das ist saumäßig: Unaufgeräumt, dreckig, stinkig – aber das ist jetzt halt nicht zu ändern. In unserer „Stammkneipe“ trinken wir noch zwei herrliche Chopp escuro und gehen dann schlafen.
Die VARIG fordert uns erneut heraus
Samstag, 2.8. Nach dem Frühstück, das wir nunmehr nach unseren vielen besseren Erfahrungen in Brasilien als skandalös schlecht einstufen müssen, fahren wir per Bus nach Copacabana. Mit 26°C ist es schön warm und sonnig, die Luftfeuchtigkeit ist jedoch höher als in Fortaleza. Unser erstes Ziel ist das American Express Büro an der Avenida Atlântica, das dann aber zu unserem Entsetzen geschlossen ist. In Ermangelung der Adresse der Hauptpost habe ich meine Post nämlich hierher bestellt, und es liegen zumindest ein Brief von Muttern und Irene da – aber wenn die heute nicht arbeiten, muss ich halt darauf verzichten. Bis zum Mittag haben wir dann noch Zeit, um in Copacabana einzukaufen – ich glaube, ich habe noch in keinem Urlaub soviel eingekauft, wie in diesem. Irene ersteht ein Paar Schuhe und ich drei Adidas-Sporthosen, die es hier sehr günstig gibt.

Die Copacabana [Bild REM]
Die „neue“ Hauptstadt Brasília
Am Flughafen wird uns gleich das günstige „Hotel Mirage“ vermittelt, und wir fahren per Stadtbus zum Rodoviária. Dabei sehen wir schon etwas von dieser ultra-modernen, überorganisierten, unbrasilianischen Stadt. Vom mitten in der Stadt gelegenen Busbahnhof ist es im Prinzip nahe zur Hotelzone, wo auch unser Hotel liegt. Aber da in Brasília alle Wege weit sind, haben wir auch ein ganzes Stück zu laufen. Das Hotel entpuppt sich als preiswert und gut. Während Irene den Schweiß von Rio abduscht (und noch etwas länger), unterhalte ich mich mit einem österreichischen Medizinstudenten über unsere Reiseerfahrungen in Brasilien, wobei er auch nicht begeisterter ist von der Varig als wir. In dieser Ecke Brasílias gibt es kaum Restaurants, aber wir finden trotzdem eines und essen abends Rodízio.
Die Architektur ist von Oscar Niemeyer geprägt
Sonntag, 3.8. Da Brasilia so ekelhaft groß ist und alles so weit auseinander liegt, haben uns alle empfohlen, hier eine Stadtrundfahrt zu machen. Und genau das tun wir heute Vormittag. Brasília wurde in nur drei Jahren (1957-1960) unter Präsident Jacuslino Kubitschek (JK) für eine Einwohnerzahl von 500.000 projektiert und erbaut. Heute leben bereits 1,5 Mio Menschen hier. Federführender Architekt war der heute noch lebende, weltberühmte Oscar Niemeyer; er ist übrigens 2012 im Alter von 105 Jahren in Rio verstorben. Von ihm stammen auch sehr viele beeindruckende Einzelgebäude in Brasília, so z.B. die Kathedrale, die dem Patron von Brasília geweiht ist: Dom Bosco. Die moderne Betonkirche hat rundherum hohe blaue Glasfenster, wodurch der gesamte riesige Raum blau erscheint – man hat das Gefühl, unter Wasser zu sein. Die Kirche liegt in der Wohnzone der Beamten, die hier fast mietfrei wohnen (sonst zöge auch wohl keiner hierher). Die riesigen Gebäude sind mit Schulen, Kindergärten, Geschäften etc. immer kleine Städte für sich. Wegen der Größe gibt es hier keine Quadras, sondern Superquadras!

Catedral Metropolitana – innen [Bild REM]

Catedral Metropolitana – außen. Und rechts der Kirchturm [Bild REM]

Die riesige brasilianische Flagge am Praça dos tres Poderes [Bild REM]

Die Esplanada dos Ministérios – alle i-Tüpfelchen gleich [Bild REM]

Die muschelförmige Halle, von der aus Militärparaden abgenommen werden [Bild REM]
Die Stadt ist in weit auseinanderliegende Sektoren aufgeteilt
Einerseits sind wir (insbesondere ich) von der Planung, Logik und Durchführung dieser Stadt vom Reißbrett erstaunt und begeistert. Aber andererseits entsetzt von der coolen Atmosphärenlosigkeit dieser baumlosen und fußgängerfeindlichen Stadt, die mitten im trockenen Nichts in ca. 1000 m Höhe in der Mitte zwischen Belém und Porto Alegre gegründet wurde. Sehr angenehm ist übrigens das trockene, warme Klima hier. Noch abends um 22 Uhr sind es 26°C, aber man muss nicht schwitzen. Rund um den Fernsehturm ist am heutigen Sonntag eine Art Flohmarkt aufgebaut, auf dem man Spezialitäten aus sämtlichen brasilianischen Staaten kaufen kann. Wir kaufen ein sehr schönes Bild und essen dort im Stehen Bohnen und Grillfleisch. Anschließend machen wir eine kleine Mittagsstunde im Hotel.

Der Flohmarkt am Fuße des Fernsehturms [Bild REM]

Das in Brasília erstandene Bild hat nach fast 40 Jahren immer noch einen Ehrenplatz bei uns

Bei diesen Bahianerinnen essen wir sehr gut [Bild REM]
„Dieses Experiment war nicht erfolgreich.“
Fazit: Das seit 1987 zum UNESCO-Weltkulterbe zählende Brasília ist eine beeindruckende Konstruktion, der jedoch die Menschlichkeit fehlt und die die Abgehobenheit der brasilianischen Verwaltung dokumentiert. Oscar Niemeyer als einer der Väter Brasílias hat gesagt: „Dieses Experiment war nicht erfolgreich.“ – nihil addere (dem ist nichts hinzuzufügen).
Montag, 4.8. Den Vormittag über langweilen wir uns ziemlich in dem großen, abstoßenden Brasilia. Wir besuchen ein riesiges Einkaufszentrum (angeblich das größte Südamerikas), wo es auch sehr gute Waren zu kaufen gibt, jedoch nicht zu den günstigen brasilianischen Preisen, sondern zu Preisen wie in Deutschland. Das lohnt sich natürlich nicht. Wir wollen noch ein weiteres, nahes Einkaufszentrum besuchen, aber das ist total vergammelt und ziemlich leer. So sind wir froh, als wir endlich zum Flughafen können, um nach Belém weiterzufliegen und damit wieder zurück ins „richtige“ Brasilien!
Belém in Pará nahe der Mündung des Amazonas
Aber zunächst erwartet uns der nächste Varig-Schocker: Es ist nicht wie üblich eine verspätete, neue Abflugzeit angegeben, sondern diesmal zur Abwechslung gar keine. Eigentliche Startzeit ist 14 Uhr und beim Einchecken heißt es „vielleicht 15 Uhr“, aber ich glaube kein Wort. Hier gibt es aber ein sehr vornehmes, klimatisiertes Restaurant, wo wir das billigste Essen (Omelette) bestellen. Nach 3 Stunden Wartezeit geht’s dann um 16 Uhr wirklich los; natürlich wieder wie immer ohne Entschuldigung oder dergleichen von Varig. Zunächst landen wir in Imperatriz, dann im nahen Marabá und schließlich um 20 Uhr im Dunkeln in BELÉM. Diese am Mündungsdelta des Amazonas gelegene Stadt flößt Irene neben Manaus am meisten Respekt ein (Dreck, Schlangen etc.). Als wir ankommen, ist es gleich sehr heiß und dazu feucht, denn Belém (auf deutsch Bethlehem) liegt nicht mehr in der trockenen Nordost-Region (wie Fortaleza oder Recife), sondern wie gesagt am Rande des Amazonas-Dschungels.
Belém ist der nördlichste Punkt unserer gesamten Reise
Am Flughafen gibt es keine Hotelvermittlung, so lassen wir uns per Taxi zu einem Hotel im Zentrum bringen lassen, das in unserem (drittrangigen) Reiseführer angegeben ist. Aber die Gegend sieht uns irgendwie halbseiden aus. So lassen wir uns noch etwas weiterfahren, zu einem Hotel, das der nette Taxifahrer empfiehlt. Aber dieses Hotel ist besetzt und drei weitere auch! Irene ist ganz fertig – mein diesbezüglicher Vorschlag, dann eben nächstes Mal bei Neckermann vorzubuchen, verbessert ihre Laune auch nicht. Schließlich sind wir froh, im Hotel Central ein Zimmer zu kriegen, das allerdings kein baño privado und keine Air-Condition hat, sondern nur einen Ventilator. Irene ist entsetzt, akzeptiert aber gezwungenermaßen. Der Preis konveniert natürlich: 65,– Cz-$! Ich schmiere beim Einchecken Irenes Namen hin, so dass wir hier offiziell als „Ivane Mayan e Senhora“ abgestiegen und dokumentiert sind! Oben in der 4. Etage des Hotels gibt es ein Restaurant, wo wir uns auf’s Flachdach setzen und im warmen Wind noch zwei eiskalte Bier trinken – herrlich. Dann gehen wir schlafen, was allerdings nicht so ganz toll gelingt, weil wir schwitzen, obwohl wir bei laufendem Ventilator nackt auf der Decke liegen – aber schätzungsweise werden wir uns spätestens in Buenos Aires nach diesen Temperaturen zurücksehnen. Schließlich ist Belém der nördlichste Punkt unserer Reise und liegt nur ca. 200 km südlich vom Äquator.
Der Markt Ver-o-Peso ist eine Farbenexplosion
Dienstag, 5.8. Nach einem für brasilianische Verhältnisse sehr einfachen Frühstück gehen wir zum nahen Markt Ver-o-Peso, der direkt am Ufer des Rio Pará liegt. Ver-o-peso heißt „Achte auf das Gewicht“ und das war und ist hier sicherlich empfehlenswert. Dieser riesige Fluss, der braun und träge dahinfließt, gehört bereits zum Mündungsdelta des Amazonas und ist vom eigentlichen Delta durch die Ilha de Marajó getrennt. Der Markt ist in einzelne Sektionen unterteilt: Klamotten, Obst und Früchte, Blumen, „Restaurants“ etc. Wegen der Hitze sind alle Leute nur minimal bekleidet, und wer nicht arbeitet, liegt auf seinem Verkaufstresen im Schatten, der durch die anderen Stände geworfen wird. Direkt am Markt legen auch die Schiffe an, die hauptsächlich von Marajó kommen und Früchte und Gemüse anlanden, die in großen Bergen am Ufer liegen. Wir sind gerade dabei, als ein Boot anlegt, das mit Bananen beladen ist. Als die vier- oder fünfköpfige Mannschaft bemerkt, dass Irene und ich sie fotografieren wollen, halten sie in ihrem Anlegemanöver inne und bewegen sich erst wieder, als wir unsere Fotos haben.

Der Hafen am Markt Ver-o-peso [Bild REM]

Kinder auf dem Markt [Bild REM]

Gewusel an Bord zahlreicher Schiffe und Boote [Bild REM]

Jedes an- oder ablegende Boot ist im Handumdrehen von Menschen umgeben [Bild REM]

Die Freizeit wird genutzt, um das Boot mit Meerwasser zu reinigen [Bild REM]
Wie bekommen uns Tacacá und Vatapá?
Dann legen wir uns in unserem heißen Zimmer bei auf Volldampf laufendem Ventilator etwas hin und treffen uns am Spätnachmittag mit Eduardo wieder, den wir am Vormittag kennengelernt hatten. Zu dritt gehen wir auf das Fort, das am Rande des Ver-o-Peso-Marktes liegt und beobachten den Sonnenuntergang über Belém und dem Rio Pará. Nach einem Bier gehen wir an ein paar Buden, die sich in der Nähe befinden, und wo es „Comida Típica“ gibt. Irene ist zunächst entsetzt, dann angeekelt und schließlich sauer, als ich mit Interesse teils auch mit Genuss den sehr einheimischen Speisen fröne, die Eduardo mir bestellt. Zunächst gibt’s Tacacá, das ist eine Art Schleimsuppe, in der Spinatblätter und Granat mit Schalen schwimmen! Diese beiden Bestandteile sind ganz o.k., etwas geschockt bin ich dann allerdings, als ich am Boden meiner Suppentasse eine quallenförmige „Schwabbelmasse“ vorfinde – aber ich schaffe auch die. Leider kann mir keiner in verständlicher Weise erklären, was ich da eigentlich gegessen habe. Anschließend empfiehlt Eduardo mir Vatapá, das ich bereits vom Senac in Salvador kenne und mir gut schmeckt. Während ich mit mehr oder weniger großer Begeisterung aber starkem Interesse diese und andere Produkte der afro-brasilianischen Küche zu mir nehme, schwätzt Irene bald kein Wort mehr. Nichtsdestotrotz sitzen wir draußen am Hafen an Tischen und Stühlen und genießen nach diesem Essen das brasilianische Bier. Währenddessen beobachten wir die Boote, die teilweise mit exotischen Früchten von Marajó anlanden und teilweise mit in Hängematten dösenden Passagieren ablegen – da möchte ich wohl auch einmal mit. Zwischendurch gibt es ein-/zweimal einen Regenschauer, und wir drängen uns unter dem Dach der Bude, aber anschließend ist es gleich wieder trocken. Eduardo und ich bringen Irene dann zum Hotel, da sie schlafen will, und wir gehen weiter zu einem Biergarten, der direkt vor der Oper liegt. Schließlich gehen wir noch in eine Disco, wo aber nichts los ist. Anschließend verabschieden wir uns.

Bananenfracht von der nahen, riesigen Insel Marajó [Bild REM]
Mit dem VW-Bus auf die Insel Outeiro im Rio Pará
Mittwoch, 6.8. Morgens warten wir im „Foyer“ des Hotels ewig bis Annegret und Wolfgang mit ihrem VW-Bus kommen. Der Portier des Hotels feixt schon, dass die Deutschen auch nicht pünktlicher sind als die Brasilianer. Mit 1½ Stunden Verspätung kommen sie dann, da sie einen kleinen, belanglosen Unfall hatten. [Benachrichtigungen per Handy gab’s damals mangels Handy natürlich auch noch nicht.] Zusammen fahren wir dann durch das chaotische Verkehrsgewühl Beléms, dessen Straßen wegweiserfrei zu sein scheinen! [Auch kein Google-Maps] Aber schließlich schaffen wir es doch in der richtigen Richtung aus der Stadt herauszukommen. Es ist natürlich super, nach unseren vielen Flügen und Stadtfahrten endlich einmal wieder über Land zu fahren, kleine Dörfer zu sehen und einfach das Landleben mitzuerleben. Denn genau dieses, was ich in den Andenstaaten so viel gesehen, erlebt und genossen habe, fehlt – bei unserer Art Brasilien zu bereisen – doch ziemlich; es ist einfach der schieren Größe des Landes geschuldet, das 24mal größer ist als das heutige Deutschland. Schließlich kommen wir an einen Nebenarm des Rio Pará und setzen per Autofähre zur Insel OUTEIRO über, wo wir unsere Fahrt noch etwas fortsetzen und schließlich eine Stelle an dem nicht extrem sauberen Strand des Rio Pará finden, um dort den Tag zu verbringen. Das süße, nicht zu dreckige Wasser des Flusses ist mehr als warm, und wir sind mehr im Wasser als außerhalb. Am Wochenende muss hier der Bär los sein, aber am heutigen Mittwoch sind nur einige wenige Brasilianer da. Gegen Mittag bereitet Annegret ein Vesper mit Käse, Knoblauchsauce, Brot etc. zu. Obwohl die beiden schon weit gereist sind (u.a. fünf Jahre Philippinen) sind sie nicht wenig erstaunt, dass wir Weintrauben u.ä. futtern – das sei ihnen zu gefährlich! Aber uns geht es gut damit.

Die Fähre zur Insel Outeiro [Bild REM]

Hier geht noch vieles von Hand [Bild REM]

Der Tidenhub – obwohl 350 km vom Atlantik entfernt – ist enorm und schafft bei Ebbe breite Sandstrände am Fluss [Bild REM]

Strandleben am Rio Pará [Bild REM]
Manaus in Amazonas
Donnerstag, 7.8. Morgens müssen wir schon sehr früh ‚raus und fahren bereits um 6 Uhr per Taxi zum Flughafen. Dort ist natürlich wieder mordsviel los aber zum Glück startet unser Flieger wenigstens einmal pünktlich und um 9.00 landen wir nach zwei Stunden Flug über dem Amazonas-Gebiet in MANAUS. Weil Manaus sehr weit im Westen Brasiliens liegt, ist die Zeit hier um eine Stunde weiter zurück. Per Taxi fährt uns eine sehr nette gesprächige Dame – unser Portugiesisch wird auch immer besser – durch die geschäftige Großstadt. Man darf sich Manaus nicht als Urwald-Kaff vorstellen, sondern die während des Kautschuk-Booms um die Jahrhundertwende großgewordene Stadt ist heute ein Industrie- und Handelszentrum mit sämtlichen Einrichtungen, die dazu gehören. Unsere Chauffeuse bringt uns zum Hotel „Aurora„, das mitten im alten Zentrum, nahe am Hafen liegt. Obwohl das Hotel sehr einfach ist, gibt es eine Klimaanlage, die bei dem feuchten Klima hier sehr notwendig ist, so dass Irene auch happy ist.
Manaus – Handelshäuser, Boote und feuchte Hitze
Nachdem wir die Air-Condition auf Power gestellt und uns etwas ausgeruht haben, gehen wir zum nahen Hafen runter. Hier ist der Bär los, genau nach meiner Mütze. Zunächst kommen wir an diversen Großhandelsgeschäften vorbei, die jeweils aus einem großen Lagerraum bestehen, der mit Waren vollgestopft ist, z.B. Seile und Taue, oder Säcke mit Zucker und Mehl, oder Konservendosen aller Provenienzen, oder Kisten obskuren Inhalts usw. Zusätzlich steht mitten im Raum immer ein alter Schreibtisch, an dem der dicke, fette Chef sitzt und zuschaut, wie ein Haufen junger Männer – meist nur mit Adidas-Sporthose bekleidet – Kisten, Säcke, Kartons auf dem Kopf ‚rein- und ‚raustragen. Wir kommen weiter zu einem Marktgebiet, das sich direkt am Hafen befindet. Hier sind Buden und Stände und Katen aufgebaut, an denen man Melonen, Bananen, Ananas, Zwiebeln, Gemüse, Zuckerrohr, Kokosnüsse und diverse andere tropische Früchte kaufen kann. Die meisten Verkäufer dösen vor oder zwischen ihrer Ware und wachen erst auf, wenn ein Kunde kommt. Dazwischen fahren Taxis, Busse, PKW, Handkarren und hunderte Lastenschlepper herum. Erst hinter diesen Buden und Ständen beginnt der eigentliche Hafen. Hier haben die Engländer um 1910 die schwimmenden Pontons installiert, um so zu ermöglichen, dass Manaus einen Hafen hat, der bei allen Wasserständen nutzbar ist. Der Wasserstand des Rio Negro (erst 10 km unterhalb von Manaus fließen Rio Negro und Rio Solimões zum Rio Amazonas zusammen) schwankt in Abhängigkeit von der Jahreszeit um bis zu 12 m in der Höhe! Zurzeit ist gerade höchster Wasserstand, also fast eben mit den Straßen, aber zu anderen Jahreszeiten gibt es breite Strände in der Stadt. Jedenfalls liegen an diesen Pontons eine Unzahl von Schiffen, die die Versorgung des gesamten Amazonasgebietes aufrechterhalten, denn Straßen gibt es fast keine. Diese käfigartigen, weißen Holzschiffe werden Tag und Nacht be- und entladen, wobei wiederum Lastenträger die Waren von den LKW’s auf die Schiffe schleppen. Hier sehe ich mich natürlich mit Vorliebe um, denn dieses Gewusel, dieses Gerenne, diese Hektik, die Farben, der Krach, das Durcheinander, der Dreck, alles das ist unbeschreiblich und exotisch – es begeistert mich! Und alle diese Schiffe nehmen nicht nur Waren, sondern auch Personen mit (Pasajeros e carga), so dass man auf diese Art und Weise in den entferntesten Winkel vom Amazonas vordringen kann. Allerdings gibt es dafür zwei Voraussetzungen: Viel, sehr viel Zeit und die Bereitschaft, auch auf ein Minimum von Hygiene zu verzichten. Bei 50% von uns beiden scheitert es an letzterem, bei beiden an ersterem. Schade – aber man kann ja wiederkommen!! (z.B. von Iquitos/Perú per Schiff nach Manaus).

Am Passagieranleger von Manaus [Bild REM]

Tagelöhner warten auf einen Job [Bild REM]

Wer nichts zu tun hat, verbringt die Zeit wartend an Bord [Bild REM]

Der Wasserstand während unseres Aufenthaltes in Manaus ist sehr hoch [Bild REM]

Boote über Boote für Fracht und Passagiere [Bild REM]

Das Verladen ist zumeist Handarbeit … [Bild REM]

… besser gesagt, es ist immer Handarbeit! [Bild REM]
Freitag, 8.8. Unser Frühstück ist heute für brasilianische Verhältnisse sehr einfach, außerdem bin ich währenddessen bereits pitschnass geschwitzt, denn in dem Frühstücksraum gibt es keinerlei Luftbewegung, da kein Fenster geschweige denn ein Ventilator vorhanden ist. Um 8.30 Uhr werden wir zu unserer Dschungeltour abgeholt und vorher packen wir unsere Rucksäcke mit den Sachen, die wir im Hotel lassen, da wir nur eine Tasche mit dem Nötigsten mitnehmen wollen. Nach langen Überlegungen über das Für und Wider lassen wir dann auch unser Geld im Hoteltresor (hoffentlich sehen wir’s wieder!).
3 Tage und 2 Nächte im Dschungel
Mit einem riesigen amerikanischen Straßenkreuzer werden wir tatsächlich pünktlich abgeholt. Der Kofferraum ist bereits halb voll mit Plastiktüten mit Reis, Fisch, Obst, Fleisch etc. Wir fahren noch bei einem weiteren Hotel vorbei, wo wir vier Franzosen und eine Spanierin abholen. So fahren wir dann zum Hafen, wo unser kleines Mini-Boot neben bzw. fast unter riesigen Touristen-Super-Luxus-Dschungel-Kreuzern liegt. Das Boot ist mit einem mordslauten Zweitakt-Tucker-Motor ausgerüstet, mit dem wir nach dem Verstauen des Gepäckes und der Leute „in See stechen“ und den Rio Negro flussauf fahren. Schon bald haben wir die mit nicht wenigen Hochhäusern gespickte Skyline von Manaus vor bzw. neben uns. Und schon legen wir wieder an, nämlich an einer mitten im Fluss stehenden Eisfabrik, die aus diesem das Wasser entnimmt, es gefriert und das Eis in Blöcken verkauft. Hier holen wir also fünf dicke Eisblöcke ab, mit denen wir die nächsten drei Tage unser Wasser kühlen werden – hoffentlich geht das (magentechnisch) gut.

Bei der Eisfabrik mitten im Rio Negro [Bild REM]

Favela am Ufer des Rio Negro bei Manaus [Bild REM]

Unser Jungle Camp an einem der zahlreichen Nebenarme des Rio Negro [Bild REM]

Das Floß des Jungle Camp im strömenden Regen [Bild REM]

Kinder der Mitarbeiter im Jungle Camp [Bild REM]

Antonios Behausung [Bild REM]

Jimmy (rechts) scherzt mit Antonio und der Adjutant schaut zu [Bild REM]

Alles ist – jahreszeitlich bedingt – überflutet [Bild REM]

Kleine Piranhas aus dem Rio Negro [Bild REM]

Unser Hängematten-Lager mitten im Dschungel [Bild REM]
Anschließend machen wir eine einstündige Fahrt per Boot durch den überfluteten Dschungel, wobei wir in immer engere, schmalere und zugewachsenere Flussarme gelangen. Schließlich kommen wir nur noch voran, indem der Motor hochgeklappt wird und wir uns per Paddel und Stangen vorwärtsschieben. Dafür reichen Jimmy und sein „Hiwi“ aber nicht mehr und wir helfen alle mit. Dann legen wir an und machen einen 1½-stündigen Marsch durch den Dschungel bis wir zu einem kleinen Wasserfall kommen. Dabei ist es wahnsinnig heiß und feucht, so dass wir innerhalb kürzester Zeit keinen trockenen Faden mehr am Leib haben, da alles durchgeschwitzt ist. Jimmy erklärt uns dabei einige interessante Details des Urwaldes: Telefonbaum, der zur Kommunikation dient; Verkauf von Nutzungsrechten in der Selva; gefällte und an Ort und Stelle in Bretter zersägte Urwaldbäume (z.B. Mahagoni). Leider sehen wir die ganze Zeit kein einziges Tier und hören lediglich einige Vögel. Die Cascada, an der wir dann ankommen, ist ein herrlich erfrischender, sauberer Urwaldbach, der ca. 3 m tief fällt. Darin baden wir wunderbar, um anschließend zum Boot zurückzulaufen.

Wir baden herrlich in der erfrischenden Cascada [Bild REM]
Wo sind die Krokodile?

Grün, grün und noch mehr grün [Bild REM]

Jimmys Adjutant tut, was er kann [Bild REM]
Sonntag, 10.8. Nach dem typischen Dschungel-Frühstück machen wir noch eine kurze Fahrt zum Angeln, zu der Irene aber gar nicht mitkommt, da es ihr kreislaufmäßig nicht besonders gut geht – wir führen es auf die Resochin-Tabletten (gegen Malaria) zurück. Die Angeltour wird auch nichts Großartiges, denn wir fangen nicht einen einzigen Fisch mit unseren primitiven Angelruten – glücklicherweise müssen wir nicht davon leben. Dafür baden wir nochmals sehr schön und nach dem üblichen Mittagessen tuckern wir mit dem saulauten Boot ca. 3½ Stunden zurück nach Manaus.

Auf unserer Angeltour [Bild REM]
Nachts in Manaus
Am Abend holen Irene und ich die vier Franzosen und Rosa im Hotel ab und nach einigem Hin und Her fahren wir mit zwei Taxis in ein Lokal, wo wir mittelprächtig essen. Wegen der Hitze hier besteht das Restaurant, das im ersten Stock liegt, nur aus Decke, Fußboden und einigen Säulen. Die Seitenwände fehlen völlig, dafür gibt es Geländer. Nach dem Essen finden wir kein Taxi für die Rückfahrt zum Hotel. Stattdessen hält ein Range Rover mit Ladefläche und Kennzeichen aus Rio, den eine Frau fährt. Sie nimmt uns mit ins Zentrum. Dort entscheiden wir, noch in eine Disco zu gehen. So fahren wir mit ihr in den „Club Nostalgica„. Allerdings trifft die lahme Herz-Schmerz-Musik (Saudade = Sehnsucht, Heimweh) überhaupt nicht unseren Geschmack. Während ich drauf verzichte, das Tanzbein zu schwingen, wird Irene von den Franzosen getanzt. Währenddessen lernen wir einen älteren Mann am Nebentisch kennen, der einmalig toll Tambourin spielen kann. Als die Musik in der Disco zu Ende geht, nehmen wir diesen Mann auf „unserem“ Range Rover mit und fahren bei 28°C um 2 Uhr nachts durch Manaus. Als wir bei einer weiteren Kneipe ankommen, wo noch was los zu sein scheint, beginnen Irene und ich zu streiken (vernünftig, wie wir sind!) und fahren per Taxi ins Hotel. Hier müssen wir zunächst einen Mordskrach veranstalten, um den Boy vom Hotel zu wecken, damit er uns hereinlässt. Glücklicherweise klappt das aber auch.
Eine private Tour bringt uns Einiges näher
Montag, 11.8. In Anbetracht der kurzen Nacht stehen wir recht früh auf, was jedoch in Relation zu unserer Verabredung zu spät ist, so dass die Franzosen bereits eintreffen, als wir noch beim Frühstück sind. Mit ¾ Stunde Verspätung kommen wir beiden dann zusammen mit den vier Franzosen am Hafen an, wo unser Bootsführer – mit dem ich mich am Vortag verabredet hatte – noch schön wartet. Mit seinem kleinen Boot, das weitaus schneller ist als der laute Tuckerkahn, den wir beim Jungle Camp hatten, fahren wir den Rio Negro ca. 10 km flussabwärts. Hier fließen der Rio Negro und der Rio Solimões zusammen und bilden den Amazonas, den größten Fluss der Welt! Das Beeindruckende neben der Größe der Flüsse und den Wassermassen hier am „Encontro das Aguas“ ist die Tatsache, dass sich das schwarze Wasser des Rio Negro und das braune Wasser des Rio Solimões nicht vermischen, sondern scharf voneinander getrennt weiterfließen! Man kann noch über 70 km weiter stromab die unvermischten Wassermassen voneinander unterscheiden! Dieses Naturphänomen beruht darauf, dass die Temperaturen der beiden Flüsse sehr unterschiedlich sind und sie sich deswegen schlecht vermischen. Wir haben viel Zeit und können uns in Ruhe dieses Schauspiel anschauen.

„Encontro das Aguas“ – im Vordergrund das schwarze Wasser des Rio Negro und weiter hinten das braune Wasser des Rio Solimões [Bild REM]

Seerosen der Art „Victoria Regina“ die 4m Durchmesser bekommen sollen [Bild REM]

Vorführung einer Riesenschlange [Bild REM]

Fischer gegenüber der Millionenstadt Manaus am Rio Negro

Fischer mit einem Surubí (Wels) [Bild REM]

Der Surubí [Bild REM]

Das berühmte „Teatro Amazonas“ in Manaus [Bild REM]

Nur mit diesen Schiffen kann man das gesamte, riesige Amazonas-Gebiet befahren [Bild REM]

Es gibt auch Autos in Manaus: Fuscas (Käfer) aus brasilianischer Produktion [Bild REM]
Das letzte Einchecken mit unserem Brasil-Air-Pass geht recht unproblematisch vonstatten, obwohl unser Gepäck beinahe falsch geschickt worden wäre, denn wir fliegen nicht nur bis São Paulo, sondern weiter bis nach Porto Alegre – zum Glück merken wir’s und der Fehler wird korrigiert. Um 1 Uhr morgens starten wir dann pünktlich (welch‘ Wunder!) in Richtung São Paulo mit einem Zwischenstopp in Brasilia.
Porto Alegre in Rio Grande do Sul
Dienstag, 12.8. Da wir auf unserem Flug Manaus – São Paulo zusammen drei Sitze haben, schlafen wir die Nacht über recht gut und verzichten auch auf das Frühstück, das irgendwann gegen 5 Uhr serviert wird. Um 6:30 Uhr landen wir in São Paulo, wo wir zwei Stunden Zeit haben bis zu unserem Weiterflug nach Porto Alegre. In dem großen, modernen, großzügigen Flughafen Garulhos, der erst ein Jahr zuvor eröffnet wurde und den wir bereits von einem anderen Zwischenstopp kennen, suchen wir zunächst in der Buchhandlung nach deutschen Büchern. Es gibt zwar sehr viele, aber ausschließlich auf Simmel-Konsalik-Willi-Heinrich-Niveau, wofür uns unser Geld zu schade ist. Erfolglos suchen wir auf diesem Riesenflughafen nach einer Frühstücksmöglichkeit. Entweder gibt es Kaffee im Stehen oder Luxus-Frühstücksbüffett für 70 Cz-$, das ist uns zu teuer und zu viel. So warten wir dann in Ruhe auf einem der gepolsterten Sessel auf unseren Abflug, der auch pünktlich um 8:30 Uhr losgeht. Bei diesem, unseren letzten Varig-Flug, haben sie uns natürlich wieder keine Sitzplatz-Nummer auf die Bordkarte geklebt, und wir müssen zweimal Schlange stehen, um in den Flieger zu können – ich bin natürlich gottfroh, dass das mein letzter Flug mit Varig ist. Nach dem Verspeisen eines sauberen Bordfrühstückes kommen wir gegen 10 Uhr in PORTO ALEGRE an.
Im „Fröhlichen Hafen“ ist es eiskalt!
Porto Alegre, zu Deutsch „Fröhlicher Hafen“, liegt sehr weit im Süden Brasiliens, weshalb es auch nur noch 16°C sind und es bewölkt sowie sehr windig ist – hier macht sich der Winter eben mehr bemerkbar. Ein sehr preiswertes Taxi bringt uns den relativ weiten Weg bis zum Hotel „Savoy“, das im Zentrum Porto Alegres liegt. Es ist nicht billig, aber sehr ordentlich (300 Cz-$) – Irene ist zufrieden. Mit Pullover und Ski-Jacke ausgestattet, denn uns ist ziemlich kalt, erkunden wir die Stadt. Der Eindruck ist sehr europäisch. Ähnlich wie in Argentinien sieht alles aus wie eine Mischung aus Schweiz und Frankreich: Große, großzügige, alte Häuser mit vielen sehr ordentlichen Geschäften und es wimmelt von sehr hellhäutigen Menschen. Nur die Bausubstanz ist etwas vergammelt und ältlich. Im Gegensatz zum „richtigen“ Brasilien gibt es kaum Straßenstände, kaum offensichtliche Arme, kaum Schwarze. Wir laufen etwas durch die Fußgängerzone, suchen ein bestimmtes Buch über Bahia, das wir kaufen wollen, aber nicht finden und versuchen dann per Bus, zum Rodoviária zu fahren. Als wir aussteigen, sind wir aber weiter entfernt als beim Einsteigen. So laufen wir halt. Auf dem riesigen Busbahnhof kriegen wir mit einiger Sucherei Tickets für den Direktbus nach Montevideo (ca. 1000 km), mit dem wir morgen Abend fahren wollen (330 Cz-$ pro Person). Dann kaufen wir noch Karten für den Bus nach Gramado, einem Ausflugsort in den Bergen bei Porto Alegre. Dabei treffe ich noch einen der Juden wieder, mit denen ich vor fast zwei Monaten die Mine in Potosí/Bolivien besichtigt habe. Ich weiß erst gar nicht, wo er hingehört, er kennt mich aber gleich und so wird es ein freudiges Wiedersehen.

Im Zentrum von Porto Alegre [Bild REM]

Eine alte, französisch anmutende Bausubstanz prägt die Stadt [Bild REM]
Gramado ist stark von deutschen Auswanderern geprägt
Mittwoch, 13.8. Nachts habe ich sehr schlecht geschlafen, weil Bauchschmerzen und Durchfall mich nicht unerheblich quälten. Auch heute Morgen ist es noch nicht wieder ganz in Ordnung. Da Irene deswegen (und weil es regnet!) unsere Fahrt nach Gramado abblasen will, behaupte ich, ich sei wieder ganz o.k. Nach dem Frühstück bringen wir unser Gepäck (incl. Speere) in ein Separée des Hotels, weil wir unser Zimmer bis Mittag räumen müssen. Dann fahren wir vom Rodoviária aus in Richtung Gramado. Dieser Ort liegt in ca. 100 km Entfernung in 800 m Höhe in den Bergen nördlich Porto Alegres und ist ein bekannter Ausflugs- und Erholungsort. Während der gesamten Fahrt gießt es in Strömen und wir sind begeistert… Trotzdem ist es landschaftlich sehr schön: Berge, Kiefernwälder, Fachwerkhäuser, saubere Bauernhöfe und kleine Dörfer bilden die Umgebung dieser stark von Europäern und insbesondere Deutschen beeinflussten Gegend. Nach zwei Stunden kommen wir im Nassen in GRAMADO an. Zunächst kaufen wir ein Ticket für die Rückfahrt. Blöderweise fährt der nächste Bus erst um 17 Uhr zurück, so dass er erst um 19 Uhr in Porto Alegre sein wird. Dann müssen wir in einer knappen Stunde zum Hotel, unser Gepäck holen und zurück zum Busbahnhof, denn unser Bus nach Montevideo startet um 20 Uhr. Irene sieht natürlich keine Chance, das zu schaffen, aber irgendwie wird’s wohl gehen. (Sicherheitshalber erzähle ich ihr gar nicht, daß wir eigentlich schon um 19.30 Uhr da sein sollen.) Jedenfalls gehen wir durch den eigentlich recht schönen Ort Gramado, aber bei Regen ist halt alles etwas doof. Es gibt unheimlich viele Artesanía-Geschäfte, aber es wird ein ziemlicher Kitsch angeboten und wir kaufen nichts. Im strömenden Regen laufen wir die Hauptstraße rauf und wieder runter, wobei ich hauptsächlich damit beschäftigt bin, Irenes Laune aufzubessern – nicht einfach, aber machbar. Vor lauter Regen und Langeweile gehen wir dann in eines der zahlreichen italienischen Restaurants zum Essen. Man kann sich hier aus zehn Nudelsorten und 25 Saucen das Geeignete ‚raussuchen. Das tun wir auch und spülen es mit einer Flasche brasilianischen Rotweins runter. Nachdem wir unsere Sitzflächen solange strapaziert haben, bis wir die letzten Gäste sind, gehen wir wieder nach draußen, wo es nur noch etwas regnet. Wir gehen wieder eine Zeitlang spazieren, kaufen in einem der vielen Geschäfte, in denen die bekannte Schokolade von Gramado angeboten wird, ein und gehen schließlich in ein Café. Da ich beschlossen habe, dass mein Durchfall vergessen ist, bestelle ich Eis und Irene Tee und Kuchen. Dann schreiben wir Tagebuch.

In Gramado ist bei Regen alles so trist wie in Europa [Bild REM]
Im Edelbus nach Montevideo
Pünktlich um 20 Uhr geht dann die Fahrt im Super-Luxus-Bus nach Montevideo los. Der Bus ist nicht ganz voll und bietet wieder sehr viel Platz: Wenn man seine Lehne nach hinten geklappt hat, kann man mit den Füßen gerade noch die Fußstütze unter dem Vordersitz erreichen. Neben dem Fahrer ist auch eine Dame für den Service an Bord. Per Mikrophon begrüßt sie uns und erklärt immer einmal, wie und wo wir sind. Außerdem versorgt sie uns mit Kaffee, Tee, Salzgebäck und Bonbons. In dem tollen Bus merkt man kaum, dass man fährt, denn so gut sind Federung und Schallisolierung des Motors. Kurz nach Mitternacht machen wir Stop – ich habe inzwischen die „Feuerzangenbowle“ zu Ende – und wir genießen Sandwiches und Saft. Dann geht es weiter in Richtung uruguayischer Grenze.
Wir sind schon sehr gespannt auf dieses Land, das als eine Art Puffer zwischen den beiden übermächtigen Staaten Brasilien und Argentinien fungiert. Sehr berühmt sind die zahlreichen uralten Autos, die die Straßen bevölkern, da auf neue Autos irre hohe Importzölle erhoben werden. Was wir hier erleben, werde ich Euch im 7. Teil meiner Südamerika-Reise wissen lassen.
Unsere fast sechswöchige Reise durch das riesige Brasilien war eine ganz tolle Erfahrung und wir lieben dieses Land und seine Menschen mit allen Herausforderungen und Chancen, die es bietet. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass es uns mehr als zehn Jahre später beruflich nach Brasilien verschlagen wird. Die allermeisten Brasilianer kennen nur einen Bruchteil ihres Heimatlandes und können kaum glauben, was wir Jahre zuvor bereits kennengelernt haben. Wir haben Brasilien immer unter dem Motto von Stefan Zweigs berühmten Buch von 1941 gesehen und genossen: „Brasilien – Ein Land der Zukunft„. Das war es, ist es und wird es bleiben.
Bisherige Reiseberichte von der Rucksackreise 1986

Südamerika 1986: Backpacking in Peru [Vintage]

Südamerika 1986: Rucksackreise Bolivien bis auf 4000 m Höhe [Vintage]

Südamerika 1986: Nord-Argentinien – im Land der Pachamama [Vintage]

Paraguay 1986: Auswanderer, Diktatoren und Mormonen

Brasilien 1986 (1): Zuckerhut, Goldminen und gigantische Wasserfälle

Brasilien 1986 (2): Futuristische Architektur, Amazonas-Urwald und endlose Traumstrände
