Himmel, Herrgott, Portugal: Pilgern auf dem portugiesischen Jakobsweg

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750 km zufuß von Lissabon über Porto nach Santiago de Compostela

Gastautor Herbert Hirschler ist Pilger-Profi. In diesem Gastbeitrag setzt er seine Pilgerschaft in Portugal fort. Er empfiehlt: “Auch für absolute Pilgermuffel geeignet”

Einmal Pilger, immer Pilger!

2010 zog es mich zum ersten Mal auf einen der vielen Jakobswege, 1.100 Km pilgerte ich am nordspanischen Küstenweg, dem „Camino del Norte“, von der französischen Grenzstadt Hendaye über San Sebastian und Gijon bis Ribadeo.

Großteils meist direkt auf schmalen Pfaden entlang der traumhaften Biskaya-Küste. Danach ging’s durch das Landesinnere bis nach Santiago de Compostela, dem Ziel aller Jakobswege. Als Draufgabe marschierte ich noch nach Finisterre, dem im Mittelalter vermeintlichen Ende der Welt, und Muxia, wo direkt an der Costa da Morte die Kirche „Santuario da Virxe da Barca“, das Marienheiligtum der Schiffsjungfrau, das Ende meiner Reise darstellte.

Der Jakobsweg-Virus

Seit dieser Zeit bin ich infiziert vom Jakobsweg-Virus – 2016 war es dann wieder soweit. Als leidenschaftlicher „Küstenentlangmarschierer“ wollte ich versuchen, am nur sehr selten begangenen „Trilho das Areias“ direkt am Atlantik entlang von Lissabon nach Porto zu wandern. Erst danach würde der „offizielle“ portugiesische Jakobsweg nach Santiago de Compostela auf mich warten, der „Caminho da Costa“. Ein spanischer Pilger, Luis Freixo, hat den „Trilho das Areias“ vor Jahren GPS-mäßig aufgezeichnet und ins Internet gestellt – und genau diesem Track wollte ich folgen.

Sollte es mir gelingen, wäre ich angeblich der erste deutschsprachige Pilger, der diese knapp 500 Kilometer von Lissabon nach Porto zur Gänze zu Fuß zurückgelegt hat – zumindest laut dem Facebook-Forum für die portugiesischen Jakobswege, das alle Pilgeraktivitäten genauestens aufzeichnet.

 

Lissabon

Bei herrlichem Sonnenschein setzt mich die portugiesische TAP-Airline im Frühjahr 2016, genauer gesagt am 16. April, in Lissabon ab. Durch enge Gassen spaziere ich in die Altstadt, die berühmte „Alfama“. Die Häuserfronten sind mit typisch portugiesischen „Azulejos“-Fliesen verkleidet und aus vielen Bars klingt Live-Musik durch die weit geöffneten Fenster und Türen heraus auf die Straße. So wird es einem musikbegeisterten Kurzzeitaussteiger unmöglich gemacht, einfach daran vorbeizugehen.

Die letzten Sonnenstrahlen verpassen dem mittelalterlichen Kopfsteinpflaster eine goldene Aura von Abschiednehmen, und die portugiesische Volksmusik, also der „Fado“, passt haargenau zur leicht melancholischen Stimmung eines Pilgers vor dem Aufbruch in ein neues Caminho-Abenteuer. Caminho ist übrigens das portugiesische Wort für „Weg“ und unterscheidet sich vom Spanischen nur durch das „h“ in der Mitte. Auch sonst sind mir einige Worte durchaus noch von meinem letzten Jakobsweg in Erinnerung, zum Beispiel „Cerveja“. Ähnlich klingt dieses nach langen Wanderetappen am Abend unbedingt notwendige Elektrolytgetränk auch im Spanischen – bei uns ist es kurz und bündig als „Bier“ bekannt.

 

Vor dem Start in ein neues Abenteuer

 

In einem Internet-Crash-Kurs habe ich mir aber auch einige andere wichtige Wörter auf Portugiesisch angeeignet, vier davon kann ich gleich am nächsten Morgen mal ausprobieren. Vor dem berühmten Aufzug im Stadtzentrum von Lissabon, dem „Elevador de Santa Justa“, wartet eine kleine Gruppe. Mein wahrscheinlich völlig akzentfreies Kauderwelsch „Bom dia, tudo bem?“, das „Guten Morgen, wie geht’s?“ heißen sollte, wird von einem der Männer mit einem „Wos hat er g’sagt?“ und einem verzweifelten Blick zu seinem Nachbarn quittiert. In Sekundenschnelle lasse ich meine Tarnung als Portugiese auffliegen und wir reden in vertrautem Dialekt weiter, weil vor mir einige Touristen stehen, die gerade mal 20 Kilometer von meinem Heimatort in Niederösterreich wohnen. Klein ist die Welt …

Jetzt geht’s aber wirklich los. Ich wandere am Tejo-Fluss raus aus der Stadt, vorbei am beindruckenden Hieronymuskloster, in dem neben vielen Königen und anderen Persönlichkeiten Portugals auch der Sarkophag von Vasco da Gama aufgebahrt ist. Da Gama treffe ich dann gleich mal direkt am Wasser wieder, denn dort schaut er mit vielen seiner Entdeckerkollegen ganz verwegen vom Seefahrerdenkmal auf den Tejo-Fluss. Davor schaukeln einige Boote im Wasser und es riecht nach Sommer, am 16. April. Lissabon hat mediterranes Klima, selbst im Winter sinkt die Temperatur selten unter 10°, die Sommer können sehr heiß werden, es weht aber oft eine erfrischende Brise vom Atlantik her und macht die schwülen Tage etwas angenehmer.

Ein Blick zurück zeigt mir, dass das berühmte Wahrzeichen Lissabons, die Brücke „Ponte 25 de April“ mittlerweile nur mehr einem roten Faden gleicht, der die mühsame Aufgabe übernommen hat, die beiden Ufer des Flusses ein letztes Mal zusammenzuhalten. Sinnlos, denn einige hundert Meter weiter entfaltet der Tejo seine ganze Breite und fließt ungehemmt in den Atlantik. Vor mir sehe ich den tiefblauen Ozean, ein breiter Sandstrand hat schon vor längerer Zeit ganz spektakulär die kilometerlange Stadtpromenade abgelöst und ich bin mitten drin in der portugiesischen Surferszene. Estoril lasse ich links liegen, hier gewann Jacques Villeneuve 1996 den letzten Formel-1-Grand Prix von Portugal.

Nach insgesamt 33 Kilometer beende ich meinen ersten Tag am „Trilho das Areias“ im schönen Küstenstädtchen Cascais. Herbergen wie auf den „normalen“ Jakobswegen sucht man auf dieser Strecke vergeblich, was es gäbe, wären Schlafsäle für Surfer und andere Wassersportler. Da ich das nicht bin und ich außerdem mit meinen 51 Jahren den Altersschnitt rapide in die Höhe treiben würde, genehmige ich mir ein Businesshotel mit Blick auf das Meer und freue mich, dass man einem „Peregrino de Santiago“, wie wir Jakobswegpilger genannt werden, einen 75-%igen Rabatt einräumt.

 

Traumhafte Steilküsten mit atemberaubenden Ausblicken auf den Atlantik

 

Ab Tag 2 meiner Pilgerschaft wechseln sich traumhafte Steilküsten mit einsamen Sandstränden ab, es geht durch kleine Fischerdörfer, duftende Nadelwälder, über kilometerlange Holzstege, die fleißige Hände in die wüstenähnliche Dünenlandschaft gezimmert haben, und auch über „mächtige“ Berge in luftige Höhen von 250 Meter über dem Meeresspiegel. Am „Cabo da Roca“ stehe ich am westlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Im Mittelalter hatte man irrtümlich angenommen, das wäre „Finisterre“ in Spanien. Sollte man sich da geirrt haben – mir kann’s egal sein, ich war jetzt an beiden Plätzen und konnte die spektakuläre Aussicht auf den endlos scheinenden Atlantik genießen.

Jeden Tag zeigen sich neue Höhepunkte, langsam gehen mir die Superlativen aus, für die Schönheit dieses Caminhos. Wenn da nicht immer wieder mal rote Radwege wären, die sich kilometerlang durch die Sicht auf das Meer verstellende Föhrenwälder ziehen, hätten meine Augen gar keine Zeit zur Erholung.

 

Herz, was willst du Meer

 

Bei Nazaré genieße ich wieder freien Blick auf den völlig ruhigen Atlantik. Kaum zu glauben, dass es hier Wellen von bis zu 30 Metern Höhe geben soll. Die höchste wurde von der internationalen Surferelite „Big Mama“ genannt. 2011 hat man hier den offiziellen Weltrekord im Big Wave Surfen aufgestellt.

Seither trifft sich die Creme de la Creme der Wassersportler, um auf einer der Monsterwellen zu reiten.
Die nächsten Tage ist mehr oder weniger Asphaltwandern angesagt. Selbst für einen Pilgerprofi sind bis zu 35 Kilometer lange, kerzengerade Radweg-Etappen nicht wirklich aufbauend. Man könnte auch versuchen, direkt am Strand zu marschieren, doch der tiefe Sand und manche nur bei Ebbe passierbare Stellen bringen einem doch recht schnell wieder auf den Radweg zurück, der auch auf mittlerweile 120 gemeinsamen Kilometern noch kein wirklicher Freund geworden ist.

 

Jeden Tag bestaune ich Sonnenuntergänge der Kitschklasse 1a

 

Doch die Abende in den Küstenstädten „Figueira da Foz“, „Quiaios“ und „Praia de Mira“ entschädigen für das monotone Klack-Klack der Trekkingstöcke während des Tages. Wie ein kleines Kind bestaune ich sensationelle Sonnenuntergänge der Kitschklasse 1a. Wenn dann am Horizont der blutrote Ball zur Gänze in den Atlantik geplumpst ist, spaziere ich in eine der heimeligen Kneipen, die im Frühling noch nicht von Touristen bevölkert sind, sondern wo sich noch wirklich das – meist auch sehr lautstarke – Leben der Portugiesen abspielt. Und wie! Manche Abende werden doch etwas länger und in einer Stadt namens „Gafanha da Nazaré“ werde ich beinahe Ehrenmitglied des örtlichen Fußballvereines.

Wandern mit Gott – und dem Internet

Noch am selben Morgen wusste ich nicht, wo ich am Abend schlafen werde, weil das einzige Quartier nach 30 Kilometern laut Internet ausgebucht war. Doch mit einem gehörigen Maß an Gottvertrauen, das während einer Pilgerschaft von Tag zu Tag größer wird, weil sich einfach alles zum Guten wendet, wenn man nur fest daran glaubt und man sowieso mit einer riesengroßen rosaroten Brille durch die Gegend läuft, habe ich auch an diesem Tag nie daran gezweifelt, irgendwo „unterzukommen“. Während einer Nachdenk-Cerveja in einer Hafenkneipe kommt plötzlich ein stattlicher Herr auf mich zu und versucht mir klarzumachen, dass ich auf dem falschen Weg sei.

Er stellt sich als ehemaliger portugiesischer Finanzstaatssekretär heraus und war schon auf vielen Caminhos dieser Welt unterwegs. Aber in seiner Heimatstadt hat er noch niemals einen Pilger gesehen, daher muss er mir einfach helfen, meint er. Und obwohl ich am Morgen keine Ahnung hatte, wo und wie ich heute übernachten werde, lädt mich Antonio in sein Haus ein, grillt für mich Tintenfisch und lässt mich im Zimmer der vor Jahren verstorbenen Oma übernachten. So geht das, am Jakobsweg! Und weil wir vor der Nachtruhe noch auf einen kurzen Absacker in seine Stammkneipe müssen und dieser Absacker doch nicht so kurz wird, lerne ich so nach und nach sämtliche Mitglieder des Fußballteams „FC Gafanha“ kennen – und mit ihnen eine beachtliche Anzahl von Cervejas und Vinho Tintos.

Auf einem beschaulichen Landstreifen zwischen Atlantik und dem „Ria de Aveiro“ führt mich mein Weg weiter nach Furadouro, wo ich im Terasse-Hostal übernachte. Der Hotelchef erklärt mir beim Frühstück: „Today you will see a lot of ladies working in the wood!“. Naiv wie ich nun mal bin, weiß ich nicht, was er damit meinen könnte. Ich habe auf meinem gesamten Weg hier im Wald und auf den Feldern immer nur Männer arbeiten sehen und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es in Portugal Holzfällerinnen gibt. Einige Kilometer später grüße ich ganz freundlich eine Frau, die hier anscheinend auf den Bus wartet. Dass da aber gar keine Bushaltestelle ist, fällt mir erst später auf. Beim nächsten Mädl frage ich mich, ob man mit so einem kurzen Rock eigentlich Busfahren darf. Und erst bei Nummer 3, 4 und 5 kommen mir wieder die Worte des Hospitaleros in den Sinn – das hat er also gemeint! Diese Frauen warten auf fahrende Kundschaft und wirklich – hin und wieder bleibt auch ein Auto stehen und nimmt eine der Damen mit – aber nicht zum Holzfällen.

Die endlosen Radwegkilometer sind jetzt zum Glück Geschichte. Bei strahlendem Sonnenschein führt mich mein Weg direkt am Atlantik nach Norden, zuerst nach Espinho und danach weiter durch verträumte Fischerdörfer, über kleine, saftig grüne Hügeln und auf fußsohlenfreundlichen Holzstegen über Dünen oder blühenden Bodendeckern Richtung Porto, das ich nach 17 Tagen Wanderschaft erreiche.

Nach 17 Tagen habe ich Porto erreicht

 

Am Südufer des Douros zelebriere ich meine Ankunft im heißersehnten Ziel des „Trilho das Areias“. Ganz langsam schlendere ich die letzten Kilometer zur Brücke „Ponte Dom Luis I“, überquere den Fluss, und fahre, eingezwängt zwischen jeder Menge Japaner, Amerikaner und Franzosen, mit einer Standseilbahn in das Zentrum der Stadt.

Porto

Porto ist mit knapp 240.000 Einwohner die zweitgrößte Stadt Portugals, kulturell und wissenschaftlich gesehen ist Porto aber mittlerweile die unumstrittene Nummer 1 des Landes. Ich fühle mich einfach sauwohl, es ist ein traumhaftes Gefühl, nach beinahe 500 Kilometer das – erste – Ziel meiner Pilgerschaft erreicht zu haben. Die historische Altstadt, durch die ich glücklich und zufrieden marschiere, gehört zum UNESCO Weltkulturerbe, die Menschen sind freundlich, die Sonne freut sich mit mir – und alles ist großartig!

Alles? Nicht ganz! Um 19 Uhr schließt die Kathedrale. 2 Minuten davor schaffe ich es gerade noch, das imposante Gotteshaus zu betreten. Als ich 5 Minuten später ganz alleine in der ersten Bankreihe in ein tiefes Gespräch mit dem Herrgott vertieft bin, wirft sich plötzlich die Sehnsucht über mich, wie ein Schatten, der immer tiefer in meine Seele dringt. Die Sehnsucht nach zu Hause, nach meiner Familie, meinem Hund, meinen Freunden. Ich habe den Küstenweg von Lissabon nach Porto geschafft, einen Weg, den ich vor Jahren geplant habe und der mich seither jeden Tag mehr und mehr für sich eingenommen hat. Jetzt liegt er hinter mir, ich habe wunderschöne Eindrücke und Erinnerungen im Herzen gespeichert – was aber wäre, wenn ich morgen einfach den Flieger nehme und zu meinen Lieben nach Hause düse? Die würden zwar mehr als überrascht sein, manche Bekannte würden bestimmt darüber tuscheln, dass ich vorzeitig aufgegeben hätte – aber das kann mir ja egal sein. Ich habe mein erstes Ziel erreicht, ich muss niemandem etwas beweisen. Herrgott, was ist jetzt bloß los? Warum habe ich diese Gedanken?

„We close!“ – die Stimme des Mesners bringt mich wieder zurück in die Gegenwart. Es ist 15 Minuten nach sieben, ich bin allein in der Kathedrale. Bis auf den älteren Mann, der mit einem Schlüssel vor dem mächtigen Tor hin und her scheppert. Okay – dann muss ich wohl … – beim Rausgehen schaut mir der Mann tief in die Augen und sagt: „Don’t stop now!“. Was? Warum weiß der …?

Auf dem Platz vor der Kathedrale muss ich zuerst mal nachdenken, was da soeben geschehen ist. Da waren so viele Zweifel, ob ich morgen wirklich weitermachen soll. Und dann sagt mir ein dahergelaufener Mesner, dass ich jetzt nicht aufhören soll! Einfach so, aus heiterem Himmel. Und recht hat er! Plötzlich ist auch wieder die Begeisterung da, die es mich gar nicht erwarten lässt, morgen in aller Früh wieder loszustarten.

Ab Porto gibt es zwei „offizielle“ Jakobswege nach Santiago de Compostela, den häufiger begangenen „Caminho Central“ durch das Landesinnere, und den „Caminho da Costa“ an der Küste entlang. Ohne lange zu überlegen entscheide ich mich natürlich für die Strecke direkt am Atlantik. Das Wetter ist weiterhin traumhaft, meine Wetter-App am Handy zeigt mir allerdings ab Morgen nur mehr dunkelgraue Regenwolken. Auf meinen bisher mehr als 2.000 Pilgerkilometer hatte ich noch keine wirklich lange andauernden Schlechtwetterperioden, es wird also ganz bestimmt auch diesmal nicht so dramatisch werden – denke ich mir.

Die ersten 34 Kilometer bis Vila do Conde wandere ich auch wirklich im heißen Sonnenschein. Zuerst entlang des Douros raus aus der Stadt bis zu diesem magischen Punkt, wo der beeindruckende Fluss in den Atlantik mündet, und dann weiter auf einer Art Strandpromenade bis zur altehrwürdigen Stadt Matosinhos. Über die Klappbrücke „Ponte Móvel“ überquere ich den Hafen und freue mich sehr, dass ich endlich das verbaute Gebiet hinter mir lassen darf. Vor mir liegt ein endlos scheinender Sandstrand, auf kilometerlangen Holzstegen marschiere ich dahin und kann mich wieder mal nicht sattsehen am brausenden Meer links von mir. Die Gischt macht den Himmel über dem Wasser leicht nebelig, weiße Möwen lassen sich darin treiben und tief in meinem Herzen spüre ich ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

Dass sich mittlerweile erste Wolkenschleier am Himmel bilden, bekomme ich in meiner euphorischen Überdrüber-Stimmung gar nicht mit. Zur Feier des Tages genehmige ich mir heute noch einmal ein Hotel, ich habe schließlich noch 10 Tage Zeit, um in Pilgerherbergen zu übernachten. Bisher gab es ja noch keine richtigen Albergues auf meinem Weg von Lissabon. Aus meinen hintersten Gehirnwindungen kommen jedoch immer wieder mal einige Gedankensplitter hervor, ob ich mir als „echter“ Pilger nicht doch ab und zu mal kargere Übernachtungsmöglichkeiten suchen hätte sollen. Einige meiner Unterkünfte könnte man durchaus sogar zur Luxusklasse zählen. Auch wenn es mir immer gelungen war, einen großzügigen Pilgerrabatt auszuhandeln, wäre es doch das eine oder andere Mal möglich gewesen, in Schlafsälen oder anderen günstigeren Quartieren zu übernachten.

Aber schon bald verwerfe ich diese Gedanken, eigentlich sollte es ja jedem gestattet sein, selbst zu entscheiden, was er tun möchte. Solange es mit unserer Ansicht von Moral, Ehre und Gesetz vertretbar ist und niemand dabei verletzt oder benachteiligt wird, ist es jedem selbst überlassen, so zu leben, wie er es will. Und ich will heute in einem Hotel übernachten, finde auch ein wunderschönes, und lasse den ersten Tag des „Caminho da Costas“ bei einer gemütlichen Cerveja ausklingen. An meinem Tisch sitzt ein kanadisches Ehepaar, das heute das Ende ihrer diesjährigen Pilgerschaft feiert. Nächstes Jahr wollen sie hierher zurückkommen und den Rest des Weges bis Santiago wandern. Sie erzählen mir, dass sie auf ihren mittlerweile knapp 500 Pilgerkilometer immer nur in Hotels übernachtet haben. Ich verkneife mir eine Belehrung, ob sie damit auch wirklich „wahre“ Pilger seien und freue mich, dass ich mit meinen Ansichten nicht ganz alleine bin.

Ab Tag 2 meines „Caminho da Costas“ richtet sich der Himmel leider nach der Wetter-App meines Handys. „Fifty Shades of grey“ heißt es ab jetzt für die nächsten Tage. Aber obwohl ich auf meinen Wanderungen bisher noch niemals diese „Klimaverhältnisse“ hatte – oder vielleicht gerade deswegen – finde ich mehr und mehr Gefallen an diesem Regenwetter-Pilgern. Anne Chantal, der Engel der portugiesischen Jakobswege und die Gründerin des Facebook-Forums für den „Caminho Portugues“ nennt die Tropfen „flüssiger Sonnenschein“ – und ich finde, damit hat sie absolut Recht. Meine Regenbekleidung ist optimal, die Temperaturen angenehm warm, und ich habe eine kleine Ausrede mehr, dass ich am Abend nach langen Regentouren mit meinen nassen Sachen unmöglich eine Herberge unter Wasser setzen kann – und daher wieder in einem Hotel übernachten muss.

Spanien

Genau 3 Wochen nachdem ich in Lissabon gestartet bin, schippere ich mit der Fähre von Caminha nach A Guarda und verlasse das in aller Hinsicht liebenswerte Portugal. Ich habe dieses wunderschöne Land und die freundlichen, zuvorkommenden Menschen kennen und lieben gelernt und bin mir sicher, dass ich irgendwann hierher zurückkommen werden. Ab jetzt schreibt man „Caminho“ ohne das „h“ in der Mitte, was man sprachtechnisch aber eigentlich gar nicht merkt. Auch mein Weg führt hier in Spanien genauso spektakulär weiter, wie zuvor. Nur der Zeiger der Uhr wird um eine Stunde vorgestellt, weil Portugal wie England in der Zeitzone lt. Greenwich liegt, Spanien jedoch unserer mitteleuropäischen Zeitzone angehört.

 

Abendstimmung nach Regentag

 

Auch der Regen fühlt sich an wie in Portugal – nass, aber trotzdem irgendwie angenehm und reizvoll. Es kommt nur auf die Sichtweise an, dann kann man auch Regentage genießen. Wenn am Abend die Sonne einen Weg durch die dunklen Wolken findet, dann werden die Boote im Hafen der Küstenstädte in ein magisches Licht getaucht und es herrscht eine ganz außergewöhnliche Stimmung. Ich liebe diese Momente.

Obwohl in den Internet-Pilgerforen geraten wird, aufgrund der starken Unwetter vom Atlantik auf den Zentralweg zu wechseln, marschiere ich unbeirrt weiter auf diesem außergewöhnlichen Küstenweg. In Baiona bewundere ich das eindrucksvolle „Castelo de Monte Real“, das auf einer Halbinsel vor der Strandpromenade majestätisch thront und heute ein „Parador“, also ein spanisches Luxushotel ist. Kurz nur überlege ich, ob ich es heute nicht ausnahmsweise mal zu einer Pilgerherberge umfunktionieren sollte, denke aber dann, dass das doch zu viel des Guten wäre und finde ein klitzekleines Zimmer in einem charmanten Hotel direkt am Hafen.

Am Tag darauf wartet die Königsetappe meines portugiesischen Jakobsweges, 44 Kilometer nach Redondela. In Ramallosa ist Kirtag, es ist gar nicht so einfach, da unfallfrei durch die Menschmassen zu marschieren. Über die „Ponte Románica da Ramallosa“, eine Steinbrücke aus längst vergangenen, römischen Zeiten, überquere ich den „Rio Miñor“ und freue mich über das zauberhafte Glitzern des Wassers. „Schuld“ daran sind die letzten Sonnenstrahlen, die sich gerade noch durch die schwarzgraue Wolkendecke schwindeln können – bevor der Himmel dann wieder in den „Regenpilgermodus“ umschaltet. Anscheinend wurde die Unwetterwarnung doch befolgt, es sind keine anderen „Peregrinos“ zu sehen.

Ich wandere großteils auf sehr rutschigem Kopfsteinpflaster, die Wege führen außerhalb der bebauten Gebiete vorbei und sind auf beiden Seiten durch meterhohe Steinmauern begrenzt. Meist schützt mich ein dichtes Dach von hunderttausenden Ästen der links und rechts wuchernden Laubbäume vor dem immer stärker werdenden Regen. Als ich am frühen Nachmittag die größte Stadt Galiciens, Vigo, erreiche, bin ich klitschnass, aber weil der Himmel gerade das Wasserlassen abstellt und mir sogar einige Sonnenstrahlen schickt, werte ich das als Zeichen und pilgere noch 4 Stunden weiter bis Redondela. Die Bucht von Vigo erstreckt sich beinahe 40 Kilometer in das Landesinnere, ich habe während meiner gesamten Nachmittagstour uneingeschränkten Ausblick auf das Wasser.

In Redondela schaffe ich es, erstmals auf diesem Weg in einer Albergue zu übernachten – weil alle Pensionen und Hotels ausgebucht sind. Die Stahlrohr-Stockbetten sind viel zu kurz für meine 1,95 m, daher stellt mir der sehr sympathische Hospitalero ein eigenes Bett ohne Kopf- und Fußteil auf, das normalerweise nur für Pilger mit Behinderungen zur Verfügung steht. Mitten in der Nacht höre ich ein Poltern vor dem Schlafsaal und denke mir, der Schrank mit den stinkenden Schuhen und Socken von uns Peregrinos sei umgefallen. Ich schaue aber zur Sicherheit mal nach – und finde ein Pilgermädl aus Deutschland, das die 22 Stufen vom ersten Stock runtergestürzt ist.

Wimmernd liegt sie vor mir am Boden, ich hole ihren Freund, gemeinsam rufen wir den Herbergsvater, eine Stunde später kommt die Ambulanz und nach einer weiteren Stunde, gerade als ich wieder einschlafen konnte, fangen die ersten Frühaufsteher an, ihre Sachen in nicht wirklich geräuscharme Plastiktüten zu verstauen. So ein Herbergsleben kann sehr beschwerlich sein – und gefährlich! Aber – es gehört zum Pilgern einfach dazu! „Beschwerlich und gefährlich“ war natürlich etwas sehr überspitzt formuliert, ich habe 2010 auf meinem ersten Jakobsweg an der Nordküste Spaniens beinahe immer in Albergues übernachtet – und es sehr genossen. Da wird gemeinsam gekocht, gelacht, getrunken, Geschichten werden erzählt, zusammen gesungen – kurz: es entsteht eine Gemeinschaft von Leuten, die sich meistens sehr gut verstehen, weil alle dasselbe Ziel haben: Santiago de Compostela.

Auf meinem bisherigen Weg gab es die ersten 3 Wochen keine derartigen Pilgerquartiere und auch ab Porto kam ich nie richtig in den „Herbergsmodus“. Wer weiß, wie es auf meinem nächsten Jakobsweg sein wird?

Knapp vor Pontevedra muss ich Abschied nehmen von meinem geliebten Atlantik, den ich bisher 24 Tage lang permanent zumindest in Sichtweite hatte. Der Weg verläuft weiterhin sehr abwechslungsreich, mal marschiere ich auf wenig befahrenen Straßen, dann durch verträumte Ortschaften, immer wieder auch auf Sand- und Waldwegen – und neuerdings auch durch Weingärten, die in ein paar Monaten für den großartigen Vino Tinto verantwortlich sein werden. Mal gibt es Regen, mal scheint die Sonne, da ist alles dabei, wettertechnisch. Aber die großen Unwetter dürften vorüber sein, mittlerweile sind auch wieder jede Menge anderer Pilger zu sehen und man merkt langsam, dass Santiago de Compostela immer näherkommt.

Caldas de Reis ist bekannt für seine Thermalquellen, es gäbe auch einige leistbare Hotels mit eigenem Thermalbad. Das weiß man aber nur, wenn man sich ordentlich vorbereitet hat. Wer, so wie ich, die Zeit lieber ins Marschieren als in das stundenlange Lesen von Beschreibungen und Stadtplänen investiert, läuft an den Thermalhotels vorbei und nimmt sich ein Zimmer in einer kleinen Pension mit viel zu kurzem Bett, dessen Fußteil aus Holz vielleicht schon morgen früh nicht mehr existieren wird. Es ist mir schon mehrmals gelungen, in besonders traumreichen Nächten solche Hindernisse am südlichen Bettende Karate-Kid-mäßig ins Jenseits zu befördern. Eine Pilgerkollegin schwärmt per SMS von ihrer schönen Unterkunft mit eigenem Jacuzzi, daher spaziere ich am Abend doch noch in einen Wellness-Tempel und bekomme zufällig einen Termin für eine 40-minütige Massage um 30 Euro. Auch arme Pilger sollten sich ab und zu mal eine Wohltat leisten können. Das war’s dann aber auch schon mit Wohltat, denn beim anschließenden Abendessen wurden die Pommes Frites in einem Hektoliter Öl zu viel rausgebacken und ab diesem Zeitpunkt kündigt mir mein Magen die Freundschaft.

Der Magen. Leider!

Dass wir gemeinsam noch 2 Tage mit beinahe 50 Kilometern Pilgerschaft vor uns haben, verschärft die Situation doch etwas. Nach einer besch…ienene Nacht, die ich großteils am Klo verbringe, schleppe ich mich die letzten beiden Tage über Padron nach Santiago de Compostela. Pilgern – Kotzen – Pilgern – eine ganz neue Erfahrung! Die Strecke führt durch kleine Ortschaften, Wald und Wiesen, aber ich kann mich nicht wirklich auf die Landschaft konzentrieren, weil in meinem Innersten ein Kampf auf Biegen und Brechen stattfindet. Immer wieder bin ich knapp vor dem Aufgeben, doch mein Stolz und meine Sturheit lassen es zum Glück nicht zu, so nahe vor dem Ziel aufzuhören.

Von Padrón sehe ich nichts. Dabei ist gerade dieser geschichtsträchtige Ort sehr mit der Mythologie um den hl. Jakobus verbunden. Denn das Schiff mit dem Leichnam des Apostels soll dort an einem Steinpfosten angelegt haben. Und diese Anlegestelle befindet sich beim Altar der Kirche „Santiago Apóstol“ und könnte gemeinsam mit vielen anderen historischen Abbildungen und Inschriften besichtigt werden. „Könnte“ deswegen, weil ich es unmöglich schaffen würde, unterhosentechnisch unbeschadet den Weg durch die Stadt zur Kirche zu marschieren. Auch die kulinarische Spezialität dieser Region, die „Pimientos de Padrón“, also die in Olivenöl gebratenen Paprikaschoten, reizen mich nicht wirklich. In einem kleinen Hotel verbringe ich die letzte Nacht vor Santiago!

Vor sechs Jahren war da ein Feuer in mir, das mich einfach nicht schlafen ließ – vor Sehnsucht und Aufregung, nach 33 Tagen das Ziel meiner Träume zu erreichen. Ein Feuer, das schon so lange gelodert hatte – endlich war es so weit. In der Nacht, die heute gerade hinter mir liegt, hat auch etwas in mir gelodert, aber das war kein Feuer, sondern vielmehr eine Magen-Darm-Grippe, die mich die halbe Nacht frösteln ließ. Ich bekomme nicht wirklich viel mit von dem abwechslungsreichen Weg, der mich auf der Schlussetappe meines Jakobsweges auf schönen Straßen durch verträumte Ortschaften führt, vorbei an Kirchen und Friedhöfen, mitten durch Weingärten und Obstplantagen.

Santiago de Compostela

Ab dem Kilometerstein 10 freut sich jedoch auch der Magen wieder mit mir und langsam kommt das Gefühl des Ankommens zurück. Des Ankommens in Santiago de Compostela, nach 27 Wandertagen stehe ich bald vor der großen Kathedrale. Die letzten Kilometer geht es durch urbanes Gebiet, ich marschiere entlang einer vielbefahrenen Straße und kann es kaum mehr erwarten, als ich endlich am Rande der Altstadt ankomme. Dieses Gassengewirr ist mir mittlerweile schon sehr vertraut, bereits zum dritten Mal bin ich jetzt in Santiago, das neben Jerusalem und Rom zu den drei großen Pilgerzielen der Christen zählt. Jetzt zieht eine kleine Pilgerkarawane nach Santiago, wir wünschen uns gegenseitig „Buen Camino!“, und alle sind getrieben von der Sehnsucht, endlich anzukommen. Einige Minuten später ist es soweit – ich stehe vor der großen Kathedrale von Santiago de Compostela!

 

Angekommen!

 

Mittlerweile hat es leicht zu nieseln begonnen, aber ich spüre es nicht, es herrscht optimales „Träume-Erfüllungs-Wetter“. Die wenigen Pilger, die heute auf dem großen Platz „Praza do Obradoiro“ angekommen sind, fallen sich in die Arme und die meisten haben Tränen in den Augen. So auch ich! Vergessen sind die Strapazen der letzten Tage, Magen- und Darmprobleme werden einfach ignoriert, in mir macht sich ein Gefühl von Stolz, Demut und Dankbarkeit breit. Alles ist gut! Und auch, wenn die Kathedrale nicht in ihrem gesamten Glanz erstrahlt, weil sie zurzeit restauriert wird – ich könnte die ganze Welt umarmen, diese Ankunft in Santiago ist mit nichts vergleichbar, außer vielleicht mit der Geburt meiner Kinder. Der Weg war wieder ganz besonders, vielleicht nicht ganz so emotional wie mein erster Jakobsweg vor 6 Jahren, aber doch einzigartig und wunderschön.

Am Abend habe ich dann auch noch das Glück, den Botafumeiro zu sehen. Dieser 54 kg schwere Weihrauchkessel, der an die 65 Meter durch das Kirchenschiff fliegt, gehört zu den Höhepunkten des Jakobsweges. Nicht allen Pilgern ist es vergönnt, das zu erleben, weil der Botafumeiro nur zu besonderen Anlässen geschwungen wird. Wenn sich allerdings eine zahlungskräftige Gruppe findet, kann man dieses Erlebnis auch an anderen Tagen genießen – an die 300 bis 500 Euro kostet es angeblich, den Botafumeiro auch außerhalb der Hochämter schwingen zu lassen. Eingeführt hat man das Ganze übrigens im Mittelalter um den Geruch der Pilger etwas erträglicher zu machen.

Über der gesamten Stadt liegt ein Hauch von Musik, aus allen Ecken und Enden hört man Flöten, Dudelsäcke, Trommeln und andere Instrumente und die kleinen Bars und Kneipen in den engen Gassen um die Kathedrale sind voll mit fröhlichen Menschen. Immer wieder sehe ich Pilgerkollegen, die ich irgendwo am Weg mal getroffen habe. Man tratscht und quatscht, tauscht Adressen aus – aber groß nach Feiern ist mir heute nicht, weil sich jetzt wieder mein Innerstes meldet. Vor 6 Jahren wurde mir nach der Ankunft in Santiago die Nacht zu kurz, heute bin ich froh, wenn ich den Weg ins Hotel schaffe. Jetzt kriecht mir die Anstrengung der letzten Tage so richtig in die Knochen, ich möchte nur mehr schlafen! Und das tu‘ ich auch – und wie! Erst 14 Stunden später werde ich munter – neuer Rekord in meiner Pilgerschlaf-Karriere. Aber das musste einfach sein!

Blick zurück

In einem kleinen Café vor der Kathedrale lasse ich am nächsten Tag meinen Weg Revue passieren – ich sehe die Surfer-Hotspots zu Beginn meiner Pilgerreise, verschlafene Fischerdörfer, durch die ich gegangen bin, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, grandiose Steilküsten und schneeweiße Sandstrände, Föhrenwälder – und endlose Radwege. Dieser Weg ist ein Geschenk, daran kann nicht mal mein murrender Magen etwas ändern, und auch nicht die Tatsache, dass sich Santiago dieses Mal nur in Regengrau gezeigt hat. 2010 hatte ich ja herrlichen Sonnenschein bei meinem Einzug in diese Stadt, und das, obwohl zuvor tagelang der Himmel geweint hatte. Ich darf mich aber nicht beschweren,
denn bevor ich heuer in Lissabon losgegangen bin, gab es wochenlanges Sauwetter in Portugal, für mich hat der Herrgott auf wundersame Weise alle Wolken vertrieben.

So sehe ich das. Andere Menschen würden vielleicht sagen, dass sich in der Höhe der Azoren kältere Luftmassen über wärmere geschoben haben und dadurch der Druck in den darunterliegenden Regionen zugenommen hat, worauf sich die Luft erwärmt und die Luftfeuchtigkeit abgenommen hat, wodurch Wolkenbildung verhindert beziehungsweise vorhandene Wolken aufgelöst wurden, und es so zu schönem Wetter gekommen ist. Aber das wäre viel zu einfach, ich glaube da lieber an den Herrgott, der mir wieder mal beigestanden ist. Und das eine schließt das andere ja nicht aus, denke ich. Warum er allerdings in den letzten zehn Tagen so oft den Wasserhahn aufgedreht und die Sonne bei meiner Ankunft in Santiago diesmal überhaupt vor mir versteckt hat, kann ich jetzt nicht sagen, aber er wird schon seine Gründe gehabt haben. Vielleicht wollte er mir auch nur zeigen, dass man sich selbst als Sonntagskind nicht immer nur die Rosinen rauspicken kann. Es gibt halt keinen Anspruch, permanent nur auf die Butterseite zu fallen, aber wenn man fest genug darauf vertraut, dass alles seinen Sinn hat und sich zum Guten wendet, dann kommen ganz bestimmt auch die Rosinen wieder zurück. Ich glaube zumindest fest daran! Und mein Magen auch …

Und was ich noch sagen wollte: Der Camino ist eine außergewöhnliche Zeit, er wird für immer in meinem Herzen bleiben. Und jedem, der diesen Wunsch in sich trägt, der davon träumt, selbst einmal zu pilgern, egal auf welchem Jakobsweg, in welchem Land, zu welcher Jahreszeit, den möchte ich darin bestärken und ihm sagen: Mach es! Geh einfach los!

Nur – Vorsicht: Wer einmal mit dem Pilgervirus in Berührung kommt, für den kann es vielleicht bedeuten, dass er ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr los wird. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie Reiseberichte wie diesen oder fragen Sie Ihr Herz und Ihre Schuhe. Und auch ich bin mir sicher, nicht das letzte Mal auf einem Camino unterwegs gewesen zu sein.

„Bom Caminho!“

 

Eine andere Route (Karte) des “Caminho Português” führt auf weiten Strecken im Landesinneren durch Zentral- und Nordportugal nach Galicien ins Ziel aller Jakobuspilger.

 


Über den Gastautoren

Gastautor Herbert Hirschler ist Pilger-Profi. In seinem 2. Reiselesebuch „Himmel, Herrgott, Portugal – Der portugiesische Jakobsweg*“ (Leykam-Verlag) beschreibt er seine etwas außergewöhnliche Pilgerschaft an der Küste von Lissabon über Porto nach Santiago de Compostela.

Auf den ersten 500 Kilometer bis Porto trifft er keinen einzigen Mitpilger, dafür lernt er das Land und vor allem die Menschen in Portugal in einer ganz besonderen Art und Weise kennen und lieben. Da er anscheinend die Gabe hat, die absurdesten Situationen förmlich anzuziehen, ist sein Buch auch „für absolute Pilgermuffel geeignet“!

In diesem Gastbeitrag gibt er einen kurzen Überblick über diesen einzigartigen Weg entlang der portugiesischen Atlantikküste.

Der Autor würde sich über jede Rückmeldung (Kommentarfunktion am Ende des Reiseberichts) freuen, etwaige Fragen werden natürlich gerne beantwortet.

 

 

Himmel, Herrgott, Portugal – Der portugiesische Jakobsweg – An der Küste von Lissabon über Porto nach Santiago de Compostela – von Herbert Hirschler*

Über seinen ersten Jakobsweg auf der nordspanischen Küstenvariante wurde 2011 das Buch „Himmel, Herrgott, Meer, Musik*“ veröffentlicht, das mittlerweile vor der 4. Auflage steht und sich zu einem Standardwerk über diesen „Camino del Norte“ entwickelt hat.

 

Alle Bilder sind vom Autor. Copyright Herbert Hirschler.

 
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