England: Schritt für Schritt – Wanderung am South West Coast Path

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South West Coast Path, England, Bild Daniela Leinweber

Schritt für Schritt – unterwegs am South West Coast Path

Ein Reisebericht von Gast- und Buchautorin Daniela Leinweber.

Schritt für Schritt, langsam, aber beständig quäle ich mich die unzähligen Stufen auf die Klippe hinauf. Die Beine brennen, das Atmen fällt schwer und der 10 Kilo schwere Rucksack will wie immer in die andere Richtung. Doch ich bleibe beständig und als ich schließlich oben bin, zeigt sich, warum wir hier sind: endlose Weite, steile Küsten, tiefblaues Meer und eine einzigartige Fauna und Flora machen den South West Coast Path zu einem unvergesslichen Erlebnis.

South West Coast Path SWCP

Der South West Coast Path, kurz SWCP, ist der längste Fernwanderweg Großbritanniens und führt auf 1.014 Kilometern und über 35.031 Höhenmeter entlang der atemberaubenden Küsten von Somerset, Devon, Cornwall und Dorset. Sein Weg passiert zwei UNESCO Weltnaturerbe, zwei Nationalparks und viele weitere besondere Naturlandschaften. Ursprünglich wurde der SWCP für die Küstenwache angelegt, um den Schmugglern das Handwerk zu legen. Er führte von Leuchtturm zu Leuchtturm – insgesamt 53 dieser Bauwerke sind entlang des Weges zu finden – und ermöglichte es den Kontrolleuren in jede Bucht einzusehen. Da er für diesen Zweck nicht mehr benötigt wird, wurde er in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts als Fernwanderweg ausgebaut. Heute kümmert sich die South West Coast Path Association um alle Belange rund um diesen Wanderweg und vertritt auch die Interessen der Wanderer.

Foto 1 – Plan des Path inkl. Markierung markanter Leuchttürme

Foto 1 – Plan des Path inkl. Markierung markanter Leuchttürme. Copyright Leykam Buchverlag

 

Weitwandern? Könnte „gehen“!

Die Vorbereitungen für diese Wanderung hat insgesamt ein Jahr gedauert. Ein Jahr lang sind wir jedes Wochenende irgendwo wandern gewesen, haben Schuhe und Material getestet und uns überlegt, was wir wirklich mitbrauchen. Gut, ich habe überlegt und auch tatsächlich alles akribisch genau abgewogen und aufgeschrieben, sodass ich schließlich nur großartige 8,25 kg Rucksackgewicht – ohne Essen und Trinken natürlich – vorweisen konnte. Meine ausgeklügelte Methode wollte ich auch meinem Mann Peter, der mich auf dieser Reise begleitet hat, näherbringen, aber dem war’s egal, er meinte: „Was ich mitbrauche, das brauche ich mit“ und schmiss einfach ohne viel zu überlegen alles in den Rucksack. Wie kann man nur? Tja und logischerweise war sein Rucksack dann natürlich schwerer als meiner – um ganze 200 g!

Dass ich mich überhaupt jemals auf eine Weitwanderung begeben würde, hätte vor ein paar Jahren bestimmt niemand gedacht – ich auch nicht. Mit einem Höchstgewicht von 142 war der Aufstieg auf unseren Hausberg – die im südlichen Niederösterreich gelegene Flatzer Wand – eine nicht zu bewältigende Anstrengung. Doch irgendwann schaffte ich den Turnaround, begann mit kurzen Spaziergängen, die bald in Nordic Walking und schließlich in Wandern übergingen. Auch heute habe ich immer noch keine Traumfigur und werde ich auch nie haben, aber es ist mir insbesondere wichtig zu vermitteln, dass man nicht 50 Kilo – 45 davon reine Muskelmasse – wiegen muss, um so etwas zu bewerkstelligen. Wenn ich das mit meinem Übergewicht, meinen kaputten Knien, meiner Höhenangst und meinem minimalen Hang zum Jammern geschafft habe, dann kann das fast jeder – auf geht’s.

Woche 1 und 2: „Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt“

Von Minehead nach Padstow: 268 km – 10.643 hm

Die SWCP Association bezeichnet die ersten zwei Wochen als die „härtesten der ganzen Wanderung“ und dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Ausgangspunkt für alle, die wie wir gegen den Uhrzeigersinn wandern – und das sind immer 80 % – ist das kleine Küstenstädtchen Minehead in der Grafschaft Somerset. Der Weg beginnt einfach an der Promenade entlang, doch bereits nach einer Viertelmeile geht es hoch hinauf in den Exmoor Nationalpark. Oben angekommen, müssen wir bereits die erste Entscheidung des Tages treffen, denn es gibt zwei mögliche Wege. Die offizielle führt weiterhin oberhalb der Klippen entlang und die Alternative, die als „rugged path“ beschrieben wird, führt nahe am Wasser.

Diese Entscheidungen mussten wir ganz oft während der Wanderung treffen, denn Alternativrouten gibt es häufig, vor allem auch, weil man hier sehr von den Gezeiten abhängig ist. Für den offiziellen Thru-Hike, also die komplette Durchwanderung, ist es egal, welchen Weg man nimmt. Aber seien wir mal ehrlich, am ersten Tag gleich den „rugged path“ nehmen? Bei aller Liebe, aber wir wollen es ja nicht gleich übertreiben und so bleiben wir auf der Inlandroute, die sich kurz darauf als ziemlich abenteuerlich herausstellt. Wir haben nämlich genau den Tag erwischt, an dem der Exmoor Radmarathon die gleiche Strecke nimmt. „Hi“, „Hello“, „Good morning“, hieß es dann für die nächsten zwei Stunden, den jeder einzelne der Radfahrer hat uns gegrüßt.

Wirklich freundlich, diese Engländer, aber nur, solange wir ihnen nicht den Weg versperren. Wer schon mal in diesem Teil Großbritanniens unterwegs war, der weiß, dass die Straßen hier teilweise sehr eng sind und genauso verhält es sich hier mit den Wanderwegen. So ist uns oft gar nichts anderes übrig geblieben, als uns mittels Hechtsprung ins Gebüsch vor den tretwütigen Radlern zu retten. Wir waren dann nicht allzu unglücklich, als sich unsere Wege trennten.

Während der erste Tag von der Anstrengung noch recht erträglich war, begann am Tag zwei die eigentliche Herausforderung und wir kamen immer völlig erschöpft in den Unterkünften an. Tatsächlich starteten wir immer als erstes in der Früh und kamen als letztes am Abend an, doch das hatte einen entscheidenden Vorteil: alle, die auf dem Weg unterwegs sind, kannten wir, denn früher oder später haben sie uns überholt und so waren wir abends selten alleine, sondern saßen bei großartigem Essen (ja, in England gibt’s tatsächlich leckere Mahlzeiten) in herrlicher Sonnenuntergangskulisse mit Gleichgesinnten zusammen und ließen so den Tag noch einmal Revue passieren.

Foto 2 – traumhafter Sonnenuntergang in Woolacombe

Foto 2 – traumhafter Sonnenuntergang in Woolacombe

Trotzdem konnte das nur wenig über den anstrengenden Weg hinwegtrösten. Den absolut tiefsten Punkt erreichte ich dann am 10. Tag und ich war wirklich kurz davor, alles hinzuschmeißen: „Das Auf und Ab der Strecke setzt sich unablässig fort, der Schweiß bahnt sich seinen Weg von der Stirn bis zu den Zehenspitzen, die Knie und der Rücken signalisieren mir unablässig, dass diese Schinderei nun wirklich nichts für uns ist, und kurz vor Morwenstow verliere ich schließlich die Nerven.

Auf einem steilen Hang sind kleine Löcher in die Erde geschlagen, die wohl Stufen nachahmen sollen. Nicht einmal die Hälfte des Fußes passt hinein, ich rutsche ständig ab, mein Rucksack zieht nach unten und Hilfe ist nicht zu erwarten, denn mein Mann ist im wahrsten Sinne des Wortes bereits über alle Berge. Mir reicht’s, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr und frage mich unablässig, was in aller Welt ich mir nur dabei gedacht habe. Voller Wut auf mich selbst, meine nicht vorhandene Kondition, den schwierigen Weg und überhaupt auf Gott und die Welt pfeffere ich meine Wanderstöcke weg, schmeiße mich genau dorthin, wo ich zuvor noch gestanden bin und lasse meinen Tränen freien Lauf.

Wir sind bereits sechs Stunden unterwegs und haben gerade mal die Hälfte geschafft. Selbst die Geier kreisen schon über mir. Gut, bei näherer Betrachtung sind es eher zwei turtelnde Möwen, aber trotzdem! Das kann doch so nicht weitergehen! Nicht heute und auch nicht die nächsten zwei Monate!“
Zum Glück konnte ich mich wieder fangen und setzte meinen Weg fort und das Gute war tatsächlich, dass bald der wesentlich einfachere Teil beginnen würde.

Woche 3 und 4: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen“

Von Padstow nach Lizard: 217 km – 6.377 hm

Wenn jemand nur einen Teil des SWCP gehen möchte, dann lege ich ihm als Ausgangspunkt Padstow ans Herz, denn von hier aus ist die Landschaft immer noch atemberaubend doch die Anstrengung lässt definitiv nach. Wir hatten in diesen beiden Woche auch das Glück, durch Zufall Wanderpartner aus Wien zu treffen und so kam ein wenig Abwechslung in unseren Alltag. Doch die Abwechslung kam vor allem auch durch die vielen Sehenswürdigkeiten, die auf der Strecke lagen, etwa die spektakuläre Felsformation Bedruthan Steps oder die beeindruckenden Ruinen von Towanroath und Levant. Außerdem beinhaltet diese Strecke auch den westlichsten und südlichsten Punkt Großbritanniens: Land’s End und The Lizard.

Foto 3 – Ruinen der Levant-Mine

Foto 3 – Ruinen der Levant-Mine

Aus diesem Grund ist dieser Teil natürlich auch viel touristischer, wenngleich man am Weg abseits der Ortschaften immer noch eher selten auf Menschen trifft. Auf sie trifft man allerdings öfter: auf Möwen. Wir hatten einige unangenehme, tierische Begegnungen, aber eines morgens in Pencanze war es wirklich heftig: Wir beschließen, eine Pause in Penzance einzulegen und verlassen dafür den Weg, um uns in der Stadt auf die Suche nach einem Café oder einer Bäckerei zu machen. Bereits beim ersten Shop lacht mich ein herrlich aussehender Chelsea Bun an, den ich mir mal als Appetitanreger, quasi als „Bun to go“ gönnen möchte. Gesagt, getan, und so beiße ich mitten in der Fußgängerzone genüsslich in das süße Teil, als mich wie aus dem Nichts plötzlich eine Möwe attackiert. Sie landet auf meinem Kopf, krallt sich in meinen Haaren fest und versucht, mir mein zweites Frühstück zu stehlen, indem sie von oben immer wieder herunterhackt.

Spinnt die? Ich meine, ein Chelsea Bun gibt man nicht kampflos her, allerdings war ich viel zu perplex zum Kämpfen und musste von einem edlen fremden Ritter gerettet werden. Lustig war das nicht und das blöde Viech tat im Nachhinein so, als könnte es keiner Fliege etwas zu leide tun.“ Trotzdem sind es vor allem auch die Tierbeobachtungen, die diese Wanderung zu etwas Besonderes machen. Wildpferde, Steinböcke, Delfine und Robben sind eher selten, aber Schafe, Kühe und Ziegen runden das tägliche Erlebnis immer wunderbar ab.

Auf dieser Strecke gibt es aber auch interessante Städte und Fischerdörfer. In Newquay lassen sich die weltbesten Surfer am Fistral Beach beobachten, in Marazion solltet ihr die Möglichkeit eines Besuchs von St. Michael’s Mount nicht versäumen und in Porthcurno lädt das Minack Theatre zur Besichtigung ein. Für uns ist es aber das bunten Fischerdörfchen St. Ives, das uns zu unserem ersten Zero Day – einer von dreien – verleitet. Ein Tag ohne Wandern und schwerem Rucksack ist nach drei Wochen ein Geschenk, das wir durch Window-Shopping – schließlich können wir nichts kaufen, weil wir es ja tragen müssten – Sitzen am Strand und Schlendern durch die engen Gassen gerne annehmen.

Woche 5 und 6: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“

Von Helford nach Torcross: 266 km – 9.721 hm

Während uns das erste Monat mit großartigem Sommerwetter beglückte, nahm Anfang August schön langsam der Herbst Einzug und Regen war keine Seltenheit mehr, wenngleich er meistens nicht von langer Dauer war. Es wurde kühler, die Landschaft war nicht mehr so abwechslungsreich und wir vermissten unsere Töchter. Die beiden erklärten uns beim Telefonieren immer, dass sie uns auch vermissten – aber unter uns: Ich glaube, das war gelogen, die zwei kamen nämlich ganz gut ohne uns klar – zumindest solange die Putzfrau jede zweite Woche kam. Zusätzlich zum schlechten Wetter, der wenig ansprechenden Landschaft und der Sehnsucht nach Zuhause waren wir aber auch noch mit den schlimmsten Unterkünften der Reise konfrontiert. Mittlerweile wurde auch immer deutlicher, was sich in den letzten Tagen immer mehr ankündigte: der Südwesten Englands ist sehr arm.

Die völlige Erschöpfung der Bodenschätze, die Überfischung und der Tourismus, der nur auf wenige Monate im Jahr beschränkt ist, macht es den Menschen schwer, hier gut zu leben. Viele Gebäude, Schiffe oder sonstiges wird bei Nicht-Mehr-Gebrauch einfach sich selbst und den Gezeiten überlassen. Entsorgt wird hier nichts. Je weiter wir wandern umso mehr sind wir auch mit einem zusätzlichen Problem konfrontiert: die Obdachlosigkeit. Wir fühlten uns den obdachlosen Menschen auf unserer Reise in England ziemlich verbunden, denn der Grat zwischen Langzeitwanderern und Obdachlosen ist von der Weite nicht so auszumachen. In Plymouth kam es dann zu einer freundlichen, wenn auch skurrilen Begegnung: „Wir wandern die zwei Kilometer hinauf zum Waschsalon. Überraschenderweise dürfen wir dort unsere Wäsche nicht selbst waschen, der Mitarbeiter meint, wir sollen alles dalassen und könnten es in zwei Stunden wieder abholen.

Diese Aussage leitet einen komplizierten Umziehprozess ein. Gut, so kompliziert ist er eigentlich nicht: Wir ziehen uns einfach komplett aus und stehen in Unterwäsche in der Auslage des Waschsalons, denn ein Hinterzimmer gibt es hier nicht. Das einzige, das wir nicht waschen müssen bzw. ob der Funktionalität nicht dürfen, ist unsere Regenkleidung und so hüllen wir uns – draußen hat es mittlerweile wieder um die 28 Grad – in unsere angeblich atmungsaktive Schlechtwetterkleidung. Wir werden uns zu Tode schwitzen. Während also alle anderen in Shorts und Shirt in Plymouth herumlaufen, machen wir dies mit langer Hose und umschließender Jacke, schließlich haben wir drunter nichts an. Mit dem Rucksack am Rücken machen wir uns auf in die Stadt und kommen an der Church of St. Andrews vorbei. „Hello, come sit with us!“, ruft man uns plötzlich entgegen.

Auf den Stufen der Kirche haben es sich obdachlose Menschen bequem gemacht und deuten uns, zu ihnen zu kommen. Unsere Aufmachung ließ sie vermuten, wir seien welche von ihnen und neu in der Community – und so sahen uns auch die anderen Passanten in der Stadt an. Klar, am Path war es gut ersichtlich, dass wir Wanderer sind, aber in so einer großen Stadt wie Plymouth in Regenklamotten an einem strahlend sonnigen Tag, da kann man eigentlich nur ein Obdachloser sein.

Trotz allem hat aber auch diese Strecke wunderschöne Highlights zu bieten, allen voran, den offiziellen „Half Way Point“, der die Hälfte der Strecke markiert und bereits am Anfang der fünften Woche erreicht werden kann. Außerdem steht hier auch die einzige offizielle Flussüberquerung an, nämliche jene des Erme Rivers kurz für Bigbury-on Sea und natürlich liegen auch hier wieder zauberhafte Städtchen wie Fowey, Looe und Polperro.

Foto 4 – traumhaftes Fischerdorf Polperro

Foto 4 – traumhaftes Fischerdorf Polperro

 

Woche 7 und 8: „Once in a Lifetime Adventure“

Von Torcross nach South Haven Point: 263 km – 8.283 hm

Noch zwei Wochen, wir konnten das Ende schon förmlich riechen. Unsere schlechte Stimmung der fünften und vor allem sechsten Woche war wie weggeblasen und wir freuten uns auf den letzten Streckenabschnitt, der es aber noch einmal ziemlich inne sich haben sollte. Mit der Jurassic Coast wartete nämlich nicht nur ein wunderschöner, sondern auch anstrengender Teil des Weges auf uns. Die Jurassic Coast beginnt in Exmouth und geht bis Poole, also bis ganz zum Ende des SWCP. Sie schlängelt sich entlang der südenglischen Ärmelkanalküste und ist seit 2001 UNESCO Weltkulturerbe. Sie zeichnet sich besonders durch ihre Felsformationen aus, in deren verschiedenen Gesteinsschichten man bis zu 190 Millionen Jahre Erdgeschichte nachvollziehen kann. Und sie ist so bunt und vielfältig, dass sich die Anstrengung auf alle Fälle lohnt.

Auf diesem Abschnitt liegt auch die einzige (Halb-)insel am Weg, die „Isle of Portland“ mit dem vielleicht bekanntesten Leuchtturm, dem „Portland Bill“. An unserem Portland-Tag war es irrsinnig kalt und ich habe mich sehr auf meine Heiße Schokolade im Café gefreut, doch dies war bis auf den letzten Platz belegt. „Beleidigt verlassen wir das Kaffeehaus und, um meinem Unmut Nachdruck zu verleihen, schmeiße ich mich wie ein trotziges Kind auf den Boden und rufe: „Ich will meinen Kakao, ich will meinen Kakao!“.

Während mich die umstehenden Leute entweder erschrocken oder belustigt anschauen, kommt von links hinten ein schwarzes Etwas auf mich zugestürmt und stupst mich am Kopf. Kurz darauf kommt ein blaues Etwas auf mich zugestürmt, der Besitzer, der den Hund an die Leine nimmt, und sich vielfach entschuldigt. Das Tier sei ein ausgebildeter Rettungshund und war wohl tatsächlich der Auffassung, dass ich gerettet werden müsse. Muss ich eh, ich brauche meine heiße Schokolade. Mir ist die Aktion mittlerweile ziemlich peinlich und wir verabschieden uns schnell, bevor wir uns im Laufschritt vom Portland Bill entfernen.

Der vorletzte Tage hatte es dann noch einmal in sich. An diesem Tag überhaupt loszustarten war die dümmste Entscheidung überhaupt. Es regnete nicht, es schüttete. Der Regen hat sich angefühlt wie kleine Nadelstiche im Gesicht. Der Weg wird von vornherein schon als Killersection beschrieben, aber im Regen ist er tatsächlich sehr gefährlich. Dass wir das heil überstanden haben, das gleich in der Tat einem Wunder und wir waren mehr als froh, unser letztes B&B am South West Coast Path nach fast zehn Stunden erreicht zu haben.

Doch so schlimm dieser Tag war, so herrlich war der allerletzte Tag. Der Moment, als wir am Plateau des Old Harry Rocks standen und wussten, da unten, am Ende des Strandes, da liegt das Ziel, das war einfach unbeschreiblich, alle Emotionen, die ich während der letzten zwei Monate gefühlt haben, kamen mit einem Mal wieder hoch, die Freude, die Verzweiflung, die Dankbarkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Begeisterung, die Wut und der Stolz, alles überschlug sich auf einem Mal. Von hier aus waren es nur mehr sechs Kilometer, die allerschönsten sechs Kilometer der ganzen Reise.

Schritt für Schritt in Richtung Ziel, eigentlich sind wir mehr geflogen als gegangen und mit jedem Schritt riss die Wolkendecke ein kleines bisschen mehr auf und plötzlich war sie da, die blaue Skulptur, die das offizielle Ende des SWCP markierte. Wir haben es tatsächlich geschafft. Das, was vor einigen Jahr noch absolut undenkbar war, als ich mit 142 kg im Pool mit sehnsuchtsvollen Blick auf dieses unüberwindbare Bergmassiv, die Flatzer Wand, schaute, ist nun Wirklichkeit geworden! Wir haben es tatsächlich geschafft!

Foto 5 – Skulptur am Endpunkt in South Haven

Foto 5 – Skulptur am Endpunkt in South Haven

 

Kleine Statistik

Fähren: 13
South West Coast Path Wegweiser: 4.000
Stufen: 26.719
Zaunübertritte: 436
Gatter öffnen und schließen: 880-mal
Brücken 302

Streckenrekord: unmenschliche 10 Tage, 15 Stunden und 18 Minuten durch Damian Hall

Bus zur Unterkunft oder in die Stadt vor der Nase weggefahren: 5-mal (!)
47 Heiße Schokolade getrunken
Verlorene Kilos: 9
Auf magische Weise zu Hause wiedergefundene Kilos: 10
Auf oder neben Golfplätzen gewandert: 23-mal
Leuchttürme passiert: 53
Unterkünfte, die uns (in voller Wandermontur mit großem Rucksack ankommend) um das Kennzeichen unseres Autos gebeten haben: 7

Tipps und Hinweise

Anreise

Zwischen Mai und September bringt Germanwings Wanderer von den Flughäfen Düsseldorf und Stuttgart direkt nach Newquay, Cornwall. Für Österreicher und Schweizer gibt es die Möglichkeit eines Direktfluges nicht, da bietet es sich an, direkt nach London zu fliegen und dann mit dem Zug oder den Bus in den Südwesten zu reisen.

Beste Reisezeit

Der sinnvolle Reisezeitraum ist Mitte April bis Mitte Oktober, denn in dieser Zeit laufen die meisten Fähren. In den Sommermonaten kann es zwar sehr warm sein, doch ich würde immer wieder diese Zeitspanne wählen, weil nicht nur alle Fähren ihren Dienst tun, sondern es auch wesentlich einfacher ist, auf der Strecke zu Lebensmitteln oder einer kurzen Rast in einem der vielen Strandcafés zu kommen. Der Path selbst ist auch im Sommer nicht überlaufen.

Wegmarkierung

Der SWCP ist durch 4.000 Wegweiser entlang der Strecke mit einer Eichel beschildert und außerdem ist er durchgehend auf Google Maps eingetragen. Sich hier zu verlaufen passiert eher nur aufgrund fehlender Aufmerksamkeit. Solange das Meer auf der richtigen Seite ist, kann man eigentlich nicht falsch sein.

Übernachten

Wie man übernachtet hängt einerseits von den eigenen Vorlieben, aber auch dem Budget ab. Wild-Camping ist in diesem Teil Großbritanniens verboten, was nicht heißt, dass sich die Leute daran halten. Verhältnismäßig günstig kommt man auch noch mit YHA, also Jugendherbergen durch, die aber nicht überall zu finden sind. Auch Airbnbs erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Empfehlenswert für Leute wie mich, die gerne ein bisschen mehr Komfort nach einem anstrengenden Wandertag wollen, sind „Pubs with rooms“ oder „B&B“, doch auch die schlagen im Sommer mit rund 100,– Pfund zu buchen, Hotels sind allerdings noch wesentlich teurer.

Fitness

„Jeder, der Gehen kann, kann wandern“, schreibt Christian Hlade in seinem Buch „Das große Buch vom Wandern“* und dem kann ich zustimmen. Auch ich verfüge nicht über die typischen Weitwanderattribute und war oft langsamer als die anderen, doch am Ende des Tages bin ich doch am Ziel angekommen. Außerdem gibt es immer die Möglichkeit, einen Teil mit dem Bus zu fahren, wenn die Kraft nachlässt, denn die Busverbindungen sind in diesem Teil Großbritanniens großartig. Lasst euch von den oft geringen Kilometern eines Streckenvorschlags (meist sind es 20 km) nicht täuschen. Es sind täglich viele Höhenmeter zu überwinden, die oft über anstrengende Stufen führen und das Tempo verlangsamen.

Literaturempfehlung „Schritt für Schritt – Unterwegs am South West Coast Path“*

 

„Schritt für Schritt – Unterwegs am South West Coast Path“*

„Schritt für Schritt – Unterwegs am South West Coast Path“*

Vom Wandern zu träumen, wenn man mit 142 kg im Pool liegt, ist eine Sache; diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen allerdings eine ganz andere. Dass es dennoch möglich ist, aus einem Couchpotato eine Weitwanderin zu machen, beweist die Autorin und Sozialpädagogin Daniela Leinweber mit ihrem Werk „Schritt für Schritt“.

Beginnend im beschaulichen Minehead wanderte Leinweber gemeinsam mit ihrem Ehemann die Königsdisziplin der britischen Fernwanderwege – den gesamten, mit 1.014 Kilometern und 35.031 Höhenmetern bezifferten, South West Coast Path entlang der abwechslungsreichen Küsten von den englischen Grafschaften Somerset, Cornwall, Devon und Dorset. Die Autorin schildert ihre 59 Wandertage in einem humorvollen Ton mit österreichischer Note und berichtet von Höhen und Tiefen, körperlichen und mentalen Herausforderungen, Legenden und (halb-)wahren Geschichten, großen Glücksmomenten sowie einzigartigen Begegnungen mit Menschen, Tieren und unvergleichlichen Naturlandschaften.

Leykam Buchverlag, Broschur, 336 Seiten, 135 x 215 mm
ISBN 978-3-7011-8129-2
€ 21,00 zzgl. etwaigen Versandkosten, bei Amazon* versandkostenfrei

 

Daniela Leinweber

wurde 1976 geboren und ist Mutter zweier Töchter. Sie lebt mit ihrem Mann im kleinen Örtchen Flatz am Fuße des Gösing und der Flatzer Wand in Niederösterreich und ist geschäftsführende Vorständin im Sozialen Wohnhaus Neunkirchen. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Autorin bei der sozialen Straßenzeitung „Eibisch-Zuckerl“ und verfasste zahlreiche Texte sowohl zum Thema Reisen als auch im sozialpädagogischen Kontext.

Weitere Informationen findet Ihr hier

South West Coast Path Association:
https://www.southwestcoastpath.org.uk/

Deutschsprachige SWCP-Facebook-Gruppe:
https://www.facebook.com/groups/430828417771757/

Gute Schilderung der einzelnen Etappen inkl. Höhenprofil der ersten sechs Wochen

 

 
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