Kairo 1983: wenn die Wüste deine Geduld auf die Probe stellt

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Ägypten (1) – Turbulentes Kairo, eiskalter Sinai und spektakuläre Wüstenfahrt Titelbild 2Lesedauer: 7 Minuten

Du fragst dich, wie man 1983 ohne Handy, ohne Internet, ohne WhatsApp nach Ägypten reist? Ganz ehrlich: voller Überraschungen. Der Flug von München-Riem dauert gute 3¾ Stunden, und statt der erwarteten Wüstenhitze empfängt dich Kairo im Februar mit eiskalten 14°C und bedecktem Himmel. Deine erste Reaktion: Pullover rausholen. Deine zweite: Dich ins Gewimmel aus Autos, Mopeds, Eselskarren und hupenden Bussen stürzen – es ist überwältigend, chaotisch, lebensecht.

Der Bus ins Zentrum kostet 10 Piaster und dauert fast eine Stunde. Du sitzt zwischen Fremden, wirst ständig durchgeschoben, aber Ralph verteilt Knäckebrot – und plötzlich bist du Teil einer Geschichte. Am Midan el-Tahrir, diesem riesigen Platz mitten im Herzen Kairos, steigen wir aus: Menschenmassen, Staub, Dreck, aber auch die erste Fußgängerbrücke, um die Autos zu vermeiden. Das Hotel Beausite im 5. Stock kostet 2,50 E£ pro Nacht – und es hat Wasser und funktionierende Toiletten. Das ist bereits ein Sieg.

Die nächsten Tage sind reine Bürokratie-Odyssee: Du brauchst ein Sudan-Visum, also musst du zur deutschen Botschaft. Niemand kennt die neue Adresse, weil sie vor ¾ Jahr umgezogen ist. Vier Stunden Suche später fährt dich endlich ein ägyptischer Geschäftsmann in seinem amerikanischen Straßenkreuzer hin. Die neureich wirkende Botschaft verspricht Hilfe – aber nur morgen. Ralph wird ungeduldig und drängt, aber das Visum kommt nicht. Stattdessen fahrt ihr ab nach Suez – die geplante Sudan-Reise bleibt Traum.

Die Sinai-Halbinsel: Bergfarbspiel und Kloster-Abenteuer

Früh um 5 Uhr klingelt der Wecker in Suez. Der Nachtwächter betet gerade vor der Tür, und erst nach Bakschisch könnt ihr das Hotel verlassen. Der Bus zum Katharinenkloster fährt nicht um 6, sondern um 7:20 Uhr – ägyptische Logik. Dafür kriegt ihr noch Frühstück.

Die Fahrt ist spektakulär: Erst parallel zum Suez-Kanal, dann durch einen langen Tunnel hindurch – enttäuscht, weil ihr den Kanal nicht seht. Plötzlich biegt der Bus ab zu einem Camp direkt am Wasser. Riesige Frachter gleiten durch das über 200 Meter breite, kristallblaue Wasser – es ist surreal, diese Schiffe mitten in der Einöde zu sehen.

Dann geht’s auf die Sinai-Halbinsel. Drei Stunden Wartezeit in glühender Hitze bei einer Bude mit Tee und Cola. Die Landschaft zeigt dir, was Wüste wirklich ist:

  • Vegetationslose Berge in Gelb, Rot, Braun und Schwarz – je nach Sonnenlicht und Mineralgehalt
  • Diagonale Gesteinsadern in andersfarbigen Streifen
  • Versteckte Schützengräben aus dem Sinai-Krieg, überall
  • Eine Oase mit Palmen, eng gepflanzt und wie ein Traum inmitten von Stein

Das Dorf beim Katharinenkloster ist winzig: Eine Hütte mit Palmdach, Sandfußboden und Schaumgummimatten. 1 E£ pro Nacht. Du isst Bohnensuppe, Reis, Kartoffeln für 25 Piaster – die Einheimischen zahlen die Hälfte. Ein junger Ägypter stellt dich der Dorfgemeinschaft vor, und während du über Deutschland sprichst (Industrie, Maschinen, Fußball – alle wollen davon hören), trinkst du süßen Tee nach süßem Tee.

Freitag, 4. März, 3 Uhr morgens: Ralph klettert schon zum Berg Moses hinauf, um den Sonnenaufgang zu sehen. Du versuchst noch ein paar Stunden Schlaf bei 5°C – erfolglos. Mit anderen Gästen und einem ägyptischen Freund wanderst du 3 Kilometer zur Oase des Klosters. Es ist Freitag, islamischer Feiertag, das Kloster bleibt zu. Aber der Serpentinenpfad zum 2.285 Meter hohen Gipfel winkt dich – die letzten 300 Höhenmeter sind in Stein geschlagene Stufen, eiskalt, überall Eis, Sturm. Die Kapelle oben ist geschlossen, aber die Moschee offen. Der Abstieg wird zum Abenteuer: Du findest die geheimen Treppen, die anderen haben vergeblich gesucht. Zwei Tore, eine Marien-Kapelle, bizarr geformte Felsen durch Erosion – du bist begeistert und erfroren zugleich.

Zurück im Dorf schreibst du Tagebuch im Lokal. Dann beginnt es, in der Wüste zu schneien. Ägypter sitzen bei dir am Tisch, fragen nach einem berühmten deutschen Professor für „public information“. Dir fällt keiner ein. Schließlich schreiben sie den Namen – und du begreifst: Goethe! Der Abend endet in einem Schneesturm, du frierst in deinem Schlafsack, aber zwei UNO-Offiziere laden dich zu warmer Dusche und Whisky ein. Du lehnst dankend ab – um 5 Uhr geht es weiter.

Sharm el-Sheikh: Schnorcheln im ehemaligen Feindesland

Samstag, 5. März: Schnee liegt auf dem Auto vor dem Haus. Eisig kalt. Der Bus startet pünktlich um 6 Uhr – ein Junge namens „Mundschenk“ serviert frischen, heißen Tee während der Fahrt. Der Himmel ist bedeckt, die Bergspitzen unsichtbar. Dann: Die Sonne bricht durch, und ihr entscheidet spontan: Richtung Süden nach Sharm el-Sheikh!

Vier Stunden Wartezeit an der Bushaltstelle. Es fängt sogar an zu regnen – in der Sinai-Wüste! Das Strohdach dient jetzt als Regenschutz. Der Bus kommt endlich, fahrt entlang des dunkelblauen Golfes von Suez, seid immer wieder passiert Militärcamps aus Zelten und Wellblechhütten, scharf bewacht. Die Straße ist teilweise gesprengt – dann geht es auf festgefahrener Piste weiter. Ihr durchquert die ehemalige ägyptisch-israelische Grenze, die von Nord nach Süd quer durch Sinai ging.

Sharm el-Sheikh war von 1967 bis 1982 israelisch besetzt. Nur wenige Jahre zurück in ägyptischer Hand, und alles verfällt schon: kaputte Fenster mit Lumpen zugestopft, ganze Straßenzüge von modernen Häusern stehen leer. Warum? Die ägyptische Regierung kauft die Gebäude von Israel ab (Camp-David-Abkommen), will sie an Ägypter verkaufen – aber die Preise sind unbezahlbar. Schade drum.

Die Jugendherberge ist modern, aber vergammelt. Wolfgang hat keinen JH-Ausweis und schläft am Strand – während ein heftiger Sturm aufzieht. Du duschst endlich, wäschst Wäsche (trocken in 30 Minuten unter Sturm und Sonne). Der nächste Tag bringt dir Schnorchel-Glück: In der Na’ama Bay leihst du dir Maske, Flossen und Schnorchel. Ein Ägypter zeigt dir die beste Stelle über dem Korallenriff. Tausende bunte Fische, groß und klein, tanzen vor deinen Augen. Die Haie kommen nicht an die Riffe heran – beruhigend.

Mit Luxusbus und Zug durchs Niltal

Montag, 7. März: Der 7-Uhr-Bus zurück nach Kairo ist Luxus pur – Schlafsessel, Klimaanlage, Stereoanlage. Der Fahrer hat eine druckluftbetriebene Hupe, die er 200 Meter bevor er überholt 200 Mal ertönen lässt. Höllenlärm, aber effektiv. Fast ein Unfall kurz vor Kairo – eine Vollbremsung verhindert Schlimmeres.

Am Stadtrand werden wir rausgeschmissen, kennen unseren Ort nicht. Ein freundlicher Mann bringt dich 20 Minuten zum Bahnhof – weil ihm mal ein Mädchen in Hannover geholfen hat. So funktioniert Karma in Ägypten.

Dienstag, 8. März: Der Zug nach Assyut ist eine Überraschung – Großraum-Luxuswaggons wie beim Inter-City, makellos sauber, frische Luft, funktionierende Jalousien. Alle Plätze sind einzeln besetzt. Du fährst durch die grüne, blühende Oase des Niltals: Palmen, Früchte, Ziegen, Büffel, Bauern knieend beim Säen und Ernten. Bewässerungskanäle mit Schöpfrädern. Menschen waschen sich und ihre Wäsche im Kanal. Es ist idyllisch und arbeitsreich zugleich.

Im Zug triffst du Wadia, einen koptischen Englischstudent, der dir seine Geschichte erzählt, während er ein großes Paket Fladenbrote mit Eiern und Marmelade schenkt – einfach so. Er fährt 1. Klasse, es gibt Platz. Wadia bekommt monatlich 45 E£ von seinen Eltern – das reicht knapp für Wohnen, Essen, Bücher. Sein Vater bei der Eisenbahn verdient 100 E£ im Monat für die ganze Familie. Seine Geschichte zeigt dir, wie privilegiert du bist.

Zur Einordnung: Im Jahr 1983 entsprachen 100 Ägyptische Pfund (E£) rechnerisch etwa 365 Deutsche Mark (DM), basierend auf den damaligen offiziellen Durchschnittskursen. Unter Berücksichtigung der Inflation und der Währungsumstellung hat der Betrag von 365 DM aus dem Jahr 1983 heute (Stand 2026) eine Kaufkraft von ca. 416 bis 456 Euro.

Alter ägyptischer Geldschein: 10 Pfund (Bild Wolfgang Brugger)

Alter ägyptischer Geldschein: 10 Pfund (Repro Wolfgang Brugger)

Wüstenfahrt zum Kollaps: El-Charga und die Abenteuer-Panne

Von Assyut geht es per Bus in die Wüste Richtung Oase El-Charga. Der Bus ist überfüllt – du sitzt zu dritt auf einer Zweierbank. Die Wüste dehnt sich endlos: Sand, Geröll, Berge, die ihre Farben mit dem Licht wechseln. Der Bus ist ein uraltes Mercedes-Modell, knarrt an allen Ecken, Fenster durch Bretter ersetzt, zentimeterdick Müll auf dem Boden. Trotzdem macht es Spaß – die Menschen sind nett und amüsieren sich offensichtlich über euch.

Nach zwei Stunden: Toilettenpause mitten im Nichts. Jeder hebt seine Dschellaba, erledigt sein Geschäft in der Wüste, erfrischt sich mit Wasser aus porösen Tongefäßen, trinkt süßen Tee.

Dann, beim Sonnenuntergang, während du gerade denkst „schade, dass wir nicht halten können“ – Knall! Das rechte Hinterrad schleift, Aufhängungsbruch. Der Bus bleibt stehen. Mitten in der Wüste. Kein Funk. Wenig Verpflegung. Du bekommst deine Sonnenuntergangsfotos – aber die Ernüchterung ist größer.

3½ Stunden Wartezeit. Die Soldaten verschwinden sofort in ankommenden Autos. Der koptische Pfarrer folgt, dann die Männer – Frauen, Kinder und du bleibt zurück. Ihr macht Marmeladenbrote für die Kinder. Dann kommt der Ersatzbus – und dieser ist ein Desaster:

  • Bänke liegen am Boden
  • Bodenplatte fehlt – Blick aufs Getriebe
  • Fast alle Fensterscheiben weg oder durch Bretter ersetzt
  • Der Fahrer rast wie verrückt – zwei weitere Fensterscheiben fliegen raus

Nach nur einer Stunde Fahrt erreicht ihr endlich El-Charga. Ein Junge bringt dich zum Hotel – eine von Mücken verseuchte Baracke.

Mittwoch, 9. März: Ein junger Mann schnuppert deine Hunger-Ausstrahlung und bringt dich zu einer Garküche. Falafeln und Tee für 55 Piaster. Er besorgt dir auch ein Taxi und will nicht mal Zigaretten als Dank. Im Zentrum der Oase fotografierst du überall – wenige Touristen kommen hier her, und jeder will fotografiert werden. Du besuchst Werkstätten, überall wird Tee angeboten, ohne Verkaufsabsicht.

Dann erreichst du die Dattelpalmen-Plantagen – 200.000 Stück, alle in kleinen Lehm-Gärten, herrlicher Schatten. Du kaufst Orangen (süß, saftig, nicht zäh wie in Deutschland) für 45 Pfennig pro Kilo.

Am Amun-Tempel (ägyptische Spätzeit, wird gerade restauriert) führt dich ein alter Ägypter herum, wirft Worte wie „Osiris, king, hieroglyphes“ hin. Du durchschreitest vier große Tore mit Hieroglyphen und Götter-Abbildern, siehst riesige Säulen, die das Dach halten – dein erster echte ägyptischer Tempel.

Dann 1 Kilometer zu Fuß in die Wüste zur koptischen Nekropole Bagawât. Die Sonne versengt dich (es ist noch Winter!). Zerstörte und gut erhaltene Kuppelbauten für koptische Bestattungen. Ein Kopte erklärt dir die Malereien auf den Decken – wird aber entsetzt, als Ralph eine Mumie fotografieren will.

Den kompletten Reisebericht von unserem Teammitglied Olaf Remmers findest du hier:

Ägypten (1) – Turbulentes Kairo, eiskalter Sinai und spektakuläre Wüstenfahrt 

Ägypten (1) – Turbulentes Kairo, eiskalter Sinai und spektakuläre Wüstenfahrt [Vintage]

 

Fortsetzung folgt!

Im nächsten Teil werden wir per Schiff über den Nasser-Stausee bis Abu Simbel und zurück fahren, die Tempelanlagen im Niltal wie Luxor oder Karnak besuchen sowie das Tal der Könige in Theben-West. Auch werden wir den Kopten Wadia in Edfu wiedertreffen, in Hurghada versuchen zu tauchen und schließlich die großartigen Pyramiden in Gizeh erkunden sowie zum Bauchtanz in Kairo gehen – es verspricht also, weiterhin spannend zu sein.

 


 

Vintage

Was ist Vintage?

„In der Mode versteht man unter Vintage ein Kleidungsstück aus einer älteren Kollektion eines Designers“.

So sagt es Wikipedia in seiner Erklärung. Ich habe den Begriff Vintage als Kategorienamen gewählt, um alle Reiseberichte zusammenzufassen, die schon etwas älter sind. „Oldies but Goodies“ ist ein anderer Ausdruck, den man hier verwenden könnte. Auf jeden Fall stehen hier nicht die allerschönsten Bilder aus modernen Digitalkameras im Hintergrund, sondern eher besondere Erlebnisse. Und die Fotos sind eingescannt vom Dia oder sogar Papierbild. In diesem Zusammenhang könnte man sogar den Begriff „Shabby Chic“ verwenden, den Wikipedia auch in seinem Artikel aufführt. Authentische Bilder aus der Vergangenheit haben ihren eigenen Reiz. Ist es doch so, dass die Generation Smartphone ihre qualitativ hochwertigen Handy-Fotos mit einem Filter auf Instagram hochlädt, der diesen Fotos ein oft vergammeltes Image mitgibt. Bei den Fotos der Vintage-Reihe braucht es das nicht. Die Fotos SIND schon alt und „wurmstichig“ – wenn auch aus Gründen der Ästhetik die vielen kleinen Punkte und Fussel, die beim Einscannen noch zu sehen sind, mühsam in der Bildbearbeitung entfernt werden.

Fotos: Olaf Remmers, wo nicht anders vermerkt. KI-Titelbild basiert auf dem Original von Olaf.

 
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Mit KI / AI bearbeitet

 

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