Venedig erhebt Eintritt: warum Eintrittsgelder den Overtourism nicht lösen
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Venedigs Eintrittsgeld: Ein teures Experiment mit fraglichem Nutzen
Seit 2024 verlangt Venedig an besonders stark frequentierten Tagen eine Eintrittsgebühr für Tagesbesucher. An bis zu 60 Tagen im Jahr zahlen Besucher des historischen Zentrums – egal ob Italiener oder Ausländer – zwischen fünf und zehn Euro pro Tag. Die Stadt erhofft sich daraus Einnahmen, um die touristische Infrastruktur zu finanzieren und die Belastungen für die Einwohner abzufedern. 2026 zahlten rund 650.000 Tagesgäste insgesamt rund 5,2 Millionen Euro. Ob die Maßnahme den Besucherandrang tatsächlich dämpft, ist jedoch umstritten.
Warum zehn Euro kaum jemanden abschrecken
Experten zweifeln daran, dass eine Gebühr von maximal zehn Euro viele Touristen vom Besuch abhält. Für einen Tagesausflug nach Venedig geben Reisende oft deutlich mehr für Anreise, Verpflegung und Souvenirs aus. Da wirkt eine Gebühr von wenigen Euro kaum abschreckend. Kritiker warnen zudem, dass Venedig durch die Gebühr noch stärker zum „Freizeitpark“ verkommt, während die Einwohnerzahl in der Altstadt weiter sinkt. Wer nur für wenige Stunden bleibt, zahlt die Gebühr gern – und trägt so nicht zur Entlastung der Infrastruktur bei, sondern finanziert sie lediglich mit.
Overtourism ist ein globales Problem
Venedig ist kein Einzelfall. Städte wie Barcelona, Amsterdam, Dubrovnik oder die Insel Mallorca kämpfen mit ähnlichen Problemen: zu viele Besucher auf zu wenig Raum, steigende Mieten, Verdrängung der Einheimischen, Überlastung von Infrastruktur und Müllbergen. Auch Naturgebiete wie die Alpenregionen oder Nationalparks leiden unter Massentourismus. Die Ursachen sind vielfältig: Billigflüge, Kreuzfahrtschiffe, Social-Media-Hypes und günstige Kurzreisen führen zu Konzentrationen an wenigen Hotspots.
Die Rolle von Influencern auf Instagram, TikTok & Co.
Soziale Medien sind zu einem der stärksten Treiber für Overtourism geworden. Algorithmen belohnen visuell spektakuläre Inhalte mit hoher Reichweite – und genau diese Orte werden dann binnen Tagen von Tausenden angesteuert. Was einst ein „Hidden Gem“ war, wird durch ein virales Reel oder TikTok-Video zum überlaufenen Hotspot.
„69 Prozent der Deutschen holen sich Reiseinspiration über Social Media“,
zeigt eine Bitkom-Umfrage 2023. Bei den unter 40-Jährigen lassen sich 84 Prozent bei der Buchung von Influencern beeinflussen (Expedia Group, 2025). Für 59 Prozent aller Reisenden muss das Urlaubsziel Instagram-tauglich sein (Bitkom, 2023). 38 Prozent der Gen Z buchen bewusst über ihrem Budget, um bekannte Trend-Motive auf Social Media posten zu können (Qualtrics, 2023).
Influencer inszenieren Orte oft als Kulisse für Selbstinszenierung statt als Orte der Begegnung. Der algorithmische Kreislauf – Engagement erzeugt Reichweite, Reichweite erzeugt Buchungen, Buchungen erzeugen neuen Content – kennt keine Kapazitätsgrenzen. Orte wie der Mount Everest, isländische Wasserfälle oder versteckte Buchten auf Mallorca wurden so binnen weniger Monate überrannt. Influencer sind nicht die alleinige Ursache, aber sie wirken als mächtiger Verstärker, der Massenströme lenkt und verdichtet.
Was Reisebuchverlage dazu beitragen
Reiseführer und Reisemagazine haben jahrzehntelang „Geheimtipps“ veröffentlicht, die dann prompt zu Pilgerzielen wurden. Klassiker wie Lonely Planet, Marco Polo oder DuMont listen „Top 10 Orte, die man gesehen haben muss“ – und lenken so Ströme in dieselben engen Gassen, an dieselben Aussichtspunkte, in dieselben Restaurants. Neuauflagen zementieren diese Kanonisierung. Verlage reagieren auf Nachfrage, aber sie erzeugen sie auch: Wer „die 50 schönsten Dörfer Italiens“ kauft, fährt genau dorthin.
Digitale Ableger, Best-of-Listen auf Verlagswebseiten und Kooperationen mit Influencern verstärken den Effekt. Gleichzeitig fehlen in den meisten Guidebooks Hinweise auf Tragfähigkeit, Kapazitätsgrenzen oder Alternativen abseits der Highlights. Einige Verlage beginnen zwar, „Slow Travel“- oder „Off the beaten path“-Formate anzubieten – doch der Hauptumsatz liegt weiterhin bei den Klassikern. Verantwortungsvollere Redaktionen kennzeichnen jetzt überlastete Orte, empfehlen Nebensaison und verweisen auf lokale Anbieter. Das ist ein Anfang, reicht aber nicht, solange Bestsellerlisten von „Must-see“-Listen dominiert werden.
Welche Maßnahmen wirklich wirken
Eintrittsgelder allein reichen nicht. Städte und Regionen setzen zunehmend auf ein Bündel an Maßnahmen: Begrenzung der Bettenkapazitäten, Beschränkung von Kreuzfahrtschiffen, Lenkung der Besucherströme durch Zeitfenster-Tickets, Förderung von Nebensaison-Reisen und Lenkung in weniger bekannte Gebiete. Wichtig ist auch, Einheimische einzubinden – etwa durch Mietpreisbremsen, Vorbehaltsflächen für Einheimische oder Beteiligungsmodelle an Tourismuseinnahmen. Nur wenn Einheimische vom Tourismus profitieren und nicht nur belastet werden, lässt sich Akzeptanz schaffen.
Was du als Reisender tun kannst
Du kannst Overtourism aktiv entgegenwirken: Reise in der Nebensaison, wähle weniger bekannte Ziele, bleibe länger an einem Ort statt nur Tagesausflüge zu machen, nutze öffentliche Verkehrsmittel, unterstütze lokale Geschäfte statt Ketten und respektiere Regeln vor Ort. Buche Unterkünfte bei Einheimischen statt bei großen Plattformen, die Wohnraum vom Markt ziehen. Jede bewusste Entscheidung entlastet Hotspots und stärkt Regionen abseits der Touristenpfade.
Fazit: Eintrittsgeld allein reicht nicht
Venedigs Eintrittsgebühr bringt Einnahmen, löst das Kernproblem aber nicht. Overtourism lässt sich nur durch ein ganzes Bündel an Maßnahmen eindämmen: Besucherlenkung, Kapazitätsgrenzen, Einbindung der Einheimischen und bewusste Reiseentscheidungen. Wer Venedig oder andere Hotspots besuchen will, tut gut daran, länger zu bleiben, Nebensaison zu wählen und abseits der Hauptpfade zu entdecken. So wird die Reise intensiver – und der Ort bleibt lebenswert für alle.
Foto von: Martin Katler
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