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30 Jahre Krieg – und vier Reichsstädte im Auge des Orkans

Der 30jährige Krieg und sein Einfluss auf die vier Reichsstädte im westlichen Mittelfranken und im bayerischen Schwaben

Dinkelsbühl, Nördlingen, Rothenburg ob der Tauber und Windsheim, vier Reichsstädte im Auge des Orkans

Mit dem Prager Fenstersturz begann 1618 in Mitteleuropa eine Zeit des Leidens, die auch in Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl, Nördlingen und Bad Windsheim zu schlimmen Verheerungen führte. Die einstigen Reichsstädte gedenken in diesem Jahr mit Sonderführungen und bei den historischen Festspielen an diese traumatische Epoche.

Dinkelsbühl, Nördlingen, Rothenburg ob der Tauber und Windsheim, vier Reichsstädte im Auge des Orkans: So stellte sich die Lage im 30-jährigen Krieg in der Region dar. Die Schrecken des europaweiten Konflikts brachen sich in diesem kleinen Gebiet im Westen des heutigen Bayerns mit voller Gewalt Bahn.

Am Ende stand ein Friedensschluss, ganz in der Nähe in der Reichsstadt Nürnberg exekutiert, der schemenhaft die Form des heutigen Europa in einer schrittweisen Herausbildung von Nationalstaaten vorweg nahm.

Ein Leidgesang aus jener Epoche kann als Warnung bis heute verstanden werden:

„EILT, DASS IHR DEN VERSTAND ZU NUTZEN NOCH GEBRAUCHET, EH DANN EUROPA GANZ, DAS GOLDENE LAND VERRAUCHET!“

2018 jährt sich jenes Ereignis zum vierhundertsten Mal, das den Sturm über Europa entfachte: der Prager Fenstersturz. Danach näherte sich die Katastrophe langsam aber stetig der Region von Windsheim bis Nördlingen. Zunächst plünderten und raubten sich die Heere auf dem Weg zu den Schlachten durch die Gebiete. So lagen 1624 vor den Mauern Dinkelsbühls kaiserliche Regimenter mit 1.200 Mann, deren Führungsstäbe in der Stadt Quartier nahmen. Eine Söldnergruppe verschlang in drei Tagen den gesamten Vorrats- und Viehbestand des spitaleigenen Schafhofes. Beim Abmarsch plünderten sie den Hof, zerschlugen die Fensterscheiben, machten aus dem Fensterblei Schrotkörner und schossen damit die Tauben von den Dächern. Ab 1631 kam es dann auch rund um Rothenburg ob der Tauber und Dinkelsbühl zu Kampfhandlungen und in der Folge zu einem beispiellosen Aderlass in der Bevölkerung.

In den Städten wüteten zudem Seuchen.

Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung büßten die Gemeinden ein.

Die Niederlage der schwedischen Armee in der Schlacht bei Nördlingen am 6. September 1634 führte schließlich zum Eintritt Frankreichs in den Krieg.

 

Die Reichsstädte: Hier versammelt auf einer Bodenplatte in Bad Windsheim. „Die Bürgermeister in reichsstädtischer Verbundenheit“

In allen vier Reichsstädten soll 2018 in Sonderführungen, im Rahmen von historischen Festspielen sowie in Ausstellungen aufgezeigt werden, wie sehr die Epoche des 30-jährigen Kriegs Windsheim, Nördlingen, Rothenburg ob der Tauber und Dinkelsbühl veränderte. Wie durchlebte die Bevölkerung die Leiden? Wie sah der Alltag in den Städten in jener Zeit aus? Gab es einen solchen überhaupt noch? Wie stellte sich die Situation nach dem Jahr 1648 dar? Diesen Fragen können die Besucher auf ihrer Tour in den Reichsstädten nachgehen.

Ob Schwedenkönig Gustav II. Adolf oder berüchtigte Generäle wie Johann T’Serclaes von Tilly, Octavio Piccolomini oder Albrecht von Wallenstein, sie alle zogen mit ihren Heeren durch die Region.

Als Reichsstädte unterstanden Dinkelsbühl, Rothenburg ob der Tauber, Nördlingen sowie Windsheim eigentlich direkt dem katholischen Kaiser. In den Städten selbst folgte ein großer Teil der Bevölkerung aber den Ideen Martin Luthers. In Dinkelsbühl ging dies gar soweit, dass eine katholische Minderheit an Stadtoberen über die Belange einer protestantischen Mehrheit befand. Erzählt wird dieses Dilemma auch im Festspiel der „Kinderzeche“, das alljährlich in der Stadt aufgeführt (13. bis 22. Juli 2018) wird und eine Episode aus dem 30-jährigen Krieg aufgreift.

 

Der Meistertrunk

Auch Rothenburg ob der Tauber gedenkt mit dem Festspiel 1631 „Der Meistertrunk“ (18. bis 21. Mai 2018) einer dramatischen Belagerung durch General Tilly.

„Den 30. Oktober des Nachts ist das Galgentor geöffnet worden. Da ist der Lothringer mit seinem Volk, lauter Franzosen, hereingezogen, und hat alsbald Rathaus, Rüstkammer und den Markt mit Schildwacht bestellt. Auf dem Markt wurde viel Feuer angezündet und haben dabei Schweine, Schafe, Hühner, Gänse, gebraten, gesotten, und recht soldatisch angefangen zu leben. Nach Mitternacht fingen sie an, die Häuser mit Gewalt zu erbrechen und die Leute zu tribulieren, alles zu plündern, zu schlagen, dass ein großes Lamentieren, Weinen, Heulen, Klagen und Schreien in allen Gassen und Häusern entstanden“,

schildert der Chronist Sebastian Dehner 1654 in seinem Werk „Rothenburg ob der Tauber im Jahrhundert des Großen Krieges“ die Eroberung der Tauberstadt. Immer zu Pfingsten verwandelt sich die Stadt in ein riesiges Feldlager.

Der Meistertrunk – Schauspiel in Rothenburg

 

Bis heute blickt man also in den genannten Reichsstädten in die grausamen Zeiten des 30-jährigen Krieges zurück, auch ein Beweis, welch massiven Einschnitt jene Epoche in der Entwicklung der Region darstellte. Ob in Landwirtschaft, Kultur oder in der Bevölkerung durch die Assimilation von Flüchtlingen aus Österreich, weit über den 30-jährigen Krieg hinaus prägte die Katastrophe nicht allein die Entwicklung Süddeutschlands, sondern Europas.

 

Der Meistertrunk – Schauspiel in Rothenburg

 

Beim Meistertrunk in Rothenburg ob der Tauber steht die Geschichte um den Altbürgermeister Nusch im Fokus, der seine Bürger nach der Eroberung durch die Truppen von General Tilly rettete indem er einen 3 ¼ Liter-Krug Wein in einem Zug leerte. Beim traditionellen Festumzug am Sonntag sowie bei den Theateraufführungen im Kaisersaal taucht man während des Pfingstwochenendes voll und ganz in diese Episode der Stadtgeschichte ein. Auf der Festwiese befindet sich das Zeltlager der Truppen, die über das ganze Wochenende in originalgetreuen Uniformen durch die Stadt ziehen.

Aufgegriffen wird das Lagerleben zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges auch zu den Reichsstadt-Festtagen in Rothenburg ob der Tauber. Der Verein „Der Meistertrunk“ führen dann auf der Stöberleinsbühne ein Musikalisches Allerley auf. Verschiedene Festspielgruppen bieten Klänge aus dem 17. Jahrhundert, von Marschmusik bis zu den derben Liedern der Marketenderinnen.

 

Historischer Verein der Rieser Schwaben

 

Wer tiefer in die Materie eintauchen möchte und sich beim Spaziergang durch die malerischen Gassen von Rothenburg ob der Tauber informieren möchte, kann an der Gruppenführung von Daniel Weber, Claudia Koller-Lindner und Elke Wedel das ganze Jahr über buchen. Sie schildern in ihren Erzählungen, wie es zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges in Rothenburg ob der Tauber zuging – vom harten Alltag der Bevölkerung bis zu den politischen Hintergründen. Als besonderes Schmankerl gibt es Einblicke hinter die Kulissen des Festspielvereins „Der Meistertrunk“ – so zum Beispiel in den sonst nur selten öffentlich zugänglichen Kaisersaal.

 

Weitere Informationen bekommst Du beim: Rothenburg Tourismus Service

Über die Reichsstädte in den Zeiten des 30jährigen Krieges gibt es eine besondere Website:

www.reichsstaedte-1618.de

 

Mehr über „Fränkisch-Schwäbische Reichsstädte im 30-jährigen Krieg und heute“ in Reiseberichten unter diesem Link

 

Titelbild: Nördlingen – Historischer Verein der Rieser Schwaben

 

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Wolfgang Brugger

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Wolfgang Brugger ist der Gründer und Webmaster von ReiseFreaks ReiseBlog. Schreibt ehrlich über seine Reisen und für alle, die mobilitätseingeschränkt sind, die Möglichkeiten/Hindernisse, die er vorfindet.   PS: Bleib am Ball! Abonnier den kostenlosen ReiseNewsletter "ReiseJournal: ReiseNews und ReiseBerichte" unter http://ReiseNewsletter.ReiseFreak.de.
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