Israel (4). Toter geht’s nicht: Abstecher zum Toten Meer

Dead Sea revisited

Wir kommen vom See Genezareth her. Der liegt ja schon 212 Meter tief, viel tiefer kann es nicht gehen. Glaubt der einfältige Tourist. Aber der Jordan fließt ja aus dem See Genezareth in das Tote Meer.

Und das liegt wesentlich tiefer.

Wobei zu beachten ist, dass man ja den Wasserspiegel eines Gewässers als Maßstab für die Differenz zur Meereshöhe nimmt.

Weil dieser beim Toten Meer um ca. 1 Meter pro Jahr sinkt, sind alle Angaben, sobald sie veröffentlicht sind, schon Makulatur.

Nehmen wir der Einfachkeit halber an, dass das Tote Meer im Jahr 2015 400 bis 420 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Durch Verdunstung und Wasserentnahme zur Produktion von Düngemitteln sinkt der Wasserspiegel mehr, als durch das bisschen Jordanwasser (wenn überhaupt) hinzu kommt.

Meine Gefährten und ich begleiten den Jordan also auf seinem Weg vom See Genezareth zum Toten Meer und fahren durch die „Westbank“, wie das Westjordanland oft genannt wird.

Obwohl das Gebiet von den Palästinensern verwaltet wird, ist Israel für die Straße verantwortlich. Und für die Sicherheit. Weswegen es Straßensperren gibt, die unser Kleinbus, da mit israelischen Nummernschildern, problemlos hinter sich bringt.

 

Ausblick von einer Raststätte irgendwo im Nichts der Westbank: Ein recht demoliertes Haus.

 

 

Meine Reiseroute

 

 

 

Gutmütiges Kamel an der Raststätte: Reiter erwünscht!

 

 

Ein Gedi (En Gedi): Oase am Toten Meer

Die wasserreiche Oase En Gedi erreichen wir am Nachmittag. Sie liegt am Westufer des Toten Meeres. Das Westjordanland beginnt nur wenige Kilometer nördlich.

Nicht in der Planung für meine Gruppe ist ein Schwimmen im Toten Meer. Was ich nicht verstehen kann, denn das ist doch wohl einer der Höhepunkte hier, wie schon vor 33 Jahren, als ich zum 1. Mal hier war. Siehe auch die Nachlese meiner Studienreise von damals:

Long long time ago: Vor fast 33 Jahren in Israel [Vintage]

 

Natürlich sah das damals schon anders aus. Ganz anders.

Hier ist man heutzutage auf Massentourismus eingestellt. Man spricht ziemlich alle wichtigen Touristensprachen. Ich sehe auch jede Menge Flaggen auf dem Gelände und am Ufer des Sees (ich schreibe hier absichtlich „See“, denn für ein „Meer“ scheint mir die Pfütze, die noch übrig ist, zu klein). Nur die deutsche fehlt, wie so oft. Seltsam. Oder eher Absicht?

 

 

 

So richtig kenne ich mich hier nicht mehr aus. Vor 33 Jahren waren nur rudimentäre Strukturen zu sehen, wenn ich mich recht erinnere. Und da der Wasserspiegel des Sees im Schnitt 1 Meter pro Jahr niedriger wird, müsste man von der Straße her ganz schön lange gehen, bis man ans Ufer kommt.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Gelände hier sanft abfällt. Wir haben es geschafft, kurzfristig einen Zutritt zum Toten Meer zu bekommen, samt Handtüchern. Der Reiseleiter hat sich dafür in einem langen, zuweilen recht laut klingenden Telefonat mit dem Kibbutz eingesetzt. An dieser Stelle noch herzlichen Dank dem guten Yair, Fahrer und Führer.

Die schlauen Betreiber des En Gedi Spa setzen, damit man nicht auf der heißen Salzkruste zum Ufer hatschen muss, von Traktoren gezogene Wagen ein. Die untere Haltestelle ist improvisiert, da der See sich sowieso immer weiter zurückzieht. Schattendächer helfen, wenn die Sonne, wie üblich, herunterbrennt.

Im Sommer schützt man sich gerne vor dem Gestirn, bei über 40 Grad Celsius.  Regentropfen kann man hier einzeln zählen, weil es im Jahr nur etwa 20 Regentage gibt.

 

 

Es wird behauptet, dass der mit Salzen hoch angereicherte Schlamm gegen Hautkrankheiten helfe, so wie auch das intensiv salzige Wasser. Je nach Krankenkasse werden auch von Deutschland aus Kuren am Toten Meer finanziert, denn es sind schon viele (temporär) geheilt wieder in die Heimat zurück gekehrt.

Was machen nun die Badetouristen, ob sie nun eine Kur am Toten Meer machen, oder hier nur eine Stippvisite abstatten?

Sie verteilen den Schlamm auf der Haut, möglichst alle freien Hautpartien, und lassen sich fotografieren. Die Stimmung ist gut und gelöst.

 

Ich muss bei jedem Schritt achten, um nicht in eines der zahlreichen Löcher und Spalten zu fallen. Unter der Salzkruste befinden sich Hohlräume, die gelegentlich einbrechen.

Sogar die Teerstraße wird zur Zeit neu gebaut, denn in diesen Hohlräumen können Gebäude und Autos verschwinden. Von der Straße aus sieht man diese Senken, die wie Bombentrichter überall am breiten Ufer verteilt sind. Ein Ufer, das vor nicht allzu langer Zeit noch von Salzwasser bedeckt war.

 

 

 

Salzkruste, darunter Hohlräume

 

 

Auf diesem Bild schwimme ich ca. 33 Meter über der jetzigen Wasseroberfläche des Toten Meeres.
Foto von 1982, E. Brugger

 

Ich steige in das seichte, brühwarme Wasser. Ich muss lange gehen, um wenigstens Sitztiefe zu erreichen. Wie alle anderen, lege ich mich ins Tote Meer und lasse mich hin und her dümpeln.

Als ich dann mit dem Dümpeln fertig bin, will ich mich aufrichten, um wieder ans Ufer zu tappen, ohne in eines der Löcher zu geraten, die sich tückisch unter dem trüben Wasser verbergen können. Der interessierte Leser kennt ja mein Problem mit der Lähmung eines Beines. Da muss man sakrisch aufpassen, sonst liegt man schnell mit geprelltem Knöchel im seichten Wasser.

Zurück zum hochgradig salzigen Wasser, das fast schon sämig auf der Haut klebt: Ich will mich aufrichten, aber ich habe nicht daran gedacht, dass Wasser gerne der Schwerkraft folgt. In meinem Fall: Es rinnt mir vom Scheitel und der Stirn her in die Augen.

Autsch!

Genau das wollte ich vermeiden. Es brennt höllisch. Ich muss beide Augen schließen. Es brennt immer noch wie Teufel. Mein Tränenfluss wird zu einem Sturzbach. Nach mehr als gefühlten 10 Minuten öffne ich langsam wieder die Augen und tappe tränenblind zu den provisorischen Duschen.

Na ja, Duschen ist ein wenig übertrieben: Dicht an dicht stehen die salzverkrusteten Badenden und wollen das brennende Zeug von der Haut spülen. Eine Hand nach oben, Hebel drücken, dann kommt ein dünner Strahl durch das Rohr (nicht etwa die Brause, die hier nötiger gewesen wäre). Lustig für Zuschauer, aber für den, der nicht will, dass die Brühe auf der Haut trocknet, eher nicht.

 

In der Nachmittagshitze in die Wüste

Die Gefährten und ich lassen uns vom letzten Traktor für heute zurück ins Spa bringen. Auf dem Parkplatz davor erwartet uns dieser Geländewagen, in den wir uns hineinpferchen. Der Behinderte kommt auf den Beifahrersitz, die Gefährten auf die Hinterbank und die mit Sitzen ausgebaute Ladefläche. Rustikal halt. Nicht zu vergleichen mit den Landrover und Landcruisern, die man in Südafrika hat, um auf Tierbeobachtung zu gehen.

 

 

Wir sehen keine Tiere, sondern sehen abgeschliffene Felsformationen, die in der Spätnachmittagshitze brüten. Kein Baum weit und breit, oder?

 

 

 

 

Doch, hier ein Baum. Seine Rinde dient dem erfahrenen Wüstenfuchs, um seine Hände zu waschen. Etwas Rinde zerrieben, Wasser dazu (sparsam umgehen, denn hier gibt es lange kein Wasser), und schon schäumt es zwischen den Händen. Seife auf wüstisch.

 

 

 

 

Kibbutz En Gedi

Über das Kibbutz habe ich schon im meinem Artikel über das Essen und Schlafen in Israel berichtet. Nach diesem langen Tag lassen wir den Abend bei gefühlten 35 Grad auf der Terrasse des Kibbutz im heißen Luftstrom, der von den Bergen kommt, ausklingen. Das Bier, wie üblich, ca. 8 Euro für die Halbe. Na danke. Das schwächt die Kasse, stärkt aber den Flüssigkeitshaushalt des Menschen.

 

 

Dieses possierliche Tierchen (wie Dr. Grzimek sagen würde) fühlt sich in der trockenen Hitze ausgesprochen wohl

 

Ein Gedi beherbergt auf seinem Areal einen hervorragend gepflegten botanischen Garten mit Pflanzen aus aller Herren Länder. Eine Freude für Pflanzenfans – und für Schatten Suchende.

 

 

Blick von der Anhöhe, auf der En Gedi liegt, in ein Trockental: Wadi Arugot

 

 

 

 

 

 

Einer der älteren Kibbutzniks, der gerne von der Zeit erzählt, als das Kibbutz gegründet wurde. Seitdem wurde viel verändert, die Zeiten gehen nicht spurlos am System des Kibbutz vorbei.

 

 

 

Zeitvertreib im Kindergarten des Kibbutz: Ein speziell geschulter frommen Schreiber (Sofer) schreibt die Thora. Wenn er sich verschreibt, muss er das Blatt wegwerfen.

Jede Seite der Thorarolle hat 42 Zeilen. Wenn der Sofer – nach ca. 1 Jahr –  mit seiner Arbeit fertig ist, hat er  304.805 Buchstaben geschrieben. Die im besten Fall genau so aussehen, wie das Original. Textlich sowieso, denn ein fehlender oder missratener Buchstabe macht die Torarolle unbrauchbar.

Nicht jeder Mensch kann und darf die Thora schreiben. Der Sofer sollte mehr als 4.000 jüdische Gesetze kennen, bevor er loslegen darf.

 

 

Ein modernes Spa ergänzt die Einrichtung des Kibbutz En Gedi. Für Touristen natürlich, obwohl ich glaube, dass auch der ein oder andere Kibbutznik hier mal rein darf – wenn er sich die Behandlungen leisten kann. Zum Beispiel „Ayurveda with two hands“, Shirodhara – haevenly head massage“ oder „Casa – body exfoliation“. Letzteres pass zum „Toten Meer“. Wer schon mal in einem türkischen Bad war, kennt das Abrubbeln der toten Hautpartien mit einem „Kese“ genannten rauhen Waschhandschuh.

 

 

Masada

Auf Massentourismus angelegt und bestens organisiert erwartet mich das Besucherzentrum am Fuß des Felsens von Masada. Ich sehe mir einen Film über die Geschichte und die Ausgrabungen an, dann fahre ich mit einer moderneren Ausgabe der Seilbahn, die ich schon vor 33 Jahren genutzt habe, fast bis zur Spitze des Plateaus.

 

In der Mitte: Das Plateau von Masada

 

 

 

Masada war ein prächtiger Palast, von Herodes dem Großen erbaut und mit bester Sicht auf das zu regierende Land und das Tote Meer.

Diese Festung ging in die Geschichte der Juden ein, als ein besonders grauslicher Teil.

Die Römer hatten die Oberhoheit über dieses Gebiet, aber es kam immer wieder zu Revolten und Aufständen. Der letzte jüdische Aufstand fand 73 nach der Zeitenwende statt.

960 Verteidiger des Masada-Plateaus hielten 8 Monate der jüdischen Belagerung stand, doch der Aufstand endete damit, dass sich diese Menschen in aussichtloser Lage selbst töteten. Wer möchte, kann gerne (schaudernd) den gleichnamigen Hollywood-Film von 1971 mit Peter O’Toole und Peter Strauss dazu ansehen.

2001 wurde die Stätte dieser Geschichte zum Weltkulturerbe der UNESCO geadelt.

 

 

 

Blick von Masada auf die darunter liegende Wüste Richtung Totes Meer. Schon vor 33 Jahren ein Bild wert.

 

 

Die schon recht ramponierte Seilbahn – vor 33 Jahren. Der Einweiser hängt ermattet in der Ecke.

 

Nahal David – Ein Gedi Naturreservat

Nach diesem Ausflug in die trübere jüdische Geschichte und einige trockene Stunden auf dem Plateau von Masada freuen wir uns, endlich einmal wieder trinkbares Wasser zu sehen: Eine schon in der Bibel erwähnte Oase mit Quellen und Wasserfällen. Hier versteckte sich schon David vor Saul.

Der Wadi David steigt in Stufen nach oben und endet am Ende des „Dry Canyon“. Ein Wanderweg folgt dem Canyon und biegt nach links ab. Von den Bergen kommt er zurück in den Wadi Arugot, über dem hoch oben das Kibbutz En Gedi liegt.

 

Schulausflug am Schulamit-Wasserfall, En Gedi Naturreservat

 

 

 

Aaaaaah, schön frisch!

 

So ein Tierchen, das sich hier im Schatten vor der herunterbrennenden Sonne schützt, kennen wir aus Südafrika. Dort „Rock Dassie“ genannt, auf deutsch auch“Klippschliefer“, mit dem Elefanten verwandt, obwohl ich nicht einmal bei näherem Betrachten einen Rüssel erkennen kann.

 

Nach dem Baden (in voller Kleidung, natürlich) bedeckt sich die züchtige Jüdin mit Kunsthaar, damit ihr eigenes nicht sichtbar ist. Die Freundinnen helfen ihr, die Haarpracht zurecht zu rücken.

 

Orthodoxe Juden steigen einer Frau hinterher, den Berg zur Quelle hinan.

 

 


 

Was zuvor geschah:

Israel – Teil 1: Essen und Schlafen, und dann geht das Erleben los

Israel – Teil 2: Von Tel Aviv nach Akko – immer am Mittelmeer entlang

Israel – Teil 3. Mach’s wie Jesus: Über dem See Genezareth spazieren #go2israel

Long long time ago: Vor fast 33 Jahren in Israel [Vintage]

6 Lese-Tipps für Deinen Israel-Urlaub

Buchvorstellung: Auf dem Israel National Trail bist Du unter Engeln und Wasserdieben

Was hinterher passiert:

Jerusalem und das Ende (Artikel folgt später)

 


 

Die Reise wurde in großen Teilen unterstützt durch das Israelische Fremdenverkehrsamt, wofür ich mich bedanke. Meine Meinung wird davon nicht beeinträchtigt.

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Wolfgang Brugger

CEO, Founder
Wolfgang Brugger ist der Webmaster von ReiseFreaks ReiseBlog. Reist (trotz schwerem Unfall und Gehbehinderung) gerne und schreibt ehrlich über seine Reisen und die Möglichkeiten/Hindernisse, die er vorfindet.   PS: Bleib am Ball! Abonnier den kostenlosen ReiseNewsletter "ReiseJournal: ReiseNews und ReiseBerichte" unter http://ReiseNewsletter.ReiseFreak.de oder gleich auf dieser Seite, rechts.
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4 Antworten auf Israel (4). Toter geht’s nicht: Abstecher zum Toten Meer

  1. Danke für die schönen Erinnerungen. Habe die Gegend 2011 bereist. Hat sich seit dem nicht zu viel verändert. Noch viele schöne Reisen.

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