Sizilien: Erotische Bikinimädchen im Fitnessstudio der Antike

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Villa Romana del Casale - Eingang Fitnessstudio Lesedauer: 6 Minuten

Erotik in Reiseberichten?

Komm mit auf eine Reise zu einer der bedeutendsten archäologischen Stätten des römischen Imperiums, die Villa Romana del Casale. Ein luxuriöses Anwesen (villa urbana), ihre Bodenmosaiken sind weltbekannt, besonders diejenigen mit den bezaubernden Bikinimädchen. Eine Stätte der Lebenslust und der Sinnesfreuden. Und viel Raum für Deine eigenen Interpretationen und Fantasien.

Zugleich soll dieser Beitrag auch eine tröstliche Botschaft sein in Zeiten virologischer Düsternis.

Sinnesfrohe Mosaiken – Bild: Alwin Pelzer

Schon 1997 erklärte die UNESCO die Villa zum Weltkulturerbe. Informationen zur Erfindung der “skandalösen” zweiteiligen Bademode findest Du am Ende des Berichtes.

Bild: Alwin Pelzer

 

Was geschah dort?

Das große Anwesen liegt etwa 100 Kilometer südwestlich von Catania nahe der Kleinstadt Piazza Armerina. Gut ausgeschildert, nicht zu verfehlen.

Piazza Armerina, ist einen Zwischenstopp wert – Bild: Alwin Pelzer

 

Schon die Anfahrt durch die hügelige Landschaft hilft Dir, “Abstand” zu gewinnen und Dich auf dieses großartige Erlebnis einzustimmen. Beginnend mit der zentralen Fragestellung wem gehörte die Villa und wozu wurde sie genutzt? Es gibt Indizien aber keine gesicherten Erkenntnisse. Wir wissen es nicht genau, aber es gibt viele wissenschaftlich untermauerte Vorschläge. Auf alle Fälle musste der Bauherr im wahrsten Sinne „steinreich“ sein.

Hügelige Umgebung – Bild: Alwin Pelzer

Von außen sieht das ganze Areal unspektakulär aus. Zum Teil mannshohe historische Grundmauern, Ummauerungen und Überdachungen ahmen die alte Gebäudestruktur nach und schützen die wertvollen Boden-Mosaiken.

Thermenbereich – Bild: Alwin Pelzer

Fast alle 45 Räume des Anwesens sind mit unglaublich schönen Mosaiken aus Tessera (farbigen Steinchen) bedeckt, insgesamt eine Fläche von rund 3.500 qm. Mehr als in jedem anderen bekannten Gebäude des römischen Reichs. Insgesamt sind wohl 120 Millionen Mosaiksteinchen verlegt worden (unterschiedliche Angaben). Der Stil der Mosaikbilder und die Ähnlichkeit mit anderen Arbeiten veranlassen Experten davon auszugehen, dass es Handwerker aus den afrikanischen Provinzen des Imperium Romanum waren, welche die Mosaiken in der Villa Romana del Casale erstellt haben.

Badefreuden – Bild: Alwin Pelzer

Bei einem Auftrag dieser Größenordnung kamen sicher mehrere Gruppen spezialisierter Handwerker zum Einsatz. Von der Zeichnung der Motive, über die Bearbeitung der Steine bis zum Verlegen der Mosaiken in den Bodenestrich. Für die Mosaiksteinchen wurden Flusskiesel, Sandstein und Marmor, auch Glaspaste und sogar Gold verarbeitet.

Große Palaestra, Wagenrennen im Circus Maximus – Bild: Alwin Pelzer

Geflügelte Liebesgötter

Werfe einen Blick in den Thermenbereich, den ehemaligen Kaltbaderaum, das Frigidarium. Den achteckigen Raum mit seinen Seitennischen zur Umkleide ziert ein Mosaik mit Meeresszenen, die große Palaestra, ein rechteckiger Saal für Sportübungen mit zwei gegenüberliegenden Apsiden. Ihn schmückt ein großes Mosaik, das ein Wagenrennen darstellt, wie im Circus Maximus in Rom. Das Atrium mit geflügelten Liebesgöttern beim Fischfang in Booten. Im Korridor unzählige Motive einer großen Jagd, Opferszenen für die Göttin Diana, im Aufenthaltsraum der Hausherrin thront der Meeresgott Oceanus, im Vestbül Odysseus mit dem Zyklopen Polyphem …

Voller Fantasie – Bild: Alwin Pelzer

Welche Gedanken inspirieren Dich?

Es erscheint mir völlig unerheblich ob diese Räume nun von Kaisern, Senatoren, Statthaltern oder reichen Adligen erdacht, erbaut und genutzt wurden. Viel wichtiger ist doch, welche Gedanken, welche Fantasien diese wirklich außergewöhnlich schönen Mosaiken bei Dir auslösen. Unbekanntes lässt Dir viel mehr Spielraum, setzt Deiner Fantasie keine Grenzen.

Vor ca. 1.700 Jahren… Bild: Alwin Pelzer

Bild: Alwin Pelzer

Bild: Alwin Pelzer

Bild: Alwin Pelzer

Links oben das frühere Bodenmosaik – Bild: Alwin Pelzer

Bild: Alwin Pelzer

Bild: Alwin Pelzer

Dekadentes Leben?

Ein Leben im Überfluss, lateinisch luxuria, und die herrschende Elite neigte offenbar zu Exzessen, die ihre Urteilsfähigkeit trübten und Unverständnis in unseren Augen hervorruft. Um Vorstellungen zu bekommen wie dekadent das Leben einiger (weniger) Römer war, empfehle ich Dir die Lektüre von einem Autor namens Petronius aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Er berichtet über: Das Gastmahl des Trimalchio (ein freigelassener Sklave der zu Reichtum kam).

Bild: Alwin Pelzer

Nur ein paar Begriffe hieraus: Vorspiele, Knaben, Eunuchen, Masseure, Musiker, exotische Vögel in goldenen Käfigen, sinnliche Bemalungen der Räume, schneegekühltes Wasser zum Händewaschen, zum Aperitif einen korinthischen Esel, Haselmäuse in Honig und Mohn als Vorspeise, unter silbernem Grillrost syrische Pflaumen mit den Kernen von Granatäpfeln, Pfaueneier, Arrangements nach Tierkreiszeichen, eine mit Drosseln gefüllte Muttersau, gebackene Frischlinge, alles in ausufernder Dekoration, Musik, Tanz…

Kitzle mich mit einer Feder am Kinn damit noch etwas in meinen Magen passt.

Möglichen Deutungen der Bikinimädchen aus wissenschaftlicher Sicht

gerne kannst Du Dich auch mit diesen Argumenten auseinandersetzen. Waren es:

  1. Sportlerinnen beim Training oder Wettkampf?
    oder
  2. Fitnessanleitungen für die Damen des Hauses, als Lehre einer gesunden Lebensweise mit ausgewogener Ernährung und Leibesübungen nach dem Motto: Mens sana in corpore sano
    oder
  3. Schulungsbeispiele für Töchter der gehobenen römischen Oberschicht als Vorbereitung für das Leben in Palästen?
    oder
  4. Entertainerinnen bei einer erotischen Show, mit Sportgegenstände nur als “Requisiten”?

 

Anderer Raum, andere Handwerkergruppe, anderer Mosaik-Stil

Bild: Alwin Pelzer

Deine Schätze

Diese unglaublichen Architektur und Gestaltung der „Lebensräume“ führt Dich automatisch zur Frage, wie gestalte ich meinen Wohnraum?

Mit welchen Farben, Bildern, Gegenständen… umgebe ich mich?

Und da fallen sie ins Auge, all die Mitbringsel und Souvenirs aus aller Herren Länder. Dinge, die wir auf Reisen kaufen, sind – neben dem Fotografieren – das wichtigste Mittel, das „Dort-gewesen-sein“ festzuhalten, den flüchtigen Eindrücken einer Reise Dauerhaftigkeit zu verleihen.

Vestibül, Zyglop Polyphem – Bild: Alwin Pelzer

Das Souvenir symbolisiert Erlebtes, es ist dadurch gekennzeichnet, dass sein Besitzer persönliche Erinnerungen daran bindet (lat. subvenire = in die Gedanken kommen, frz. sesouvenir = sich erinnern). Im Souvenir lassen sich “Erinnerungen speichern und, was ebenso wichtig ist, wieder abrufen”

Bild: Alwin Pelzer

Möchtest Du mehr über die Hintergründe von Souvenirs erfahren, hier ein Link zu einer wirklich umfassenden und tiefgehenden Darstellung des Themas:

https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/1301/ssoar-wvm-1995-thurner-das_souvenir_als_symbol_und.pdf?sequence=1

Zusätzliche Infos

Der Bikini: skandalös oder Maximum an Erotik?

Pixabay KlaRoFotodesign

Im Sommer 1946 sind die Menschen in Frankreich noch gezeichnet vom 2. Weltkrieg, gleichzeitig herrschte ein Gefühl der Freiheit, das den Modeschöpfern die Möglichkeit gab, Neues auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten. Im Kontext der Zeit, nur 4 Tage nach dem ersten Atombombenversuch nach dem Krieg präsentierte der französische Maschinenbauingenieur Louis Réard den knappsten Zweiteiler seiner Zeit. Kein Mannequin wollte die gerade einmal 190 Quadratzentimeter Stoff präsentieren. Unbefangen und ohne Scham lächelt Micheline Bernadini (Striptease-Tänzerin im Casino de Paris), am 5. Juli 1946 in der Pariser Badeanstalt Piscine Molitor in die Kamera. Strahlend reckt sie den kleinen Würfel in die Höhe, in den das Kleidungsstück hineinpasst:

https://www.derwesten.de/panorama/70-jahre-bikini-zweiteiler-mit-skandal-vergangenheit-id11978794.html

Beispiel aus neuerer Zeit

Pixbay tuanvuminh85

Und sehr viele sprechen in diesen Juli-Tagen von dem winzigen Bikini Atoll im Pazifischen Ozean auf dem die Atomwaffenversuche stattfanden. Louis Réard, der 52-Jährige hat einen Badeanzug entworfen, so winzig wie dieses Eiland und wird somit Namensgeber für seine Kreation. Fast könnte man sagen, die Atomwaffenversuche haben die Bademode „scharf“ gemacht.

Louis Réard will den Menschen die Freude am Leben zurückgeben. Und etwas erschaffen, das die Menschen verstehen lassen sollte, dass man neu anfangen und das Leben genießen kann. Der Bikini brachte in explosiver und skandalträchtiger Weise die während der Kriegsjahre unterdrückte Lust nach Leben, Freizügigkeit, verspielter sexueller Energie und Abenteuer zum Ausdruck. So war der Bikini von Anfang an viel mehr als ein provozierendes Kleidungsstück, gegen das Moralapostel und selbsternannte Sittenwächter anfangs Sturm liefen.

Pixabay Claudio_Scott

Wer kennt diese legendäre Szene nicht, als Ursula Andres in James Bond jagt Dr. No im cremefarbenen Baumwollbikini den blauen Fluten der Südsee entsteigt…in Anspielung auf eine bewaffnete Aphrodite.

Nur ganz neu ist die Idee der knappen Zweiteiler eben nicht, wie die ca. 1700 Jahren alten Mosaiken der Villa Romana Casale belegen. Eine „explosive“ Erfindung in schon viel früherer Zeit? Oder für die damalige Zeit ganz “normal”?

Die Freude am Neubeginn, am erfüllten Leben gilt damals wie heute.

Der besondere Tipp

Ganz in der Nähe der Villa liegt die Tratoria La Ruota

Bild: Alwin Pelzer

http://www.trattorialaruota.it/?Benvenuti_nel_sito_della_Trattoria_La_Ruota%21

Wie wäre es mit:

Antipasto Sapori Locali, (Vorspeise mit lokalen Aromen)

Tagliatelle al ragù di Nero dei Nebrodi, ( Nudeln mit perfekter Nudelsosse vom schwarzen Schwein aus dem Nebrodi Nationalpark)

Agnello arrosto,   (gebratenes Lamm)
Piacentinu           (goldenfarbener Käse mit Safran)

dazu einen Etna rosso*?

*Feine Röstaromen gesellen sich zum Fleischgeschmack und geben dem Lamm eine würzigere Note. Dieses Zusammenspiel will man nicht mit dicken Tanninen übermalen, das will man schmecken. Leichtere Rotweine bekommen jetzt ihre Chance, die sich mit weniger Alkohol und etwas mehr Frucht in das Geschmackserlebnis Lamm einreihen.

Bild: Alwin Pelzer

Dekadentes Leben?

Mitnichten; keineswegs; auf keinen Fall; ganz und gar nicht

Ich möchte hier einen besonders nachdrücklichen Grad der Verneinung ausdrücken.

Das Leben sei ein Fest.

Unser Leben ist so schön, wir können dankbar dafür sein. Wir sehnen uns jetzt nach den Dingen, die wir jahrelang täglich hatten – vor Corona.

Inmitten der virologischen Düsternis sendet uns unsere die Vorstellungskraft eine tröstliche Botschaft, dass es ein erfülltes, ein lustvolles Leben nach der Pandemie gibt. Das Licht am Ende des Tunnels sieht aus wie Du und ich.

Das Leben ist ein Geschenk,
was für ein Geschenk,
was für ein Privileg!

Die Gedanken sind frei.

Pixabay adamkontor

 

Titelbild: Eingang zum “Fitnessstudio” – Bild: Alwin Pelzer