Sizilien: Ätna-Ausbruch – mitten im „Bombenhagel“

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Alwin Pelzer - Sizilien - ÄtnaLesedauer: 11 Minuten

Feuerspeiendes Ungeheuer?

Immer wieder liefert der Ätna spektakuläre Bilder. Lavafontänen erleuchten die Dunkelheit, ein glühender Strom aus flüssigem Gestein ergießt sich über die Flanken des Vulkans. Asche fällt tonnenweise vom Himmel. Bedeckt die Landschaft, die Pflanzen und die Menschen. Eine Schimäre? ( feuerspeiendes Ungeheuer aus der griechischen Mythologie, vorne Löwe, in seiner Körpermitte Ziege, hinten Drache). Weit gefehlt. Die Sizilianer verehren diesen Vulkan als „ihre Mutter“.

 

Eruzione Etna 13-01-2011 B

Cirimbillo, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

 

Doch hüten wir uns davor, den Ätna mit menschlichen Attributen als „gutmütig“ oder „bösartig“ zu bezeichnen. Der Ätna ist schlicht und einfach ein Vulkan mit ganz eigenen, spezifischen geologischen Bedingungen. Er ist der höchste und mächtigste Vulkan Europas in einer Region ganz besonderer tektonischer Formationen. Erlebe mit mir einen „Ausbruch live“ – fliegende, heiße “Bomben” inmitten dunkler feiner Asche. Und spüre diese Welt aus Urgewalt und Zerstörungskraft.

Etna eruption seen from the International Space Station

Ätna-Ausbruch, gesehen von der ISS International Space Station – NASA, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Basisinformationen (B) über Vulkane habe ich in meinem Essay über Vulkane zusammengefasst.

Sehnsuchtsorte Teil 4: Vulkane – schlummernde Katastrophen

In den Tiefen der Erde

Kennst Du diese typische Reisesituation: „Anreisetag“? Früh aus den Federn, letztes Packen, rechtzeitig zum Flieger, nervendes Warten, unbequemes Sitzen, unzählige Unsicherheiten (Lautsprecherdurchsagen, Mietwagenübernahme…) Fahrt mit einem fremdem Auto im Berufsverkehr einer fremden Stadt, suchen nach der Unterkunft, ständiges Orientieren? Einfach anstrengend.

Mittlerweile ist ein langer und zermürbender Tag vorüber, mit der gelassenen Vorfreude auf die nächsten Tage legst Du Dich aufs neue Bett. Und mit einsetzender Ruhe spürst Du es: Ein tiefes Grollen, in der Erde, tief unter Dir. Wrummm.

Bild: Alwin Pelzer

Greenhorn

Du stehst senkrecht im Bett, die Haare ebenso senkrecht nach oben. Eine Gefühlslage aus Unsicherheit, Unwissenheit und Angst übernimmt Dein Denken, ja Deinen Herzschlag. Fliehen? Raus ins Freie? Besser im Schutz der Ferienwohnung bleiben? Unter den Tisch in Erdbebenschutzhaltung? Wrummm.

So beginnt meine erste Begegnung mit einem aktiven Vulkan. Der Ätna, an dessen Fuße wir unsere Unterkunft (der besondere Tipp) gefunden haben, ist nur wenige Kilometer weg. Beängstigend nah. Ein Vulkanausbruch? Es sind keine markerschütternden Schreie, kein fauchen. Es ist dunkles, tiefes, schweres Donnergrollen. Ähnlich dem Donnergrollen eines schweren Sommergewitters, nur tief unter Dir. Unheimlich. Bebt gar die Erde? Ein sonorer Tremor. Wrummm.

Bild: Alwin Pelzer

Raus aus dem Bett. Tastend. Zuerst den Blick vorsichtig nach draußen, dann den Körper hinterher. Ein forschender Blick hoch zum mondbeschienen Vulkan in Erwartung eines pompeijanischen Ausbruchs, fliegenden Gesteinsbrocken, glühender Lava, pyroklastischer Ströme. Wrummm.

Und es ist – NICHTS. Keine Sirenen von Rettungswagen, aus den anderen Wohnungen dringen Gesprächslaute, Lachen – der Vulkan dampft firiedlich vor sich hin. Mein Puls beruhigt sich. Dieses tiefe Grollen wird mich die ganzen Tage begleiten, noch mehr in den Nächten in denen ich still draußen sitze mit Blick auf den Montigbello (Name der Einheimischen). Erinnerungen an apokalyptische Filme wie Pompeji, 2012, San Andreas, The Day after tomorrow ziehen an mir vorüber.

“Harmloses Leuchten?” in der Nacht – Bild: Alwin Pelzer

Gase und Lava im Aufzug

Selbst in diesem Moment, zu Hause auf der schwäbischen Alb, spüre ich in Gedanken die Vibrationen, kann das tiefe Grollen in Laute formen und erinnere mich an gewaltige Kräfte, gewaltige Natur. Kann die unheimliche Energie erahnen, die zwischen Natur und Mensch wirken. Ein unermessliches Maß an Zerstörungskraft.

Natürlich habe ich von den „Triebwerksgeräuschen“ eines Vulkans gelesen. Immer wenn Vulkane Gas- und Asche ausstoßen wird dies von einem tiefen Dröhnen begleitet. Nur die Schallfrequenz liegt unter 20 Hertz und ist damit eigentlich unterhalb der menschlichen Hörgrenze (dennoch messbar laut Fachblatt Geophysical Research Letters).

Das Grollen aus der Tiefe rührt wohl vom „geophysikalischen Aufzug“: Gase, flüssiges Gestein aus der Subduktionszone befinden sich auf dem Weg nach oben, füllen Zwischenlager und Hohlräume, zum Teil riesige Magmakammern. Beim Ätna sollen es 3 Kammern unterschiedlicher Größe sein.

Ich höre es ganz deutlich und es dauert lange bis ich zur Ruhe komme. Wrummm.

“Haltestelle” – Der Lavastrom kam am Eingang des Ortes zum stehen – Bild: Alwin Pelzer

Ameisenmenschen

Mit Bedacht habe ich unsere Bleibe, hochtrabend -unseren Expeditionsstandort – ausgewählt. Ein Weingut im Raum Catania, direkt an der Straße zum Ätna in Zaferano, unweit der „Haltestelle“ des letzten größeren Lavastromes. Mit Blick auf die Süd-Ostflanke und direkt ins Tal der Ochsen: Valle del Bove. Wir wohnen mitten im Land der „Ameisenmenschen“ wie sie auf Sizilien genannt werden. Jedenfalls können diejenigen, die in seiner Nähe  (Ostprovinz Catania) wohnen, nicht von ihm lassen. Bedacht mit spöttischer Hochachtung, weil sie unverzagt nach jeder Katastrophe an Ort und Stelle weitermachen: freibaggern, räumen, Haus aufbauen, Schulden abstottern – und das seit Generationen.

Im Land der Ameisenmenschen – Bild: Alwin Pelzer

Vorbereitung

Wer meinen Bericht von der nächtlichen Besteigung des Teide auf Teneriffa gelesen hat weiß, dass ich mich sehr akribisch auf alle meine Touren (Berg, Vulkane…) vorbereite. Vorher schon umfangreiche Recherchen im Internet. Vor Ort dann erste Witterung aufnehmen. Das Gelände erkunden, heranfahren, an einem weiteren Tag den Ätna umrunden. Mit dem Fernglas mögliche Routen erkunden. Vorfreude gehört einfach dazu. Erst wenn mir der Vulkan vertraut ist, wage ich seine Besteigung.

Im Bombenhagel

SP92 Anfahrt zum Ätna – Bild: Alwin Pelzer

Aufstieg

Früh, noch in der Morgendämmerung, breche ich auf. Nach wenigen km, aber vielen Serpentinen, über die SP92 steht mein Leihfahrzeug auf dem großen Parkplatz beim Rifugio Sapienza. Außer meinem mit Asche bedeckten Smart ist noch kein weiteres Fahrzeug zu sehen. Es bläst ein kalter, stark böiger Wind.

Kalkuliertes Risiko Teil 1

In der kleinen Hütte für die staatlichen Vulkanführer am Rande des Parkplatzes treffe ich auf einen überaus freundlichen und hilfsbereiten Ätnaführer, der mich mit den wichtigsten Informationen für den heutigen Tag ausstattet.

Excursionszentrum – Bild: Alwin Pelzer

Ohne die sachkundige Einschätzung eines ortsansässigen Führers gehe ich nicht auf einen ständig aktiven Vulkan. Die Funivia dell’Etna (Seilbahn Talstation 1.923 hm Bergstation La Montagnola 2.504 hm) wird aufgrund der starken Windböen heute ihren Betrieb nicht aufnehmen. Die besonderen, allradgetriebenen „Unimog-Busse“ werden in ca. 1 Std mit der ersten Fahrt beginnen. Aufgrund der starken vulkanischen Aktivitäten darf niemand höher als bis zum Torre Del Filosofo. „Ranger“ sind oben und beobachten die Situation. Dies sei schon seit mehreren Tagen so und das Ende dieser Ausbruchsphase ist nicht abzusehen. Meine nächtlichen Eindrücke haben mich nicht getäuscht. Auf dieser Internetseite findest Du die freundlichen und sehr kompetenten Ätnaführer:

https://www.etnaguide.eu/de/wer-wir-sind/

Mit einem Blick auf meine Ausrüstung ermutigt mich der freundliche Mann, den Vulkan zu Fuß in Angriff zu nehmen. Ca. 1.400 hm liegen vor mir. Mit jedem Höhenmeter wird es merklich kälter, der böige Wind drückt seinen kalten Atem durch meine Kleidung. Nach dem „Zwiebelschalen-Prinzip“ kommt ein Kleidungsstück nach dem anderen zum Einsatz.

“Zwiebelschalenprinzip” – Bild: Alwin Pelzer

Ich trage dieselbe Ausrüstung wie zur Besteigung des Teide auf Teneriffa.

Beginn des Aufstiegs – Bild: Alwin Pelzer

Unimog-Bus – Bild: Alwin Pelzer

Bild: Alwin Pelzer

Wissenschaftler auf dem Weg

In der Bar Funivia dell’Etna auf 2.500 hm gönne ich mir eine kleine Ruhepause. Ich bin der einzige Besucher in dieser Bar/Gaststätte an der Bergstation heute Morgen. Wer meine Vorliebe für Süßes kennt: ein feuriger Ätna in Miniaturform muss es heute schon sein. Es tut dem Körper gut, für einige Zeit aus den kalten Windböen zu kommen und die Kohlehydratspeicher wieder aufzufüllen. Zuckersüßes Leben – geheime Verführer.

Heißer (scharfer) Ätna – Bild: Alwin Pelzer

Glück gehört auch dazu. Ich darf mich einer Gruppe von Wissenschaftlern und Mitarbeitern des INGV Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia anschließen die gerade an der Hütte vorbei kommen und trotte der Gruppe einfach hinterher. Das Institut betreibt eine wirklich gute Internetseite und ist für eine Deine Vorbereitung unerlässlich. https://www.ingv.it/

Wissenschaftler auf dem Weg – Bild: Alwin Pelzer

wegloses Gelände – Bild: Alwin Pelzer

Mitten im Ausbruch

Es geht durch wegloses Gelände, die Ausbrüche der letzten Tage haben alle Wege mit Auswurfsmaterial überdeckt. Urplötzlich und fast geräuschlos: An der Flanke des Nordost Kraters bricht sich eine dunkle Aschefontäne ihren Weg. Paroxysmen. Schnell schwillt die dunkle Wolke an. Es bleibt gerade noch Zeit für erste Bilder des Ausbruchs. Dann packe ich meine Kamera dem Beispiel der Wissenschaftler folgend, in meinen Rucksack. (Immer im Gepäck dabei: große, verschießbare Plastiktüten).

Paroxysmen 1 – Bild: Alwin Pelzer

Paroxysmen 2: Asche und Lapili – Bild: Alwin Pelzer

 

Paroxysmen 3: Schnell ausbreitend – Bild: Alwin Pelzer

Bald schon sind wir eingehüllt in eine Wolke aus dunkler Asche und kleineren Auswürfen des Vulkans. Angetrieben vom Wind finden die feinen Partikel ihren Weg in Augen, Nase, Ohren und Mund…es knirscht beträchtlich, wahres Gift für die Feinmechanik von Fotoobjektiven und die sensible Elektronik. Heiße Lapili “Bomben” (erbsen- bis nussgroße 2–64mm Pyroklasten) prasseln auf uns hernieder und brennen kleinere Löcher in meine Base Cap und meine Soft Shell. Zum Glück nicht bis auf die Haut und lassen sich leicht immer wieder abschütteln.

Wir suchen Schutz im Windschatten größerer Gesteinshaufen und sonderbarer Weise – ganz im Gegensatz zu meinen nächtlichen Erlebnissen – empfinde ich keinerlei Angst, jedoch große Ehrfurcht und Demut vor diesen gewaltigen Kräften. Hier bist Du ein absolut hilfsloses Nichts.

Gesteinshaufen früherer Bomben – Bild: Alwin Pelzer

Fasziniert und ergriffen kauere ich mich mitten in diesem Ausbruch im Bereich des Sattels zum Valle del Bove auf ca 2880 hm (nahe Belvedere) an die dort aufgehäuften Gesteinshaufen – angsteinflößende Bomben (B) aus früheren Ausbrüchen, dem Himmel sei Dank nicht heute.

Wenn sich die Asche legt, besser gesagt weggepustet von starken Winden, öffnet sich immer wieder ein Zeitfenster für einen Blick von der Abbruchkante ins Valle del bove. Für mich der Blick, zu diesem Zeitpunkt, unter diesen Bedingungen, der Blick in die Hölle.

Es ist eine surreale Situation. Gerade noch innerhalb der dunklen Aschewolke dann lichtdurchflutet und tiefes Himmelsblau außerhalb. Und genau in diesem Moment des Erschauerns, mitten in dieser unwirtlichsten, baum- und strauchlosesten Gesteinswüste ein unfassbares Lebenszeichen. Unbeholfen und langsam krabbelt eine benommene Hummel vor meinen Augen.

Bild: Alwin Pelzer

Was machst Du denn hier? Wie um alles in der Welt kommst Du hier her?
Es wird mir niemand glauben. Vom Himmel gefallen? Ein Zeichen des Himmels?

Ich muss es festhalten. Riskiere kurz die Kamera auszupacken. Gleich auch noch Bilder vom Valle del Bove. Die Wissenschaftler drängen zum Rückzug, sie haben kaum Messdaten sammeln können. Vorsicht ist die…

Blick von der Abbruchkante ins Valle del Bove – Bild: Alwin Pelzer

Krater – Monte Simone im Valle del Bove – Bild: Alwin Pelzer

Krater – Monte Centenari – Bild: Alwin Pelzer

 

Kalkuliertes Risiko Teil 2

Erst an der Bergstation der Seilbahn stelle ich mir die Frage, ob ich wohl zu viel Risiko eingegangen bin. Gute Vorbereitung in Ausrüstung und Wissen sind unerlässlich. Nur – wie groß ist das nicht kalkulierbare Restrisiko? Für den Rest des Tages wird der Ätna für alle Besucher gesperrt. Das Restaurant und die Bergstation werden dicht gemacht.

Oft sind Erdbeben Vorläufer für Vulkanausbrüche. In Pompeji hatten mehrere Erdbeben den Pfropfen im Vesuv gelockert bevor es zur spektakulären und todbringenden Explosion führte. Für mich sind die nächtlichen „Aufzugsgeräusche“ eindeutige Vorboten für die Ausbrüche. Du spürst es mit allen Fasern Deines Körpers: aus den Tiefen der Erde dringt eine unglaubliche Naturgewalt nach oben. Sucht den Weg über Schlote, drückt sich in Ritzen und Öffnungen.

Bomben früherer Ausbrüche – Bild: Alwin Pelzer

Bei jedem Vulkan ist der geologische Aufbau, sind die Rahmendbedingungen anders (B). Der Ätna weist dabei besonders viele Besonderheiten aus.

Zusammensetzung des Magmas

Seine Flanken tragen hunderte Nebenkrater (Schlackenkegel), die bei seitlichen Ausbrüchen entstanden sind. Typisch sind die Eruptionen in längs aufreisenden Spalten. Äußere Anzeichen für mehr „Durchlässigkeit“ oder „Löchrigkeit“ des Ätnas? Wohl nur zum Teil. Das Magma kommt aus einer großen Tiefe des Erdkerns mit einem geringen Kieselsäureanteil und hat einen geringen Gasanteil. Das Magma des Ätna ist heißer und dünnflüssiger als bei anderen Vulkanen. Die „Flankenventile“ sorgen dafür, dass sich der Vulkan ständig „entlüftet“ und ein hoher Druckaufbau für eine gewaltige, Pfropfen lösende Explosion nicht stattfindet. Theoretisch.

Der Riese wandelt sich

Die Meldungen der letzten Jahre scheinen einen Trend zu bestätigen: Der Ätna verändert seinen chemischen Charakter, wird explosiver. Die Zusammensetzung der Lava des Ätna ähnelt Alkalibasalt und Trachybasalt. Basisch und eigentlich nicht sehr explosiv. Innerhalb geologisch kurzer Zeit sind Veränderungen in der Zusammensetzung von Spurenelementen wie Barium, Rubidium, Niob oder Titan messbar. Ausbrüche in der jüngeren Zeit sind auch eindeutig auf Gasansammlungen im Schlot des Vulkans zurück zu führen. Forscher messen die Zusammensetzung vulkanischer Gase am Ätna mittels Infrarot-Spektroskopie. Die dabei aus der Wärmestrahlung der Lava gewonnenen Absorptionsspektren zeigen gerade in den Fontänen starke Abweichung in der Verteilung einzelner Elemente.

Champagnersteine

In meiner Hand halte ich einen dieser Lapili genannten Gesteinsauswürfe. Du wärest überrascht, wie leicht dieser Gesteinsbrocken ist. (Zum Glück für uns, auf die diese Teilchen herunter prasselten).

Federleicht “Champagnerstein” – Bild: Alwin Pelzer

Am besten vorstellbar wohl mit dem nicht fachmännischen Begriff: „aufgeschäumtes Gestein“. Federleichtes, fragiles Gestein, feinste Strukturen die bei leichter Berührung „zerbröckeln“. Hierbei leitet mich der optische Vergleich: „Champagner geperlt“ zu meiner eigenen Wortschöpfung: „Champagnersteine“. Wie passt diese Beobachtung bloß zu den Aussagen, die Lava des Ätnas sei Gas arm?

Gesteinssammlung

Auf meinem raschen Rückzug sammle ich noch wahllos einige Gesteinsbrocken und stecke sie einfach in die Hostentasche. Manche sind kalt, andere noch richtig warm, fast heiß. Zunächst habe ich keine Erklärung für die total unterschiedlichen (Gewicht, Farbe, Struktur) Brocken.

Gesteinssammlung – Bild: Alwin Pelzer

Erst in Erinnerungen an den Schichtaufbau des Ätnas leuchten die Erkenntnisse auf: Der Ätna „ruht“ bis zu einer Höhe von 1150 bis 1300 hm über dem Meeresspiegel auf Sedimentgestein. Ablagerungsgestein nichtvulkanischen Ursprungs. Erst darüber haben die Ausbrüche, die Lavaströme den Vulkan aufgeschichtet und geformt. Die Schlote durchstoßen vom Inneren der Erde natürlich auch die Schicht aus Sedimentgesteinen und Ausbrüche schleudern Teilchen, Brocken davon an die Oberfläche.

Eine Schimäre?

Mein Rückzug wird jäh unterbrochen. Was ist das? Eine Schimäre in Miniaturform? Fasziniert von den weißen Kristallen im schwarzen Ungetüm kämpft in mir die Vorsicht mit der Neugier. Kann ich es anfassen? Stücke davon mitnehmen und zu meiner Sammlung von Bergkristallen hinzufügen?

Unfassbar, die weißen Kristalle in meiner Hand sind kalt und lösen sich auf – es ist Schnee. Bedeckt und eingehüllt von diesem Ausbruch. Feuer und Eis.

Überdeckter Schnee, deutlich erkennbar die geschmolzene Feuchtigkeit im dunkleren Rand – Bild: Alwin Pelzer

Eine gefährliche Region

Die Höhe des Ätnas schwankt, ca. 3.330 hm, die 4 Hauptkrater an der Spitze unterliegen einem ständigen Veränderungsprozess. Der eigentliche Entstehungsprozess des Ätna begann vor ca. 500.000 Jahren, der Aufbau des heutigen Stratovulkans wohl erst vor 100.000 Jahren. Das vulkanische Gestein ruht auf einem Sockel aus Ablagerungs-Sedimentgestein. Seit 2013 Weltnaturerbe.

letzte Aschewölkchen, als würde er mir zum Abschied zuwinken – Bild: Alwin Pelzer

Wer den Ätna verstehen will, wer die Menschen in seinem Bannkreis verstehen will, muss sich mit der Gesamtsituation auseinandersetzen. Die Erde unter SüdiItalien ist wie ein kompliziertes dreidimensionales Puzzle. Der Untergrund Siziliens ist alles andere als stabil und liegt an den besonderen tektonischen Strukturen, Plattengrenzen (B) zwischen Afrika und Europa treffen hier aufeinander. Ein Teil der Afrikanischen Platte schiebt sich unter den europäischen Kontinent und wird im Erdmantel aufgeschmolzen (Subduktionszonen). Entlang der Nordküste Siziliens verläuft die Comiso-Messina-Störung, an der einst die Straße von Messina absackte und auf diese Weise Sizilien vom Festland trennte. Störungszonen, Grabenstrukturen, lokale Verwerfungen, Bodenabsenkungen begünstigen den Aufstieg von Magmen, Erdbeben erschüttern die Region. Komplexe Zusammenhänge, die Menschen auf Sizilien leben mit der ständigen Bedrohung durch Naturkatastrophen.

http://www.vulkane.net/blogmobil/aetna-neue-gefahrenkarten/

Unterschätztes Risiko?

Der Ätna rutscht langsam (2 bis 4 cm pro Jahr) ins Mittelmeer. Besser gesagt, bricht unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Also nicht der Druck von Magma, seine Schwerkraft ist die Ursache für die Rutschungen, die Geologen seit Jahrzehnten beobachten. Neue Messungen zeigen, dass sich der Hang auch unter Wasser weiterbewegt (veröffentlicht von Forschern vom Kieler Geomar Zentrum für Ozeanforschung im Fachjournal Science Advances). Es ist durchaus möglich, dass der Südosthang plötzlich abrutscht, und einen Tsunami im gesamten Mittelmeer auslösen könnte. Nur wann? Eine Vorhersage ist seriös nicht möglich.

Früherer Einbruch – Bild: Alwin Pelzer

Dass es gigantische Hangrutschungen früher schon gab, kann selbst der Laiengeologe am bereits mehrfach erwähnten Ochsental dem Vale del Bove erkennen. Das Hochtal ist eine komplexe vulkanische Caldera vermutlich das Resultat mehrerer großer Zusammenstürze und explosiver Ausbrüche und eben auch von Hangrutschungen. Besonders eindrucksvoll zu erkennen an einem DLR 3 DModell:

https://www.dlr.de/media/desktopdefault.aspx/tabid-4986/8423_page-6//8423_read-17348

Asche – überall Asche

Oft kannst Du lesen: “Der Ätna nimmt Leben und spendet Leben”. Noch effekthaschendere Formulierung: „Der Tanz auf dem Vulkan“. Legendär ist die Fruchtbarkeit, der mineralische Dünger für die Ätnaregion. Der Ätnawein erlebt gerade eine Renaissance.

Leider zu wenig beachtet: zunächst sind aber von „meinem“ Ausbruch viele tausende Zitronenbäume, Weinreben, Gemüse bedeckt und beschädigt. Zwar nur „kleine“ Schadstellen und dennoch mit erheblichen Auswirkungen auf die besonders hochwertigen Produkte.

Überall beginnen die Menschen, die Asche und die Lapili weg zu fegen, weg zu spülen…

Zur Seite gefahrener “Niederschlag” – Bild: Alwin Pelzer

Asche und Lapili auf der Terasse – Bild: Alwin Pelzer

bedecktes Vordach – Weingut – Bild: Alwin Pelzer

Auf den Treppen zur Kirche wird bereits sauber gemacht – Bild: Alwin Pelzer

Be careful

Vulkane, besonders der Ätna sind unberechenbare Gesellen. Vertraue auf den Rat der Fachleute vor Ort. Die meisten Toten am Ätna sind durch Verlaufen im Nebel, Erfrierungen und Abstürze zu beklagen.

Der Chef

Menschen die im Schatten eines Vulkanes leben, benötigen eine gehörige Portion aus Gelassenheit und Fatalismus. Unser „Weinbauer“ sagt zu mir:

„ wir wissen, wer hier der Chef ist“.

Bild: Alwin Pelzer

Leben im „Schatten“ / Angesicht eines Vulkans ruft in mir unweigerlich intensive Gedanken hervor:

Manche Menschen leben nach dem, was sie erwarten.

Andere Menschen leben nach dem was sie befürchten.

Und wieder andere leben nach dem was sie erhoffen.

Die meisten Menschen jedoch werden permanent dazwischen zerrissen.

Als könnte er kein Wässerchen trüben – Bild: Alwin Pelzer

Reisetipp

Besuche die Lavahöhlen an der Nordseite des Ätna. Es gibt mehr als 40 davon. Die dünnflüssige Lava des Ätna erstarrt außen schneller, während im Innern die Lava weiter/abfließt.

https://www.go-etna.de/die-lavahoehlen-des-aetna/

Der besondere Tipp

Unser „Basislager“ für den Ätna: das Tenuta (Weingut) San Michele in Santa Venerina (Catania)

http://tenutasanmichele.it/la-tenuta-san-michele/

Info und buchen beim Tenuta San Michele via booking.com*

 

Weingut Tenuta San Michele – Bild: Alwin Pelzer

500 m über dem Meeresspiegel gelegen, an den östlichen Hängen des Ätna, in Zafferana, direkt  an einer der wichtigsten Zufahrtsstraßen zum Ätna. 3 ältere Gebäude wurden renoviert und umgebaut für ein richtig gutes Restaurant, eine Weinbar und Ferienwohnungen.

Bild: Alwin Pelzer

Bild: Alwin Pelzer

Mitten in den Weinbergen entstand eine neue Anlage mit Ferienwohnungen und einem wunderschönen Pool. Herz was willst Du mehr, dolce vita nach den in vielerlei Hinsicht anstrengenden Exkursionen.

Unsere bereits gesäuberte Terrasse – Bild: Alwin Pelzer

 

Bild: Alwin Pelzer

 

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