Sehnsuchtsorte Teil 2: Berge – der Weg entsteht im Gehen

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Nein, heute kein Klettersteig! – Bild Alwin Pelzer

Gewaltige Natur

Seit ich denken kann, nehmen „Berge“ einen ganz besonderen Platz in meinen Vorstellungen und Sehnsüchten ein. Mit der Taschenlampe unter der Bettdecke erscheint das nächtliche Biwak des Heinrich Harrer in der Eigernordwand (eines meiner ersten Bücher: „Die weiße Spinne*“) gleich viel lebendiger. Ausgesetzt den Kräften, der Energie der Natur. Der eisige Sturm rüttelt am Bettgestell… (tatsächlich war es nur der Vater mit der Ermahnung jetzt endlich zu schlafen).

Eiger Nordwand 3967 m, oben in der Gipfelpyramide die berühmte „Weiße Spinne“ – Bild: Alwin Pelzer

Es ist wahr, in den Bergen fühlt man sich klein und groß zugleich. Ohnmächtig ob der unbezwingbaren Kraft, die den Phänomenen des Natürlichen inne wohnen. Denn all das Reden, all das Schreiben, all das Denken über die Berge ist nicht dasselbe, wie sich in ihrem Schatten hin zum Gipfel, dem Licht zu nähern.

Durch das Rienzer Tal zum Weltnaturerbe: Drei Zinnen – Bild: Alwin Pelzer

Berge sind niemals Alltag. Näher an den Dingen zu sein, die im Tal oft untergehen. Etwas, was man nur schwer in Worte fassen kann. Denn irgendwo stößt auch die Sprache an ihre Grenzen. Mit den herkömmlichen inflationären Superlativen kann man diesen Erlebnissen ohnehin nicht gerecht werden.

Hochvogel 2592 m – Bild: Alwin Pelzer

Warum mühen wir uns so, was treibt uns nach oben, was ist dort oben besonderes, mehr als großartiges Panorama? Ist es das Gefühl, auf den Schultern von Riesen zu stehen? Das kurze Moment des Gipfelglücks? Irgendetwas muss da oben sein, das mich lockt, das mehr ist als Stein, Fels und Eis. Grenzen erreichen – überwinden, Leben riskieren – Leben aufs Spiel setzen? Es ist ein lebensfeindlicher Raum, nachts sind es unheimliche Riesen.

Bild: Alwin Pelzer

Wohl dem, der am Abend die sichere Hütte erreicht, sie verzeihen keinen Fehler.

Sentiero degli dei, Amalfi – Bild:Alwin Pelzer

Mönchsjochhütte, 3650 m, mitten im UNESCO Natur Welterbe Jungfrau Aletsch, – Bild: Alwin Pelzer

Lebenserhaltendes Vertrauen

Wichtig ist nur, dass wir uns nicht von Trends und Modeerscheinungen vereinnahmen lassen, sondern aus innerem, eigenem Antrieb, und in Eigenverantwortung handeln. Gleich mehrfach werden höchste Ansprüche an unsere Fähigkeit „Vertrauen“ gestellt. Vertrauen in die spezielle Ausrüstung, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Mut, Kraft, Muskeln, Ausdauer und richtig guten Partnern, denen man sein Leben anvertraut.

Bild: Alwin Pelzer

Gemeinschaft zählt in den Bergen – ein Fehler kann den Tod bedeuten, das Leben hängt im wahrsten Sinn des Wortes an einem dünnen Seil, wir geben unser Leben in die Hand unserer Freunde. Heil wieder herunter zu kommen, sich wieder zu erden, zur eigenen Balance zurück zu finden. In dankbarer Erinnerung an diejenigen, die dieses Geschenk für mich haben Realität werden lassen.

Bild: Alwin Pelzer

Wohl dem, der hier Respekt und Demut lernt.

 „ich soll einen Berg bezwungen haben? in Wirklichkeit sind wir da oben doch nur kleine Fleucher und Kreucher“
Reinhold Messmer

Der Berg ist in uns. Gebirge sind nicht nur Fels, sie sind auch das, was der Mensch in sie hineindenkt. Galt ihre Schroffheit einst als Tummelplatz der Dämonen, sind die weißen Gipfel heute die Projektionsflächen für Ideale der Schönheit und Sehnsuchtsorte unserer Träume.

Wir sehen nicht die realen Berge, sondern unser Bild von ihnen. Unsere Reaktionen auf Landschaften sind zum größten Teil kulturell bedingt.

Braunschweiger Hütte 2759 m, rechts in der Mitte – Bild: Alwin Pelzer

Wenn wir eine Naturszene betrachten sehen wir nicht nur, was da ist, sondern das was wir sehen möchten. Wir schreiben ihr auch Eigenschaften zu, die diese nicht von selbst besitzt. Mit anderen Worten, wir lesen Landschaften, wir interpretieren ihre Formen nach Maßgabe eigener Erfahrung und Erinnerung und im Licht unseres gemeinsamen kulturellen Verständnisses.

“Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe“
Seneca

 

Indien, bei Lamayuru, National Highway 1D, 3.600m – Bild: Alwin Pelzer

Und die Berge haben sich oft als widerspenstiger, als verhängnisvoll realer erwiesen als die Berge der Seele. Die Berge, über die man liest, die man auf Bildern betrachtet, von denen man träumt, sind nicht dieselben, die man besteigt.

Dremelscharte – Bild: Alwin Pelzer

Berge sind steil, scharfkantig und so konkret und so leibhaftig, dass sich einem der Magen umdreht, der Blutdruck hochschnellt. Sie sind Übelkeit und Erschöpfung und unaussprechliche Schönheit.

Berge können eisig, kalt, gefährlich sein – Bild: Alwin Pelzer

Endlich ganz oben zu stehen, alle Hindernisse bewältigt zu haben, das verschafft eine Zufriedenheit, die wir im Alltag schwer finden. Nicht nur, weil wir an den Bergen die Grenze unserer Kraft und Psyche überwinden, das wahre Geschenk der Berge besteht darin, dass sie uns zum Kampf herausfordern. Berge geben uns etwas Sanftes und unendlich Mächtiges, sie machen uns bereit, Wunder zu akzeptieren.

Similaun – ca. 3000 m, Wanderer in der Nähe der Ötzi-Fundstelle – Bild: Alwin Pelzer

Auf den Bergen erleben wir eine Natur, die sich der Mensch noch nicht völlig untertan gemacht hat, die uns zum Staunen einlädt und uns die Seele öffnet. Berge ragen aus unserer Zivilisation heraus – vielleicht empfinden wir sie gerade deshalb so befreiend.

Zugspitze – Bild: Alwin Pelzer

Wohl dem der alle Hindernisse bewältigt.

Ein Bild ging um die Welt

Massenandrang am Mount Everest. Eine lange Menschenschlange windet sich am 22. Mai 2019 über den Everest-Gipfelgrat. Mehr als 300 Menschen erreichten an jenem Tag den Gipfel. Vorher mussten sie im Stau stehen. Mitten in der Todeszone. Am Everest-„Stautag“ grenzt es fast an ein Wunder, dass lediglich ein Bergsteiger nahe dem Südgipfel sein Leben lies. 11 Tote 2019 während des ganzen möglichen Zeitfensters den Berg überhaupt besteigen zu können, über 300 Tote in den letzten Jahren.

Bild: Alwin Pelzer

Hier erfahren wir die dunkle Seite. Der bekannte Bergsteiger Habeler fordert eine Art „Aufnahmeprüfung“, also Mindestanforderungen für Everest-Besteiger. Standards für Expeditionsanbieter? Alles im Zielkonflikt mit Tourismuseinnahmen für Nepal. 11.000 Dollar nur das Permit, eine Besteigung – organisiert von Deutschland aus: ab 70.000 €, Die Regierung in Kathmandu vergab im Frühjahr 2019 die Rekordzahl von 381 Permits, Besteigungsgenehmigungen für den Everest, alleine für die nepalesische Südseite des Berges.

Bergsteigerethik und Sicherheit im Zielkonflikt mit Dumpingpreisen, Toten und Müll. Uralte Bergsteiger Tugenden, gegenseitiges Helfen, werden außer Kraft gesetzt. Tote Bergsteiger bleiben einfach liegen und säumen den Weg als Orientierungspunkte. Koste es, was es wolle, ein „Gipfel-Fieber-Zwang“ auch wenn das physisches Leistungslimit schon lange überschritten ist. Makaber: das Rainbow Valley, an der Nordostroute zum Gipfel, erhielt seinen Namen von den farbigen Jacken und Ausrüstungsgegenständen der Toten die dort liegen.

 

Der Weg – Bild: Alwin Pelzer

Der Weg entsteht im Gehen

Lassen wir uns jedoch beiseite nehmen und wenden uns dem eigentlichen Sinn zu. Es entscheidet nicht der Ort. Nicht der Mount Everest, 14 Achttausender, nicht das Matterhorn oder die Seven Summits, Seven Second Summits…

Wir treten aus dem Alltag heraus. Wir brechen auf, nehmen den Weg unter die Füße. Wir lassen uns auf einen Perspektivenwechsel und auf Einfachheit ein.

Fidere Passhütte – Matratzenlager – Bild: Alwin Pelzer

Building my tomorrow

Es ist gar nicht so einfach, dieses „raus aus dem Alltag und rein in die Natur“. Meine Gedanken gehorchen nicht, ich kann es ihnen nicht befehlen. Im Alltag ist immer alles vorgeplant, vorbereitet, voraus gedacht. Im Eiltempo sind wir in Gedanken immer einen Schritt schneller. Ich spüre instinktiv: das braucht Zeit. Stunden des Gehens, ich werde schweigsamer. Mit jedem Schritt gehe ich ein kleines Stück weiter in mich. Die Kleinigkeiten des Alltags weichen großen, existenziellen Fragen. Ich verliere mich in Gedanken an den Sinn des Lebens, an Fixpunkte der Zukunft. Building my tomorrow. Immer mehr nimmt mich aber auch die mich umgebende Natur in ihren Bann.

Farbiger Bergwald – Bild: Alwin Pelzer

Die Kühle des Bergwaldes, der glitzernde Bach, die intensiven Farben der Bergblumen, der Geruch nach feuchter Erde. Steiler geht es nach oben, die schmalen Pfade werden beschwerlicher, kosten mehr Konzentration, erfordern Ausdauer und körperliches Überwinden. Der Blick in die Tiefe. Und manchmal ist er da, der Drang sich in die Tiefe zu stürzen. Ein verbreitetes Phänomen, vollkommen ungefährlich. Wer den Drang fühlt zu springen, tut es nicht.

Eiger Nordwand: Blick in die Tiefe – Bild: Alwin Pelzer

Niemand kann hier etwas von Dir wollen, niemand erwartet etwas von Dir. Ich höre den Rhythmus meiner Schritte, finde mein Tempo, spüre die Natur in mir und komme zur Ruhe. Und in den Mittelpunkt rückt das, worauf es jetzt ankommt. Die Spiritualität des Unterwegsseins erleben.

Du bist das Ziel. Der Weg auf dem Du bist, ist der Weg zu Dir.

Und auf einmal genieße ich nur den Moment.

Die Monotonie der Bewegung macht mich frei.

Ich tue nichts.

Nichts.

Nicht einmal mehr denken und endlich hat auch mein Kopf seine Freiheit.
Der Weg zu Dir entsteht im Gehen. Bei sich sein.

Wohl dem, der seinen Weg findet.

 

Über den Wolken – Bild: Alwin Pelzer

Die Seele berührt

Mit zunehmendem Alter entwickeln sich meine Sehnsuchtsberge als Droge, als Mittel zum aufsaugen der Natur, zur Entspannung und Loslösung von all den Problemlagen unserer Zeit. Die Sehnsucht nach Freiheit der Gedanken, die Sehnsucht nur im augenblicklichen Moment zu stehen. Kein kritischer Blick zurück, keine sorgenvollen Gedanken in die Zukunft.

In diesen Tagen erleben wir alle Höhen und Tiefen, überwinden unseren inneren Schweinehund, verzichten auf die Errungenschaften unserer technischen Welt und sind über uns hinaus gewachsen. Wohl dem, dem die Stille der Berge die Seele berührt.

Wahre Größe besitzt, wer nichts mehr beweisen muss.

„Wohlfühlen“ – mehrfach preisgekröntes Bild: Alwin Pelzer

 

Ausblick – Fernblick

Nach und nach werden auf dieser Grundlage die Berichte entstehen:

E 5 – die klassische Alpenüberquerung, Grenzerfahrung im Himmelsbett

Via Spluga – Alpenüberquerung mit Via Mala, Rofflaschlucht, Splügenpass und Cardinelloschlucht.

Eigertrail – der Weg soll niemals enden

Zum Schrecksee – ein rituelles Bad im eiskalten Gebirgssee

Schrecksee – Bild: Alwin Pelzer

Auch den Menschen der Berge möchte ich einen eigenen Beitrag widmen

Besondere Menschen – Bild: Alwin Pelzer

 

Hier findest Du den ersten Teil:

Sehnsuchtsorte – Teil 1: Oasen für die Seele

Sehnsuchtsorte – Teil 1: Oasen für die Seele

Literatur

Die Weiße Spinne*. Das große Buch vom Eiger – von Heinrich Harrer 

 
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