Sehnsuchtsorte – Teil 1: Oasen für die Seele

Tutanchamun im (alten) Ägyptischen Museum in Kairo, Bild copyright Alwin Pelzer

Die „Zwei Wohnsitze“

Als unseren  Erstwohnsitz können wir das wirkliche Leben festhalten. Da ist jeder das, was er ist: Der Arbeiter arbeitet, der Lehrer lehrt, der Student studiert, der Schreiner schreinert. Der Erstwohnsitz ist das Reich des Notwendigen.

Entscheidend aber für unser Wohlergehen ist unser Zweitwohnsitz. Dies ist ein Sehnsuchtsort, gebaut aus Neugier, Begeisterung, Bewegung, Lebendigkeit…“I have a Dream“.

Taj Mahal – Monument einer unsterblichen Liebe

Eiger Nordwand, Mönch und Jungfrau, Tre Cime di Lavaredo, Vesuv, Ätna, Stromboli, Teide, Florenz, Cinque Terre, Amafli, Mont-Staint- Michel, Ladakh, Lamayuru, Leh, Tikze, Hemis, Marrakesch, Timbuktu, Mogador, Abu Simbel, Tal der Könige, Deir el Bahari, Al Qahira, Rotes Meer, Sinai Katharinen Kloster, Istanbul, Petra, Machu Picchu, Isfahan, Kandy, Amritsar, Taj Mahal…

Ihre klangvollen Namen wecken Sehnsüchte, Orte die einen Hauch von Geheimnis und Magie, Großartigkeit und Außergewöhnlichkeit, in sich tragen.

Goldener Tempel der Sikh in Amritsar

Ursachenforschung

Wie kommt es, dass manche Namen uns so faszinieren und wir uns nach sagenumwobenen Orten sehnen?
Sind es die Geschichten und Fantasien die sich hinter diesen Namen verbergen?
Wer hat nicht mit Heinrich Harrer in der „Weißen Spinne“ gefroren und die staubige Luft im Grab von Tutanchamun mit Howard Carter geatmet, geträumt von Dächern aus Gold in Timbuktu und die Abenteuer spanischer Eroberer mit Inkas, Azteken und Mayas nacherlebt?

Eiger Nordwand – die Weiße Spinne oben in der Gipfelpyramide

Ist es die Stimme der Sehnsucht, die uns Neugier, Lust und Mut einhaucht, ehe sie uns antreibt, auf Reisen zu gehen, um in der Fremde Erfahrungen zu machen, die man in der gewohnten Umgebung nie machen würde?

Sehnsucht ist für uns keine Krankheit (Gebrüder Grimm), sondern ein Ausdruck vernünftiger, kritischer, geistiger Lebendigkeit. Ein unaufhörliches Verlangen nach einem „Mehrwert“ im Leben, eine Überwindung alles Banalen, Flachen und Gewöhnlichem. Diese Überwindung gelingt nicht immer, ist dennoch als „Antriebskraft“ unverzichtbar.

Marrakesch – Der Platz der Gehängten

Unaufhörliche Selbstgespräche

Die mit großem Abstand am meisten „Gespräche“ führt man im Stillen mit sich selbst. Unaufhörlich!

Unser geistiges Leben ist von einer ständigen Auseinandersetzung mit sich selbst und der Reflektion von Gedanken, Gefühlen, Visionen geprägt. Alles, was wir meinen verstanden zu haben, enthüllt weitere Fragestellungen. Kein Mensch ist zu durchschauen, kein Mensch kann sich selbst durchschauen. Dieses Spannungsfeld von Unzufriedenheit, und da muss es doch noch etwas anderes geben und unerfüllten Wünschen ist der beste Ausdruck für Sehnsucht.

Sehnsucht gilt als geistiges und körperliches Unterwegssein, gilt als unaufhörliches Fragen nach dem Gründenden und Tragenden. So werden erreichte Ziele eher wie Stillstand wahrgenommen. Stillstand will die Sehnsucht nicht. Sehnsucht ist der Widerstand gegen das Erlahmen, der Wunsch nach Veränderung.

Ägypten Abu Simbel

Sehnsuchts-Orte

Sehnsuchtsorte begeistern durch ihre Schönheit, ihre tiefempfundene magische Ausstrahlung, Flair, ihre sagenumwobene, tausendjährige Geschichte, ihre ungelösten Geheimnisse. Untergegangene oder lebendige Weltgeschichte. Traditionelles und weiter entwickeltes kulturelles Erbe.

Sehnsuchtsorte lassen uns staunen über unvorstellbare Leistungen der Intelligenz, der Ingenieurskunst, der Brillanz von Künstlern auf allen Gebieten menschlicher Fähigkeiten.

Sehnsuchtsorte sind voller Magie. Eine ungebrochene Anziehungskraft für schlaflose Nächte und Tagträume mitten im Alltag. Sehnsuchtsorte sind die Sinnbilder und Symbole unserer Träume, die Projektionsflächen unserer Seele.

Am Ende der Welt: Nordkap

Jeder Sehnsuchtsort ist gleichzeitig eine Aufforderung, uns dem zu stellen, was in unserer Seele brennt. Am Ende unseres Lebens werden wir uns bestimmt nicht an die vielen Stunden auf dem Sofa erinnern.

Heimat

Das Nachdenken über unsere Sehnsüchte führt ganz von selbst, auch zum Eingeständnis, dass zum Reisen auch ein „zuhause Sein“ eine „Heimat“ gehört. Eine Erkenntnis, die sich bei vielen Reisenden oft erst nach vielen Jahren der Rastlosigkeit einstellt.

Fluchtorte

Sind wir den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt auf Dauer gewachsen? Leistung und Effizienz, Komplexität und jederzeitige Verfügbarkeit bestimmen unseren Alltag. Konsumzwänge und Ichbezogenheit – jeder möchte aus diesen Laufrädern – und sei es nur für Momente – ausbrechen, fliehen. Sind Sehnsuchtsorte Fluchtorte unserer „modernen“ Zeit?

Wenn wir dem Alltag entfliehen wollen, zieht es uns ans Meer, in die Berge. Schönheit und überwältigende Größe erkennen, um so unserer eigenen Intuition wieder Vertrauen schenken zu können. Und den viel beschworenen Einklang von Körper und Seele wieder herstellen zu können.

Die Lotusblume als Symbol für die Reinheit von Geist, Körper und Sprache

Ökologische Verpflichtung

Unmittelbar mit der Faszination für diese Orte ist aber auch deren Schutz verbunden. Hier ist nicht alleine der „Denkmalschutz“, der Erhaltungsschutz angesprochen, viel größere Bedeutung erlangt der Gedanke, Sehnsuchtsorte im Zusammenhang mit unserem ökologischen Fußabruck zu betrachten. Mit welchem Verkehrsmittel kommen wir dort hin, wo übernachten wir. (Ökotourismus, Flugreisen? Dreckschleuder Kreuzfahrtschiffe?, nachhaltig geführte Hotels?, Problematik der Mikroplastik…)

Nicht erfüllte Wünsche

Was aber, wenn sich die übergroßen Erwartungen nicht mit der Realität decken? Die verklärten Vorstellungen so gar nicht passen wollen?  (Nemrut Dagi – Trauerzug des Königs Antiochos).

Anatolien – Nemrut Dag

Auch sie gehören dazu: die Rückschläge, die Enttäuschungen, die Strapazen die man auf sich nimmt. Müllberge, Sanitäre Anlagen die jeder Beschreibung spotten, Lebensmittelerkrankungen, Diebstahl. Ein Ararat im militärischen Sperrbezirk, eine Nacht im Gefängnis in Diyarbakir.
„the curfew will be imposed again“  – die Ausgangssperre wird verlängert… auf Sri Lanka im Tamilengebiet.

Ladakh – Von Leh nach Srinagar

Sinnlos verbrachte Wartezeiten in stinkenden Löchern, tausende km in engen, überfüllten Bussen, als Anhalter in LKWs, auf brettharten Sitzen, mit Fahrern deren von Drogen geröteten Augen die Schilder für „Speed-Breaker“ nicht mehr erkennen.

High on Emotion

Es sind die unerwarteten, nicht planbaren High-Emotion-Situationen die ich in meinen Reiseberichten zum Ausdruck bringen möchte: eine Magic Show in Leh, Taxi Driver in Marrakesch, el ensueno – Klara Gomboc, Cordoba, die dunklen und die hellen Seiten von Mogador, physische – körperliche Grenzerfahrungen (Teide), das Schwimmen mit Delfinen, Geduld haben mit Luchsen

Shaab Sataya – Schwimmen mit Delfinen (Link zum Reisebericht)
Bild mit freundlicher Erlaubnis von Roxana R.F.V, Marsa Alam, Ägypten

Es sind nicht die „physischen“ Orte selbst, diese bieten nur die „Rahmenbedingungen“, es sind die persönlichen Umstände und Situationen, die eigenen Fantasien und Stimmungen, die Neugier, die Zufälligkeiten von Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen, die Witterungseinflüsse, musikalischen Töne… die Sehnsuchtsorte zu dem machen was wir suchen.

Der Sonnenstrahl, der im richtigen Moment, den weißen Marmor eines großen Monumentes der Liebe, vor pechschwarzen Monsunwolken, in gleißendes Licht taucht…

Granada – Alhambra – Semana Santa

Eine Allhambra, die von den vermummten Gestalten der Semana Santa, den barfüßigen und kerzentragenden Jungfrauen, den ins Ohr gehenden Märschen der Militärkapellen mitten in mondheller Nacht, zum Leben erweckt wird…

 

On the Road again

Wer einmal angefangen hat seine Sehnsuchtsorte zu besuchen, sich ihnen behutsam und angemessen zu nähern, ihre Besonderheit zu erspüren und aufzunehmen, der reist sein Leben lang. Von jeder Reise kehrt man als ein anderer „nach Hause“.

Anatolien – Ararat

 

Sehnsuchtsorte sind die Oasen unserer Seele, sie bereichern unser Leben.

 

Titelbild: Tutanchamun im (alten) Ägyptischen Museum in Kairo, Bild copyright Alwin Pelzer

 

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