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Mazedonien – kleines Land ganz groß

Das Land, das keines ist

Noch nicht aufgetaucht in der EU und noch nicht im internationalen Tourismus angekommen ist ein kleines Land am Balkan, das noch nicht einmal einen eindeutigen Namen hat.  Das Land gibt es aber, und seine Liebenswürdigkeit hat es mir angetan, sodass ich gleich dreimal dort war: in Mazedonien. Dabei war es eher Zufall, dass ich dort gelandet bin, nämlich durch ein europäisches Schulpartnerprojekt.

Es ist der geschichtlich-politische Streit mit dem griechischen Nachbarn, der diesen langjährigen EU-Beitrittskandidaten zum internationalen zungenbrecherischen Namen „Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien“ gezwungen hat. Die Hintergründe für diesen Nachbarkonflikt könnten dem Reisenden egal sein, aber im Fall von Mazedonien prägt der Streit sogar das Stadtbild der Hauptstadt.

Architekturwunder oder Märchenstadt

„Skopje 2014“ nennt sich eine städtebauliche Großinitiative, die aus dem gesichtslosen Stadtbild eine architektonisch identitätsstiftende „mazedonische“ Stadt machen soll. Die Baukunst des antiken Mazedonien sollte in einer Art „neoklassizistischem“ Stil wieder auferstehen, und so wird ein Gebäude nach dem anderen errichtet. Wer Skopjes Zentrum vor 10 Jahren gesehen hat, erkennt es heute nicht wieder.

 

 

Eine Brücke voller Statuen mit historischen Figuren, von denen Du kaum eine einzige kennen wirst, dahinter ein äußerlich klassizistisches, im Inneren modernes historisches Museum, das keinen Vergleich mit anderen europäischen Nationalmuseen zu scheuen braucht, und ein Duzend weitere historisierende Gebäude verwandeln das Zentrum in ein wie Kritiker sagen „Disneyland“, das zunehmend Touristen in das schöne Land abseits der Reiseströme lockt. Dazu billige Preise, freundliche Menschen und ein südliches Flair der Leichtigkeit und des Lebensgenusses.

 

 

Ich gestehe: Mich hat diese Kulisse, sei sie nun geschichtlich begründet oder nicht, architektonisch hochqualifiziert oder Kitsch, durchaus beeindruckt. Nichts war so fade wie das Skopje der jugoslawischen Zeit, dessen städtebaulichen Geist die Stadt noch bei meinem ersten Besuch 1997 atmete. Und schließlich sage ich mir: Auch Mittel- und Westeuropa haben architektonisch „geschummelt“, als man Ende des 19. Jahrhunderts neugotisch oder (neo)klassizistisch baute. Möge die Zukunft ein endgültiges(?) Urteil abgeben!

Ach ja, und in Skopje wie überall im Land wirst du auf zwei bedeutende Männer stoßen, nämlich die Slawenapostel Kyrill und Method. Auf sie geht die kyrillische Schrift zurück, sie werden als Landesheilige verehrt, obwohl sie aus dem griechischen Teil des historischen Mazedonien, aus Saloniki, stammen. Die mit Abstand bekannteste Persönlichkeit ist europaweit aber Mutter Theresa, derer im „Memorial House of Mother Theresa“ gedacht wird.

Einkaufen, schlafen, essen und trinken

Es sollte nicht der einzige Grund deiner Reise sein, aber Du bist für diese Grundbedürfnisse am richtigen Platz gelandet. Suche Dir als Reisezeit vielleicht nicht den Hochsommer aus, da es doch beträchtlich warm werden kann. Flüge nach Skopje sind von deutschen Flughäfen aus relativ billig, und das setzt sich in den Mittelklassehotels fort, die größtenteils sehr sauber und ihr Geld wert sind. Buche auf den gängigen Hotelportals, Du wirst fündig werden! Wie wär’s denn mit einer Übernachtung auf dem Piratenschiff, das im Fluss Vardar unbeweglich vor Anker liegt? In Skopje geht so etwas!

 

 

Was man in Mazedonien zu speisen und trinken bekommt, wirst Du fragen. Also beim Trinken gibt es eine schnelle Antwort: gutes einheimisches Bier und mazedonischen Wein, der es nicht verdient hat, hierzulande unbekannt zu sein. Die Speisekarte weist neben internationalen Standardgerichten landestypische Spezialitäten auf – Fleisch, viel Gegrilles, Gemüse und Schafskäse, alles gut gewürzt. „Tvache Grache“ ist ein Bohnengericht, wie man es vielleicht auch in anderen Gegenden des Balkans finden kann, Chevapcici oder der aus der türkischen Küche stammende Kebab ist allgegenwärtig.

Für uns Mitteleuropäer exotisch ist immer auch das alte türkische Stadtviertel mit seinen zwei Moscheen, mit Läden und Bazars wie in Istanbul. Unweit davon sind aber Einkaufszentren wie das moderne City Shopping Center oder die Skopje City Mall. Lederwaren, Kleidung, aber auch Kunstobjekte erstehst du in Mazedonien zu Preisen, von denen Du hierzulande träumen kannst…

Am Ohrid-See

Ich lasse Skopje hinter mir, und Du wirst mir darin hoffentlich folgen. Raus aufs Land! Mazedonien hat viele Natur- und Kulturschätze aufzuweisen, aber beides zusammen findest Du an einem der schönsten Plätze Europas: am Ohrid-See. Es handelt sich um einen der ältesten Seen der Erde, aber Du siehst ihm sein Greisenalter von 2 – 5 Millionen Jahren natürlich nicht an. Wenn Du nicht unter die Taucher gehst, wirst Du auch nicht merken, dass er einer der tiefsten Seen Europas ist und hervorragendes Trinkwasser liefert. Das Einzige, was Dich beim ersten Blick blendet, ist seine Schönheit in einem traumhaften Hochland auf ca. 700 m Meereshöhe. Mazedonien teilt diese Wasserperle mit ihren malerischen Ufern mit dem Nachbarstaat Albanien.

 

 

 

Die Stadt Ohrid ist das geschichtliche und touristische Zentrum am See. Mit ca. 56.000 Einwohnern bietet es eine perfekte touristische Infrastruktur, es hat auch einen eigenen Flughafen. Von Skopje aus erreichst Du Ohrid mit einem Taxi für ca. 70 – 90 Euro, wenn Du Dich nicht für einen Spottpreis den Fernverkehrsbussen anvertrauen willst, was aber durchaus möglich wäre. Nur von einem Verkehrsmittel lass bitte die Finger: von der Eisenbahn, auf sie ist kein Verlass.

 

 

Ohrid ist voller Kultur. Die Kirche St. Johannes (Sveti Jovan) ist ein Wahrzeichen Mazedoniens. Es gibt gute Restaurants, Bars und nette Geschäfte, und die ersten Badestrände beginnen schon ziemlich gleich am Stadtende und ziehen sich dem See entlang. Einen besonders sehenswerten Punkt möchte ich Dir nicht vorenthalten.

 

 

Kloster St. Naum

Die Gegend um das geschichtsträchtige Kloster St. Naum am Südufer des Sees, direkt an der albanischen Grenze gelegen, gehört zu den schönsten des Landes. Von Ohrid aus gelangst Du dorthin entweder für weniger als eine Handvoll Euros mit dem öffentlichen Bus (Busparkplatz Ohrid), mit einem Taxi für vielleicht 20 Euro, oder Du entscheidest Dich für den malerischen Reiseweg mit dem Boot über den tiefblauen See. Der Weg allein ist schon das Ziel, könnte man sagen, denn der Blick auf die Berge am mazedonischen und dem gegenüberliegenden albanischen Ufer sowie der meist eingeplante Stopp beim Pfahlbaumuseum „Bay of the Bones“ wird Dich entzücken. Das Kloster selbst liegt an einem großartigen Panorama mit Aussicht über den See. Zu besuchen gibt es in diesem UNESCO-Weltkulturerbe eine kleine, beeindruckende orthodoxe Kapelle aus dem Jahr 900 mit Fresken aus dem Leben des Slawenapostels.

 

 

 

Das Gelände um das Kloster herum ist touristisch „erschlossen“ mit einem romantischen Restaurant am Wasser und unzähligen netten Touristenbuden. Unter anderen edlen Steinchen kannst Du dort auch die Ohrid-Perle kaufen. Vor Imitaten muss man sich wie überall bei Souvenirs hüten. Der Schwindel liegt aber nicht darin, dass die Perlen eigentlich aus dem indischen Ozean stammen. Das ist kein Geheimnis, sehr wohl aber die Veredlung durch heimische Kunsthandwerker, die diese importierten Perlen in einem aufwändigen Verfahren durch eine Emulsion aus den Schuppen des im See gefangenen Plasica-Fisches ziehen, was ihnen ihre einzigartig schimmernde Oberfläche verleiht. Die Queen hat jedenfalls so eine Perlenkette, wird berichtet. Zum Trost, falls Du gefälschte Ohrid-Perlen zum Superpreis erwirbst: Deine Frau wird sie gerne tragen. Wo immer sie ihre Halskette austrägt, wird sie die Einzige sein mit so rosa schimmernden Perlen.

 

 

Wenn auch Mazedonien ein sehr kleines Land ist – seine Landschaft und Natur, seine Geschichte und Kultur und nicht zuletzt seine gastfreundlichen Menschen machen es groß. Und das zu sagenhaft günstigen Preisen. Besuche es, solange es noch nicht überlaufen ist!

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Gerald Grahammer ist pensionierter Lehrer und somit prädestinierter Reisender. Das Erkunden von Ländern oft abseits der großen Touristenströme ist seine Leidenschaft, ebenso das Fotografieren und Schreiben.

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Eine Antwort auf Mazedonien – kleines Land ganz groß

  1. Herzlichen Glückwunsch zum Einstand als Team-Mitglied von ReiseFreaks ReiseBlog, Gerald!

    Wir, das Team – und sicher auch die Leser, freuen uns auf weitere interessante ReiseBerichte!

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