Marokko: Marrakesch – der Djemaa el-Fna

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Beutelschneider und ausuferndes, immaterielles, kulturelles Erbe

Die Königsstadt ist „in“. Madonna feierte ihren 60. Geburtstag in Marrakesch, die Formel E war im Januar 19 hier und Dior präsentierte im April 2019 die nächste Cruise Collection.

Markante Achse – von der Koutubia Mosche zum Djemaa – Bild: Alwin Pelzer

Marrakesch ist keine „gewachsene“ Stadt, sondern wird geprägt durch städtebauliche Aspekte die vor fast 1000 Jahren überlegt und erdacht wurden. Zudem liegt ein Hauch von Paris über der Stadt, auch das französische Protektorat hat seine Spuren hinterlassen. Eine markante Achse führt von der berühmten Koutoubia Moschee (Moschee der Buchhändler) zum Djemaa el Fna (Platz der…siehe weiter unten).

Somit dient Dir das weithin sichtbare, unverkennbare Minarett (mit 4 Kugeln) als Wegweiser und leicht zu findender Orientierungspunkt – allabendlich beleuchtet und noch in 30km Entfernung erkennbar. Der Platz ist das Tor zum Irrgarten der Altstadt, umgeben von Restaurants, Ständen und öffentlichen Gebäuden. Unüberschaubare Gassen und Wege führen vom Djemaa el Fna in die verwinkelte, historische Medina. Sehnsuchtsorte, wo das Glück unserer Träume greifbar wird.

Rechts: einer der Zugänge zur Medina – Bild: Alwin Pelzer

Der Djemaa ist Marrakeschs pulsierendes Zentrum und vermutlich einer der bekanntesten Plätze in ganz Afrika. Hier schlägt das Herz der „roten Stadt“. Du darfst dieses Bild auch wörtlich verstehen, der Rhythmus der Trommeln, Kastagnetten und der Gembri (Bassgitarren) begleitet Dich auf Schritt und Tritt, geht in Fleisch und Blut über und wird Dir lange Zeit nicht mehr aus dem Gedächtnis gehen. Dein Herz beginnt im Rhythmus dieses Platzes zu pochen.

Alleine den verschiedenen Musikinstrumenten könnte man einen eigenen Reisebeitrag widmen.

Mittags noch leer, nur die silbernen Gestelle für die mobilen Restaurants stehen –  Bild: Alwin Pelzer

Platz der Gehängten? Geköpften? – oder Platz der Gaukler? Platz der Märchenerzähler?

Ja was denn nun? Viele Interpretationen auf einmal. Die Bedeutung des Namens ist umstritten. Auf den ersten Blick erfüllt der Platz alle Klischees vom mythischen Marrakesch.

Zunächst ist der Platz einfach mal ein mit Betonsteinen gepflasterter öffentlicher, großer Raum – Bild: Alwin Pelzer

Es ist ein Platz der Toten (arabische Deutung: Versammlung der Toten).

Zur Zeit der Alohomaden (kulturell bedeutende, muslimische Herrscher) nutzten deren Sultane den Platz als Hinrichtungsstätte und stellten die aufgespießten Köpfe zur Schau. Es war ein Platz des Schreckens der sich im Laufe der Zeit zu einem Zentrum kulturellen Lebens und geschäftigen Handels entwickelte.

Am 28. April 2011 ist dieser Platz wieder zu einem Ort des Todes geworden. Ein terroristischer Anschlag auf das bei Touristen beliebte  Restaurant „Argana“ forderte zahlreiche Menschenleben.

Restaurant Argana restauriert – Bild: Alwin Pelzer

Der Platz der Geköpften?

Was ist dieser Platz ohne seine Akteure? Einfach nichts!

Nur diese Akteure kann ich Euch leider nicht „vollständig“ zeigen. Das liebe Kunsturhebergesetz mit dem sogenannten „Recht am eigenen Bild“, (als Ausprägung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts)  und die damit unweigerlich entstehende Bedrohung durch Schadensersatzforderungen windiger Rechtsanwälte  führten dazu, dass ich allen Akteuren den Kopf „abgeschnitten“ habe (natürlich nur mit der Schere der Bildbearbeitungssoftware) und so wird für mich dieser Platz im wahrsten Sinn des Wortes zum „Platz der Geköpften“. Geköpfte Wasserträger, Geköpfte Schlangenbeschwörer…

Bild: Alwin Pelzer

Gerne könnt ihr von mir für persönliche Zwecke die Fotos im Original bekommen.

 

Es ist ein Platz der Tageszeiten

An 365 Tagen im Jahr herrscht hier je nach Tageszeit reger Betrieb. Besonders in den Abendstunden (bis spät in die Nacht) lassen sich hier die Menschen unterhalten und speisen an den teilmobilen Essständen. Besuche diesen Platz bei Tag und bei Nacht, die Szenerie könnte konträrer nicht sein.

Der Platz verändert täglich mehrmals sein Gesicht. Am Morgen -noch von Taxis und Kleinbussen befahren und beschallt von unzähligen knatternden Mopeds – starten hier die organisierten Ausflüge ins Hinterland.

Um die Akteure bilden sich Kreise (Halqas) – Bild: Alwin Pelzer

Ab Mittag füllt sich der Platz langsam mit Akrobaten, Schlangenbeschwörern und Musikern und am späten Nachmittag werden täglich, wie von Zauberhand, etwa 50 mobile „Restaurants“ aufgebaut. Fast auf ein Kommando rollen von allen Seiten schwer beladenen Karren mit Gestellen, Öfen und Tischen an.

Rollendes Restaurant – aus allen Richtungen treffen die Wagen ein – Bild: Alwin Pelzer

Mittags und nachmittags ist der Platz noch recht übersichtlich, je später der Abend desto mehr Vertreter aller marokkanischen Ethnien füllen diesen Platz: Berber, Araber und die dunkelhäutigen Haratins (Minderheit ehemaliger Sklaven). Sie alle finden hier ihre eigene unverwechselbare Musik und Kultur.

 

Es ist ein schützenswerter öffentlicher Raum: Der Besucher vor den Akteuren dieses Platzes

Traue nicht den wohlklingenden Worten aus der Reise – Verführer – Touristik – Branche. Diesem Firlefanz mit all den dilettantischen Formulierungen, allein beim Wort „pittoresk“ würgt es mich im Hals. Dieser Platz ist knallhartes Geschäft. In den Augen der Wasserträger, Akrobaten, Künstler, Schlangenbeschwörer, Musikanten ist der Besucher ein „wandelnder Geldbeutel“. Ein Lächeln, ein Foto kostet Geld. Bare Münze in Euro – nicht in Dirham der eigentlichen Währung des Landes.
Gerne würde ich die Attribute für diesen Platz noch erweitern um: Beutelschneider, Wegelagerer, Nepper und Schlepper.

Geköpfte Wasserträger – die gar kein Wasser dabei haben  – Bild: Alwin Pelzer

Wenn Du über diesen Platz läufst, begegnet Dir von der Frechheit bis zur Dreistigkeit, von der Respektlosigkeit bis zur Unverschämtheit jede einzelne Nuance. Also wappne Dich, freundlich aber bestimmt „No, merci“. Für ein Lächeln zahle ich nicht. Bezahle nur von Dir „gewünschte Leistung“: die Schlange um den Hals, den Affen auf der Schulter und/oder Kopf. Eine detaillierte „Gebrauchsanleitung“ für die jeweiligen Akteure des Platzes findest Du am Ende dieses Textes.

Tipp: Auf den Terrassen/Balkonen der Cafes „Le grand balcon du cafe glacier“, „Cafe de France“ oder „Argana“  kannst Du bei einem Pfefferminz-Tee das Treiben ungestört beobachten. Bevor Du zum Balkon hoch kommst, musst Du an der Theke ein Getränk bestellen. Auch wenn die Preise erhöht sind, die Aussicht ist es allemal wert.

Dachterasse des „Cafe de France“, besonders bei Nacht zu empfehlen, der ganze Platz liegt vor Dir – Bild: Alwin Pelzer

Es ist ein schützenswerter Platz: Des Platzes vor der Dummheit seiner Besucher

„Sich (ahnungslos) treiben lassen“ – auch so eine „Würg-Formulierung“ – geht hier gar nicht und ist keine Entschuldigung für mangelnde Vorbereitung. Frei nach Goethe: Man sieht nur, was man weiß. Es geht nicht um ein materielles Bauwerk, eine gotische Kathedrale oder ein natürliches Monument. Hier gibt es keine architektonischen Sehenswürdigkeiten und keine Bild-Kunstwerke. Was hier zu erleben ist, das ist der Ausdruck der Seele des marokkanischen Volkes. Und Du kannst mit einer intensiven Vorbereitung Deinen Respekt vor dieser kulturellen Leistung zum Ausdruck bringen.

Geköpfter Fkih – Bild: Alwin Pelzer

Ein Fkih beschäftigt sich mit der Religion und dem Koran. Er berät, wie man das alltägliche Leben in Einklang mit der Religion führt, gibt Ratschläge: zum ehelichen Zusammenleben, für Arbeitssuchende, Kranke und unverheiratete Frauen in fortgeschrittenem Alter. Sie alle suchen seinen Rat und seinen Segen und glauben, dass Fürbitten wirkungsvoller sind, als eigene Gebete.

Der Kulturraum des Djemaa-el-Fna-Platzes wurde im Jahr 2001 als erster Ort in die neu geschaffene UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen und befindet sich seit 2008 auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Zum Vergleich: Auf diesen Listen befinden sich auch der argentinische Tango, die chinesische Seidenzucht, das sizilianische Marionettentheater, aus Deutschland: Falknerei, Orgelbau und Orgelmusik.

Die Listen umfassen kulturelle Ausdrucksformen wie etwa Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen sowie Bräuche, Feste und Handwerkskünste. Mit dem Ziel das Immaterielle Kulturerbe weltweit sichtbar zu machen und das Bewusstsein um die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu stärken.

https://www.alhalqa-virtual.com/index.php/de/the-groups-of-jemaa-el-fna-square.html

Unverzichtbare Informationsquelle: https://www.alhalqa-virtual.com/
Ein Projekt von Thomas Ladenburger. Mit Unterstützung des Auswertigen Amtes.
Mit Skizzen des Platzes, Bild- Film- und vor allem Tondokumenten!

Absolut empfehlenswert der Dokumentarfilm „Al Halqa, Im Kreis der Geschichtenerzähler“, der sich auf die Vermittlung der Erzählkunst von Vater auf Sohn konzentriert.

Der Djemaa el Fna steht für eine einzigartige Konzentration marokkanischer Traditionen, die in Musik, Kunst und Religion ihren Ausdruck finden „Hier trifft Handel auf Unterhaltung, und damit Einwohner auf Fremde“, so die Unesco-Kommission. Es ist ein patchwork von ständig sich erneuernden Traditionen.

In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wollte die Stadtverwaltung auf dem zentralen Platz ein modernes Shoppingcenter und eine riesige Tiefgarage bauen. Es waren die in Marrakesch lebenden Ausländer, die empört aufschrien und verhinderten, dass man dieses einzigartige kulturelle Denkmal im wahrsten Sinn des Wortes in den Boden stampfte.

Halqa – Bild: Alwin Pelzer

Um die Akteure/Künstler des Platzes, – man nennt sie „Halikis“ – gruppieren sich Halqas, Kreise von Zuschauern und Zuhörern, die am Geschehen aktiv beteiligt werden. Künstler und Publikum bilden eine untrennbare Einheit.

Haliki: Aissawa (Sufi oder Derwisch), Akrobaten, Berber-Musiker, Gnawa-Musiker, Musikgruppen, Henna Women, Comedien, Kräutermänner, Wasserträger, Märchenerzähler, Schreiber, Travestietänzer…Beobachte wie eine Halqa entsteht. Meist sind es zwei Halikis, die nach der psychologischen Taktik  der Gegensätzlichkeit arbeiten, die Zuschauer polarisieren und gleich ins Geschehen mit einbeziehen. Ist die Gruppe groß genug und genügend Kleingeld eingesammelt, beginnt die Vorstellung.

Der Abend naht: Aus allen Richtungen rollen die mobilen Restaurants über den Platz, schlängeln ihren Weg durch die Halqas, und werden von geübter Hand in  Windeseile aufgebaut.

Meine nächtlichen Erlebnisse bei der An- und Rückfahrt habe ich in einem eigenen Beitrag Taxi Driver geschildert. Ausgestattet mit dem kleinen Lederbeutel (Talisman) gegen Hexen in meiner rechten Jackentasche, kann mir ja nichts passieren. Mein Dschinn hat sich wohl in den einstweiligen Ruhestand verabschiedet.

Eigener Bericht: Taxi Driver – Bild: Alwin Pelzer

Weiße Dampfwolken ziehen über den Platz. Die Luft ist erfüllt von Gerüchen jedweder Couleur, die Trommelklänge sind intensiver, ein Rausch an Farben, die ungeheure Sinnesflut überquellenden Lebens erfasst Dich. So viel Fremdes und Neues, eine märchenhafte, starke Dosis. Nun denn, bringen wir etwas Ordnung in diese außergewöhnliche Atmosphäre:

Was darf es sein?

1.  Gang: Kalte Vorspeise

Bild: Alwin Pelzer

2. Gang: Schneckensuppe

Geköpfter Schneckensuppenverkäufer  – Bild: Alwin Pelzer

3. Harira

Bild: Alwin Pelzer

– dickflüssige Suppe aus Lammbrühe und –fleisch, Kichererbsen, Tomaten, Zwiebeln, Linsen, Kräutern und Gewürzen.

Gemüse, oder Eier:

Geköpfte Eier-Verkäufer  – Bild: Alwin Pelzer

Meeresfrüchte

Geköpfte Fischverkäuferin   – Bild: Alwin Pelzer

Hühnchen

Bild: Alwin Pelzer

Spieße

Bild: Alwin Pelzer

 

Briouat – gefüllte Teigtaschen, mit Hackfleisch, Hähnchen, Frischkäse oderGemüse

Bild: Alwin Pelzer

Hammelköpfe

Bild: Alwin Pelzer

Und natürlich: was Süßes zum Schluss

Bild: Alwin Pelzer

Besonders zu empfehlen

Geköpfter Hoflieferant für Süßes  – Bild: Alwin Pelzer

Früchte, Datteln…

Bild: Alwin Pelzer

Frisch gepresste Früchte

Bild: Alwin Pelzer

oder doch lieber Minz-Tee?

Bild: Alwin Pelzer

Es wird Zeit, sich auf den Rückweg zu machen.

Einer der Wege in die Altstadt – Bild: Alwin Pelzer

Ganz unmittelbar steht sie vor mir. Eine

Wahrsagerin

deren leuchtend rotes Djellabakleid mich schon am Nachmittag in seinen Bann gezogen hat.

Aus der Dunkelheit: Leuchtende Wahrsagerin – Bild: Alwin Pelzer

Mein Talisman beginnt wie verrückt in meiner rechten Jackentasche zu zucken. Eindeutige als Warnung zu verstehen. Eine Hexe? Spürt mein Talisman die Magie, die Gifte mit denen sie Menschen und Tiere verzaubern können? Nur ganz schwer kann ich mich ihrem verlockenden Werben entziehen, wer möchte nicht in seine Zukunft schauen – und schaffe es gerade noch, mich im Schutze einer Halqa in Sicherheit zu bringen.

Es ist eine große Halqa, des „besten Märchenerzählers der Welt“ wie mir ein junger Mann sogleich versichert. Ich verstehe zwar kein Wort, lese jedoch in den Gesichtern und Gesten der Zuhörer und komme zu der Überzeugung, dass der Junge wohl recht hat.

Geköpfter Märchenerzähler – Bild: Alwin Pelzer

Sofort werde ich als „potenter Kunde“ erkannt und so trage ich mit einer beschwichtigenden Geste, unter dem wohlwollenden Gelächter aller, mit 1 Euro zum Gelingen des Märchens bei. Mein Talisman zuckt anerkennend in meiner (rechten) Jackentasche.

Es war einmal … Märchen/Geschichtenerzählen ist eine besondere Gabe. Erfahrene Erzähler haben bis zu 400 Geschichten im Herzen, (im Gedächtnis) gesammelt. Das gesprochene Wort ist einfacher und für die Zuhörer leichter verständlich als ein vorgelesener Text. Es sind epische Erzählungen, deren Pendents heute in den unzähligen Serien bei Netfix und Co zu finden sind. Es sind die Geschichten aus 1001 Nacht. Voller Fantasie und Poesie, von Königen, Prinzessinnen, fabelhaften Tieren und vor allem: ellenlang. Die Geschichte der Azalia, jeden Tag eine halbe bis zu einer  Stunde erzählt, dauert länger als ein ganzes Jahr. Zitat UNESCO: „Geschichten erziehen die Menschen und lehren sie ihren Ambitionen und Träumen zu folgen“.

Kann eine Geschichte sich eines Menschen bemächtigen?

Eine Geschichte lässt sich nicht zwischen 2 Buchdeckel sperren. Eine Geschichte visualisiert Bilder, die uns ablenken, unsere Gedanken mit auf eine Reise nehmen, die Zeit vergeht ohne dass wir es merken, tagelang hängen wir ihnen nach.

Glaubt man an Geschichten, kann der Geist, die Moral der Geschichte unser Handeln beeinflussen. Eine Geschichte kann uns so sehr in Bann ziehen, dass wir plötzlich an die abenteuerlichsten Gedanken glauben und diese für bare Münze nehmen. Geschichte wird Wirklichkeit.

Eine Geschichte will weiter erzählt, weiter entwickelt werden, sie will nicht in Vergessenheit geraten.

Rechts: das Cafe de France – Bild: Alwin Pelzer

Tief in Gedanken versunken mache ich mich auf den Rückweg, mit jedem Schritt wächst die Freude auf die Rückfahrt mit meinem „Taxi Driver“.

Bild: Alwin Pelzer

Das nächtliche Minarett der Koutoubia Moschee, als weithin sichtbarer Orientierungspunkt.

Bei genauem Hinsehen erkennst Du an der Spitze des 77 m hohen Minaretts einen vergoldeten Kugelstab (Jamur) und einen seitlichen ‚Galgen‘, an dem früher vor dem Freitagsgebet und an religiösen Feiertagen die grüne Fahne des Propheten gehisst wurde. Da eine der Ehefrauen des Kalifen während des Ramadans ein paar süße Trauben genascht hatte, spendete sie als Buße für ihre Sünde all ihren Schmuck. Deshalb hat der Jamur anstelle der üblichen 3 Kugeln 4 davon.

Bei noch genauerem Hinsehen erkennst Du den Schatten des Sufi-Heiligen Sidi Abu l-‚Abbas es Sabti. Er lebte von 1130–1205 und übte als Islamgelehrter in Marrakesch großen Einfluss aus. Er wird bis heute sehr verehrt. So steigt er als Patron der Armen jeden Abend auf das Minarett und kommt erst wieder herunter, wenn alle blinden Bettler der Stadt Essen und ein Nachtlager gefunden haben.

Wohl denn, auch mein Nachtlager wartet.

Bild: Alwin Pelzer

 

Eine detaillierte „Gebrauchsanleitung“ für die jeweiligen Akteure des Platzes

  • Versorge Dich vorher mit Euro-Münzen. Come on, have a look. I’ll make you a good price…, Beobachte aufmerksam die Einheimischen und Du entwickelst schnell ein Gespür, was zahlungspflichtig ist. Von einem Touristen wird erwartet, dass er etwas mehr gibt.
  • Bettler, bettelnde Kinder: kein Geld den Bettlern, schon gar nicht Kindern! Ich wurde den Eindruck nicht los, dass organisierte Strukturen dahinter stecken. Das Geben von Almosen ist in der islamischen Tradition tief verankert. Der „Zakat“, ist eine der fünf Säulen des Islam. Echt Bedürftige sind jedoch nicht aufdringlich. Schaue genau hin, dort wo Marokkaner Bettler beschenken kannst auch Du kleine Geldbeträge schenken.
  •  Hennafrauen. Blitzschnell ergreifen die Hennamalerinnen die Hände (meist) der Touristinnen, beginnen ungefragt mit Hennaschmierereien und wollen dann dafür horrende Summen kassieren. Grundsätzlich abzuraten, das Henna ist oft mit Chemie versetzt und führt zu Hautreizungen, die Preise sind überhöht. Zögert nicht, die Hand zurückzuziehen und konsequent abzulehnen. Gute Tattoos gibt es im Hennacafé in der Rue Zitoun.
  • Wasserverkäufer. Mit ihren bunten Hüten, dem Ziegenlederwassersack und der münzbestickten Tasche sind sie nur noch ein beliebtes Fotomotiv (1 Euro pro Foto).Früher als es noch keine Softdrinks oder Wasserflaschen an jeder Ecke gab, spielten die Wasserträger eine wichtige Rolle, sie boten gutes Trinkwasser an.
  • Schlangenbeschwörer. Die französische Tierschutzorganisation GEOS hat Konsequenzen gezogen. In einer internationalen Kampagne fordert sie Touristen auf, das „unwürdige Spektakel“ zu ignorieren. Entscheide selbst, wie Du mit dieser Information umgehst. Die Schlangenbeschwörer sind geschützter kultureller Teil dieses Platzes. Blitzschnell hast Du eine Kobra oder Klapperschlange umhängen.
  • Affendomteure. Noch schneller als die Schlange um den Hals, sitzt Dir ein dressierter Affe auf der Schulter oder dem Kopf. Mit Messi T-shirt und Pampers. Dann ist es zu spät. Du wirst dann derart hartnäckig bedrängt, einen Obolus zu entrichten. Daher beobachten, Abstand bewahren.

Im Geheimen: Travestietänzer – Bild: Alwin Pelzer

  • Travestietänzer. Es sind tatsächlich Männer, die als Frauen verkleidet erotische Bauchtänze aufführen. In einer muslimischen Gesellschaft wird der Schichat (Bauchtanz) mit Prostitution in Verbindung gebracht und daher in der Öffentlichkeit nicht von Frauen aufgeführt. Unter dem halb geschlossenen Schirm kannst Du gut beobachten welchen Betrag die Einheimischen bezahlen.
  • Mediziner, Zahnärzte. Quacksalber, die wichtigsten Produkte im Portfolio der Mediziner sind lautstark angepriesene Potenzmittel. „Leider“ habe ich hierzu keine persönlichen Erfahrungen. Auch mit den angebotenen gebrauchten Zähnen und Gebissen hatte ich keine Verwendungsmöglichkeit.
  • Trommel- und Musik- und Artistengruppen, Märchenerzähler. Hier geben die Einheimischen Beträge zwischen einem und 5 Dirham. Kaum steht man an einer Halqa wird man aufgefordert etwas Geld zu geben. Die Künstler wissen, dass die Touristen nur Schauen und dann schnell weitergehen, im Gegensatz zu den Einheimischen, die häufig geduldige Zuhörer und Zuschauer sind.
  • Essen: Vorsicht, hier lauern „Rohrkrepierer“. Es gibt unterschiedliche Stimmen, warnende hier an den mobilen Restaurants zu essen, begeisterte über verführerische, authentische und wohlschmeckende Gerichte. Hierzu kann ich leider keine Erfahrung beitragen. Es fiel mir auf, dass fast nur Einheimische an den weiß gedeckten Tischen saßen.
    Störend für mich waren eher die Schlepper die mit einiger Hartnäckigkeit versuchten mich an die Tische zu locken. Mit Hinweis auf meinen prall gefüllten Bauch…
    Einigen Ärger und lautstarke, fast aggressive Gespräche konnte ich beobachten als es an das Bezahlen ging. Der ausgehängte Preis war wohl nicht das letzte Wort.

 

Literatur Tipps

In der belletristischen Literatur ist der Platz vielfältig thematisiert worden*:

Elias Canetti (Die Stimmen von Marrakesch),

Hubert Fichte (Der Platz der Gehenkten),

Juan Goytisolo (Engel und Paria),

Bodo Kirchhoff (Parlando),

Christoph Leisten (Marrakesch, Djemaa el Fna) und

Michael Fisch (khamsa).

 

Noch ein Tipp: Die Beschwörer der Leinwand

Das internationale Filmfestival von Marrakesch, Mitte Dezember, entdeckt unter deutscher Leitung das afrikanische Kino neu. Und ist allabendlich gut besucht.

 

Alle Marokko-Reiseberichte hier in ReiseFreak’s ReiseMagazin und Reiseblog

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Ein Kommentar

  • Servus Alwin!
    Danke für Deinen informativen und amüsanten Beitrag zum Thema Marrakesch und Marokko. Ist schon erstaunlich, was man aus einer Stippvisite in Marokko so alles an Content herausholen kann!