Georgien, Teil 2: Wehrtürme, Bergdörfer und Schwarzmeerküste

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Georgien - Wehrtürme in Mestia, Hauptort Swanetiens - Foto copyright Gerald Grahammer für reisefreak.de Lesedauer: 6 Minuten

Reisebericht Georgien 2018, 2. Teil

Swanetien

Wie kommt man von der Hauptstadt Tiflis in die einzelnen Provinzen? – Mit Bus oder Bahn. Bleiben wir bei Letzterem. Gesagt, getan, wirst Du Dir denken. Georgien ist ein kleines Land, und da kann eine Zugfahrt ja nicht allzu lange dauern. Also ab zum Bahnhof, und dann mit dem Zug nach Zugdidi. Das ist gut geplant, denn Zugdidi (manchmal auch Sugdidi geschrieben) ist ein guter Ausgangspunkt für eine der bemerkenswertesten Landschaften bzw. Provinzen, nämlich Swanetien.

Der Bahnhof ist in Tiflis bequem mit der Metro erreichbar, aber die Fahrkarte nicht so ohne weiteres. Es gibt nämlich nur zwei Verbindungen am Tag nach Zugdidi, und da kann es dir schon mal passieren, dass du keinen Platz mehr ergatterst. Einfach hingehen und einsteigen, das kannst Du Dir in der Hauptsaison aus dem Kopf schlagen. Vor allem der begehrte Nachtzug (mit Schlafwagen) muss früh genug gebucht werden. Nun könnte man das theoretisch schon von zu Hause aus über die Homepage der Georgian Railways, aber bei mir hat es jedenfalls nicht funktioniert. Ich habe den besagten Nachtzug also 2 Tage vorher am Bahnhof zu reservieren versucht, aber da war kein Platz mehr verfügbar. Aber immerhin habe ich den Zug am Morgen vorausbuchen können. Ohne Fahrkarte mit Sitzplatzreservierung kann niemand einsteigen, wie das auch in manchen südeuropäischen Ländern der Fall ist. Stehplätze auf Biegen und Brechen sind nicht vorgesehen.

Und wie sieht sie aus, die Eisenbahn? Auch sie ist in einem verblüffenden Erneuerungsprozess begriffen. Das höchste der Gefühle sind jene aus dem Schweizerischen Altenrhein bezogenen Stadler-Garnituren, die mich an europäische High-Tech Züge erinnern.


Foto 22: Eisenbahn High-Tech von Firma Stadler

Ich lasse Kutaisi und Gori (die Geburtsstadt Stalins, auf den hier niemand mehr stolz ist) rechts der Strecke liegen, und auch die von den Russen besetzte Provinz Süd-Ossetien, die ohnehin nicht betreten werden kann. Nach 5 Stunden Fahrt erreiche ich Zugdidi. Dort warten die gesamten Taxis der Region auf Dich, darauf kannst du Dich verlassen. Wäre ja noch schöner, wenn ausgerechnet Taxifahrer nicht wüssten, wann die wenigen Züge ankommen! Du kannst Dich wieder entscheiden zwischen Marshrutka oder Privattaxi. Sprich doch einfach Gleichgesinnte an und frag, ob sie mit Dir ein Taxi nach Mestia teilen wollen, wohin die meisten Ankommenden möchten. Dann kostet Dich die Taxifahrt vielleicht einen Anteil von 10 – 15 Euro, und du bist nach etwa 3 Stunden im Hauptort von Swanetien.

Auf der 140 km langen, gut ausgebauten Straße fährt man am Enguri-Stausee vorbei durch Unter-Swanetien. Im Taxi kannst du anhalten lassen, wann immer du willst.

Mestia

So heißt der Hauptort und das Verwaltungszentrum der Provinz Swanetien. Es ist keine Stadt, sondern ein 2000 Einwohner zählendes Dorf mit der nötigen Infrastruktur. Seinen Charakter als Wehrdorf hat es nur teilweise eingebüßt, trotz Tankstellen oder anderen zivilisatorisch nötigen Einrichtungen wie guten Hotels und zahlreichen Gästehäusern. Swanetien ist das Land der Wehrtürme, die auch heute noch alle anderen Gebäude überragen. Allein in Mestia stehen noch 42 von insgesamt etwa 400. Sie wurden vor allem als Schutz der Großfamilien gegen Feinde aus dem Norden gebaut, die über den Kaukasus ins Tal drangen.


Foto 23: Mestia, Hauptort Swanetiens

 


Foto 24: Wehrtürme

Ein ethnografisches Museum bietet sich an, mit Ikonen und anderen Kunstschätzen dieser ehemals so abgelegenen Gegend. Es heißt, dass Kunstwerke öfters im Laufe der kriegerischen Geschichte des Landes zum Schutz in die Berge gebracht wurden. Wer nach Mestia kommt, bleibt aber meist nicht dort. Es ist der natürliche Ausgangspunkt für Exkursionen oder Wanderungen in abgelegene Gegenden. Die gut ausgebaute Touristeninformation hilft dem Besucher weiter. Nicht wenige zieht es nach Ushguli.

Ushguli

Einmal am Tag fährt eine Marshrutka hinauf auf 2300 m. Wer flexibel sein will, ist wohl auf ein Allrad-Taxi angewiesen, denn der letzte Straßenteil der ca. 40 km langen Anfahrt ist in einem abenteuerlichen Zustand. Ansonsten ist die Reise ein Traum. Man sieht einige verschlafene Dörfchen mit gut erhaltenen Wehrturm-Ensembles und hat meist nicht die Zeit, sich ihren versteckten kleinen Kirchen mit berühmten Ikonen zu widmen. Vom Ughvir-Pass hat man, wie schon von Mestia aus, den Blick auf den majestätischen 4700 m hohen Ushba mit seinen zwei Gipfeln.


Foto 25: Ushba, 4700 m hoch

 


Foto 26: Die „Abenteuerstrecke“ kurz vor Ushguli

 

Ushguli, das ich nach der Schüttelpartie im Allradtaxi glücklich erreiche, hat unter Touristen fast einen magischen Klang. Es wird mit seinen 2200 m Meereshöhe als das höchste dauerhaft bewohnte Dorf Europas bezeichnet. Noch ein Rekord: Es liegt am Fuße des höchsten Berges Georgiens, des 5068 m hohen Shkharas, der am oft in Wolken gehüllt ist. Mit seinen Wehrtürmen gehört Ushguli zum Welt-Kulturerbe.


Foto 27: Ushguli am Fuße des Shkhara

 


Foto 28: Weltkulturerbe

 

Du findest einige Gästehäuser mit Frühstück oder sogar Vollverpflegung, die man über Buchungsplattformen reservieren kann. In mein Gästehaus bin ich ein- und wieder ausgezogen, ohne den Besitzer gesehen zu haben, und wenn ich ihm nicht die umgerechnet 20 Euro auf den Tisch gelegt hätte, wäre es eine Gratis-Übernachtung gewesen. Er soll im Laufe des Tages einmal kurz aufgetaucht sein, aber eben nicht während meiner Anwesenheit im Haus.

Die meisten Georgier haben Ushguli noch nie besucht. Es zieht sie wohl ans Meer. Mich jetzt auch, nach diesen grandiosen Bergtagen.

Batumi

Mit dem Taxi also zurück nach Mestia, dort in ein anderes Taxi gewechselt zum Bahnhof Zugdidi. Und endlich nehme ich zum ersten Mal eine Marshrutka, noch dazu eine moderne.


Foto 29: Marshrutka, das Billig-Transportmittel Georgiens

 

Die Fahrt nach Batumi dürfte auch etwa 3 – 4 Stunden gedauert haben. Die Marshrutka fährt ab, wenn sie mehr oder weniger voll ist, damit es sich rentiert. Auf der Strecke macht sie eine Pause für ein Getränk oder das Aufsuchen der Toilette. Wem das zu wenig ist, muss sich ein anderes Verkehrsmittel aussuchen, was eigentlich wiederum nur das Taxi sein kann.

Die Route führt mehr oder weniger am Schwarzen Meer entlang, das aber nicht ständig sichtbar ist. Man merkt, wie sehr sich Landschaft und Klima ändern in diesem kleinen Land. Es wird wärmer und feuchter, die Vegetation ist eine andere. Granatäpfel, Dattelpalmen oder Eukalyptusbäume und sogar Tee gedeihen hier.

Batumi ist die Hauptstadt der Provinz Adscharien, die im Gegensatz zur Schwarzmeer-Provinz Abchazien nicht von den Russen besetzt ist und auch nicht an Russland, sondern die Türkei grenzt. Keine Stadt Georgiens hat so einen Aufschwung genommen wie Batumi. Für den ganzen Kaukasusraum ist der Investitionsboom Batumis einzigartig. Neben den schönen alten Villen, oft im russischen Stil, überragen nun supermoderne Hochhäuser wie das Hotel Radisson Blue oder der „Turm des Alphabets“ die Uferpromenade.

Am neu gestalteten Europa-Platz erinnert die Säule der Medea an die frühe griechische Verwicklung mit der Argonauten-Sage. Das legendäre Goldland Kolchis liegt ja ebenfalls an der georgischen Schwarzmeerküste. Der Besucher wird seine Tagesstunden während der Badesaison aber großteils am Kiesstrand verbringen. Die Uferpromenade lockt auch am Abend mit allerlei touristischer Unterhaltung. Museen und Kirchen gibt es wie überall in Georgien, sie fallen bei einem Kurzbesuch aber zwischen den Rost. Der schönste Sandstrand soll sich etwas südlich von Batumi am Grenzort Sarp befinden, auch Kobuleti nördlich der Stadt eignet sich für einen reinen Badeurlaub.

 


Foto 30: Badeparadies Batumi

 


Foto 31: Kunstwerk am Strand

Unterkünfte findet man in Batumi allenthalben, vom einfachen Zimmer mit Bad bis zum historischen Grandhotel, in der überlaufenen Hauptsaison aber nur gegen Reservierung per Internet. Der Busbahnhof befindet sich ebenso wie die Bahnstation nördlich der Stadt und ist per Taxi vom Zentrum aus in 15 Minuten erreichbar.

Eine der bequemsten Reisearten zurück in die Hauptstadt bieten interessanter Weise die hochmodernen türkischen Metro-Georgia-Busse. Du kannst dir schon zu Hause die entsprechende App auf dein Smartphone herunterladen und dann unterwegs Reservierungen vornehmen. An dieser Bemerkung wird Dir klar, dass ich zurück in die Hauptstadt will.

Höhlenkloster Davit Gareja

Was macht man am letzten Tag vor dem Abflug noch in Tiflis oder Umgebung? Man nimmt sich einen Bus zum Kloster David Gareja (Garedscha), um die Besichtigungsvielfalt des Landes noch abzurunden. Vom Freiheitsplatz aus – Ticket am Informationspavillon erhältlich – startet täglich ein Bus um ca. 10 h an die aserbaidschanische Grenze. Die Gegend dort ist eine Gras-, fast schon Wüstensteppe. Für die letzten 15 km braucht der Bus fast so lang wie für den Rest der Anreise.


Foto 32: Steppenlandschaft an der Grenze zu Aserbaidschan

 

Mit seiner Lage unmittelbar zur Grenze zum islamischen Nachbarstaat Aserbaidschan ist das Kloster so etwas wie ein christlicher Vorposten. Hinter dem Kloster, dessen Kirche zu besichtigen ist, verbergen sich im Berg 13 kleine Höhlenklöster. Der Aufstieg ist nur für geübte Wanderer zu empfehlen, einige Gebetsnischen sind fast nur durch eine leichte Kletterpartie zu betreten. Wer den mühsamen Weg bei glühender Hitze begeht, wird ganz schön ins Schwitzen geraten und ist gut beraten, eine Flasche Wasser mitzuführen. Am Bergkamm begegnen mir abwechslungsweise aserbaidschanische und georgische Wachposten, die aber sehr friedlich sind, wenn man bedenkt, dass es 2012 noch zu einem kleinen Grenzkonflikt der beiden Staaten um diese Anlage kam.


Foto 33: Kloster Davit Goreja

 

Auf der Rückreise nach Tiflis bleibt unser Bus bei einem Restaurant zum Abendessen stehen. Der Tag ist vergangen, ich treffe gegen 19 h in der Hauptstadt ein. Eine abenteuerliche Reise ist zu Ende. Als ich während des Heimflugs noch einmal den Reiseführer überblättere, wird mir klar, wie viel Sehenswertes es in Georgien noch gegeben hätte. Dafür sind 11 Tage aber zu kurz.

 

Rückblende: Reisebericht Georgien 2018, Teil 1

Georgien – die Sonnenseite des Kaukasus. Teil 1: Tiflis und georgische Heeresstraße

 

 

Reiseliteratur Georgien

40 Tage Georgien (DuMont Reiseabenteuer): Unterwegs von Tiflis bis ans Schwarze Meer*

„Italien des Ostens“, „Balkon Europas“. Seit ihrer Unabhängigkeit 1991 hat sich die Kaukasus-Republik Georgien viele Namen gemacht. Doch welches Land verbirgt sich hinter den Etiketten? Und welche verborgenen Reize hält es für den aufgeschlossenen Reisenden aus dem Westen bereit? Constanze John erkundet Georgien von seiner Hauptstadt Tiflis aus in alle Himmelsrichtungen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch mal zu Fuß. Sie reist zu Klöstern und Kathedralen, sucht das Gespräch mit alteingesessenen Einheimischen und einer Schulklasse in Tbilisi. Und auch die kleine Stadt Gori spart John auf ihrer Reise nicht aus, den Geburtsort Stalins. Eine Reise auf der Suche nach der Seele Georgiens.

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