Bayerischer Wald – Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

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Absoluter Glücksfall, wenn Dir ein Wolf so vors Objektiv läuft – Foto Alwin Pelzer

Wölfe sind hoch intelligente Säugetiere. Sie haben den schlechtesten Leumund, wurden am meisten verfolgt, systematisch gejagt und fast ausgerottet. Sind Wölfe eine Bedrohung für uns Menschen?

Liegt die Angst vor Wölfen in unseren Genen? Hilft uns die Bewältigung der Angst vor Wölfen zur Bewältigung von Ängsten in unserer Zeit? Folge mir in die außergewöhnliche Welt der Wölfe.

Effekthaschende Sensationsberichterstattung

Wer hat Angst…? Ich kann diese effekthaschende Frage nicht mehr hören. Sie wirft ein bezeichnendes Bild auf unsere ausufernde Sensations-Berichterstattung und einen ökonomisierten Journalismus. Es herrscht ein wirtschaftlicher Verteilungskrieg, ein Kampf um Leser und Einschaltquoten. Journalisten/Reporter haben Verantwortung und dürfen bei bestimmten Themen Stimmungen nicht unnötig aufheizen. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag nur einige Fakten und Überlegungen aufführen, in loser Reihenfolge, ohne Gewichtung, einfach zum Nachdenken über „Angst“.

Und dies trifft in diesen Zeiten der Corona Pandemie nicht nur auf die Angst vor Wölfen zu. Prof. Heribert Prantl:
Angst achtet nicht auf Verhältnismäßigkeit…“

Bayerischer Wald, Naturpark Lusen – Foto: Alwin Pelzer

Bayerischer Wald

In meinem Bericht über: Bayerischer Wald: Nationalpark Lusen – Hab Geduld mit dem Luchs“ sind  alle wesentlichen Reisedaten (Naturparkzentrum, Geländeplan, Forschungsbroschüre…) schon behandelt und ausführlich beschrieben. Die ganz besondere Eigenschaft „Geduld haben“ findet auch bei der Suche nach Wölfen ihren bedingungslosen Einsatz.

Einem Wolf in freier Wildbahn zu begegnen gleicht der Wahrscheinlichkeit von 6 Richtigen im Lotto. Es ist schon äußerst schwierig im Gehege des Nationalparks Lusen einen Wolf auch nur ganz kurz zu sichten geschweige denn, ein vernünftiges Foto davon zu machen (Deshalb habe ich auch die Bilder für diesen Beitrag aus mehreren Bereichen: Nationalpark Lusen, Tierfreigehege Lohberg und dem Wildpark Bad Mergentheim zusammen getragen). Eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, bei der Wolfsfütterung die Tiere zu Gesicht zu bekommen.

Vollmondnacht, prädestiniert für Wolfserkundungen – Foto: Alwin Pelzer

In bester „Indianer“ Manier, leicht gebückt, in voller Körperspannung und im Einsatz aller Sinne, schleichen wir…

James Taylor: Never die young: https://www.youtube.com/watch?v=n18qlq5uNpk

Angriffe auf Menschen

Der Wolf ist zurück. Seit Jahren siedelt er sich in Deutschland wieder an. Versuche einfach selbst mal, die Anzahl der Wölfe in Deutschland  im Internet zu recherchieren. Es ist unglaublich wie viele unterschiedliche Zahlen es gibt. Von 100 bis 1500 Tieren ist hier die Rede. Sesshaft? Durchwandernd?
vergl. NABU: https://www.nabu.de/spenden-und-mitmachen/patenschaften/wolf/17649.html

Wie selbstverständlich muten wir den Menschen in Afrika und Asien zu, Löwen, Nashörner und Elefanten zu schützen, verbunden mit sehr hohen Kosten und dem Verlust von Menschenleben, hier bei uns rufen wir sofort nach gezielter Jagd und Ausrottung. Die Sorge über Wölfe in Europa ist im Vergleich dazu „absolut lächerlich“. Selbst Kühe und Pferde töten in Deutschland mehr Menschen als Wölfe. Für einen Deutschen dürfte es heute wahrscheinlicher sein, im Karibikurlaub von einer herabfallenden Kokosnuss erschlagen als daheim von einem Wolf gefressen zu werden.

Nur kurz zu sehen – Foto: Alwin Pelzer

Es kann vorkommen, dass sich Wölfe Ortschaften nähern. Häufig handelt es sich dabei um junge, neugierige Wölfe oder sogenannte „Wanderwölfe“, die auf der Suche nach einem eigenen Territorium ihr elterliches Rudel verlassen haben.

Nicht verharmlost dagegen darf das Risiko für Schafe und Ziegen werden. In ungeschützten Nutztierbeständen, insbesondere in der Schafhaltung, kann der Wolf beträchtliche Schäden anrichten. Man nennt dieses Phänomen „Surplus Killing“. Dabei töten die Wölfe z.B. bei einem Angriff auf eine Schafherde, mehrere Tiere, eben alles was sich bewegt und leichte Beute darstellt. Forscher gehen davon aus, dass sich die Wölfe in einer Art unterbewussten „Endlosschleife“ verfangen, deren Auslöser die „eingezäunten“ Fluchtbewegungen der Schafe sind. Rennende Schafe lösen immer wieder von Neuem den Beutefangreflex aus. Leichte Beute. Ähnlich dem Fuchs im Hühnerstall. Unzweifelhaft ein Konfliktpotential, jedoch nicht mit dem Begriff „Blutrausch“ zu verwechseln.

„Objektiv betrachtet“ – Foto: Alwin Pelzer

Der Wolf ist kein Kuscheltier! Er ist ein scheues Wildtier und sucht nicht aktiv die Nähe zu Menschen. Menschen gehören nicht zum Beuteschema von Wölfen. Seit 1950 sind in Europa nur drei Fälle belegt, in denen nicht tollwütige Wölfe Menschen angegriffen oder getötet haben. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Wolf im Wald angegriffen zu werden, ist aber unermesslich niedriger als die Gefahr, dass einem was passiert, wenn man mit dem Auto zum Wald fährt.

Feststellung 1: Die Gefahr für Menschen und damit die Angst vor Wölfen ist unbegründet!

Vom Hochstand aus auf Augenhöhe – Foto: Alwin Pelzer

Ursachen für unsere Angst

Doch wo liegen die Ursachen? Der Wolf hat ein Image-Problem, begründet in uralten Ängsten. Der Wolf ist kein Tier wie jedes andere. Wir lieben es, uns vor ihm zu fürchten. Diese Angst ist tief in unserem Innern versteckt, in unserem Instinkt verankert. Über viele Jahrhunderte haben unsere Vorfahren mit dem Wolf gelebt und schaurige Märchen und Geschichten über ihn gehört. Es ist so, als würden Wölfe Reflexe in uns auslösen, eine Art „Urangst“. Zwar unbegründet, passiert aber trotzdem oder gerade deshalb.

Mit der Rückkehr des Raubtiers ist auch das alte Bild von der Schafe reißenden und Menschen bedrohenden Bestie wieder da und die dadurch geschürte Angst vieler Menschen vor dem geschützten Tier. Ein blutrünstiges Monster?

„Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot“, jubeln die sieben Geißlein im Märchen der Brüder Grimm. Dann hat er auch noch die liebe Oma in Rotkäppchen verspeist.

Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum waren bis Ende April 2019  in der Schau „Der Wolf. Zwischen Mythos und Märchen“ etwa 30 Wolf-Darstellungen seit dem 16. Jahrhundert zu sehen, darunter Werke von Giovanni Benedetto Castiglione, Peter Paul Rubens, Gustav Doré, Lovis Corinth und Max Klinger. Wahrlich keine Werbung für den Wolf.

Feststellung 2: Der Wolf hat ein Imageproblem. Taucht das Tier in Geschichten auf, dann oft als Bösewicht, bestialisches Ungeheuer.

Du wirst es nie mehr vergessen – Foto: P. Pelzer

Wolfswahn und Wolfswachen

Unter Landwirten und Jägern herrscht höchste Alarmstufe. Ihr Gefühl der Bedrohung lässt sich mit Zahlen allein nicht erklären. Überall wähnen sie lauernde Wölfe. Unscharfe Fotos aus Fotofallen zeigen zwar oft nur streunende Hunde, und vom einsamen Wolf, der in einem Brandenburger Dorf herumstromern soll, und vor dem sich Kinder und Eltern fürchten, gibt es gar kein Bild. Dennoch treibt der Wolfswahn immer neue Blüten und sorgt für stets willkommene Schlagzeilen. Ihre Zahl müsse durch Schutzjagden deutlich reduziert werden. Wolfswachen werden organisiert, an denen beim Lagerfeuer, wie im Wilden Westen, immer neue Schnurren erzählt werden. Das heißt: Feuer frei. So haben insbesondere die östlichen Bundesländer ein neues Feindbild.

Ein positives Bild des Wolfs vermittelt die antike Sage von Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt werden. Mogli in der Erzählung von  Rudyard Kiplings wächst ebenfalls bei Wölfen auf.

Geländeanpassung – Foto: Alwin Pelzer

In der antiken Legende (nach Ovid) von König Lykaon, der zur Strafe für Menschenopfer in einen Wolf verwandelt wird, offenbart sich der Gedanke, dass im Wolf mehr (etwas Dunkleres) steckt als ein wildes Tier. Der Wolf stünde demnach für die Überschreitung zivilisatorischer Grenzen, für das Tier im Menschen schlechthin.

Das Motiv wurde im Mittelalter von Werwolf-Sagen aufgenommen – auch hier ist das Tier wieder ein verwandelter Mensch. Im bekanntesten Wolfsmärchen „Rotkäppchen“ symbolisiert der Wolf die gefährlichen, gewalttätigen Männer, die sexuelle Gier des Mannes. Somit ist es nicht das Tier, das böse ist, sondern der darin verborgene Mensch.

Feststellung 3: Der Wolf offenbart die Natur des Menschen

Wie kann man diese Angst nun besiegen:

Biologsiche Programmierung

Jeder, der im Zoo oder in einem Wildgehege schon mal einem leibhaftigen Wolf gegenübergestanden hat, wird sich fragen, womit dieses Tier – kaum Furcht einflößender als ein Schäferhund – das verdient hat. Sie interessieren sich schlicht nicht für uns Menschen – weder nehmen sie uns als Beutetiere, noch als Artgenossen wahr.

Demutshaltung innerhalb einer klaren Rangordnung – Foto: Alwin Pelzer

Beim Evolutionspsychologe Harald Euler finden wir: „Die Angst vor Wölfen ist biologisch programmiert. So wie die Angst vor Spinnen und Schlangen. Und auch vor Hunden. Das heißt, diese Ängste erwerben wir leicht. Dazu ist nur nötig, dass wir sehen, wie jemand anderes sich ängstigt.

Wir haben in Europa eine höhere Häufigkeit von Schlangenphobien als in Ländern, wo Schlangen viel häufiger vorkommen. Das liegt daran, dass wir bei uns gar nicht mit Schlangen konfrontiert werden. Denn dadurch verliert man die Ängste“.

In einem Zentrum bei Wien erforschen Wissenschaftler grundlegende Fragen der Psyche – indem sie mit Raubtieren experimentieren: „Kein anderes Tier ist uns in seinem Wesen und in seiner sozialen Ausrichtung so nahe wie der Wolf.“ Sowohl Homo sapiens als auch Canis lupus seien kooperative Jäger und Sammler. „Beide sind zu den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft fürsorglich, gegenüber Außenstehenden aber misstrauisch und nicht selten brutal.“

„Struppiger“ Wolf – Foto: Alwin Pelzer

Die Angst vor der Angst ist größer, je weiter wir von der Gefahr entfernt sind, weil diese dann diffus wird, und das Kopfkino anspringt. Das erleben viele Menschen gerade.

Wissen hilft, Ängste zu überwinden

Wölfe sind hoch entwickelte und extrem anpassungsfähige Säugetiere. Sie leben in einem Familienverbund – Wolfsrudel -und haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Der Körperbau des Wolfes weist ihn als ausdauernden Läufer aus, der im gleichmäßigen Trab mühelos viele Kilometer (bis zu 70 km an einem Tag) zurücklegen kann. Sie haben einen kräftigen Brustkorb, einen muskelbepackten Hals- und Nackenbereich, eine schmale und schlanke Bauchregion und lange und hohe Läufe. Die typische Gangart des Wolfes ist der sogenannte geschnürte Trab, bei dem die Hinterpfoten exakt in den Abdruck der jeweiligen Vorderpfote gesetzt werden. Doppeltrittsiegel in gerader Linie. Quasi im „Reisemodus“ kann er so eine Geschwindigkeit von bis zu 12 km/h ausdauernd halten. Auf der Jagd kann er kurzfristig Geschwindigkeiten von mehr als 50 km/h erreichen Wie alle Hundeartigen haben Wölfe 5 Zehen an den Vorderpfoten und 4 an den Hinterpfoten. Abgedrückt werden jeweils aber nur 4 Zehen und der Ballen.

Der Wolf im Wolfsfell

An jedem Haar befindet sich an der Basis eine fettproduzierende Drüse. Mit diesem Fettüberzug wird das Tier bei Regen nicht bis auf die Haut durchnässt und bildet beim schwimmen ein „Luftpolster“ mit der Wirkung eines Schutzschildes, das verhindert, dass das Wasser ganz zur Haut vordringt.

Die dichte Unterwolle spielt bei der Thermoregulierung eine wichtige Rolle. Wölfe können bei Kälte zusätzlich ihre Haare aufstellen, wodurch mehr Luft im Fell gespeichert werden kann und so eine bessere Isolationsschicht gegen Kälte ist.

Der jahreszeitlich bedingte Fellwechsel findet jeweils im Spätherbst und Frühling statt. Der Fellwechsel im Frühling kann sich bis in den Frühsommer ziehen und die Wölfe sehen in dieser Zeit recht „struppig“ aus.

Foto: Alwin Pelzer

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte

Es ist eine wechselvolle Geschichte, die vor über 36.000 (unklar) Jahren beginnt. In der berühmten „Sixtiischen Kapelle der Frühzeit“, den berühmten Höhlenmalereien von Lascaux (Weltkulturerbe) finden wir den Wolf mit Auerochse, Hirsch, Bison und Przewalski-Pferd.

Solange der Mensch als Jäger und Sammler unterwegs war, war die Beziehung zwischen ihm und dem Wolf in Ordnung. Beide profitierten voneinander. Es wird vermutet, dass der Mensch sich Jagdstrategien der Wölfe abschaute.

Vergleichsstudien der DNA von Wölfen und Hunden ergaben, dass ihre Domestizierung bereits vor ca. 33.000 Jahren begonnen hat. Aus denen dann die ersten „Haushunde“ hervorgingen und damit ihre gemeinsame Erfolgsgeschichte begann. Heute ist der Haushund (Canis lupus familiaris) das beliebteste Haustier. Die Probleme mit dem Wolf fingen erst an, als der Mensch sesshaft wurde und begann Ackerbau und vor allem Viehzucht zu betreiben.

Foto: P. Pelzer

Wolfsmanagementplan und Entspannendes

Das „Problem Wolf“ ist längst nicht so groß, wie viele es behaupten. „Nichts zu tun“ ist allerdings genauso wenig eine Lösung, wie sie zu „Freiwild“ zu erklären. Eine mögliche Alternative dazu ist ein Wolfsmanagementplan, den der Deutsche Jagdverband mit dem Aktionsbündnis Forum Natur ausgearbeitet hat. Es geht um Effektivität, die die Verhältnismäßigkeit achtet.

Und zur Entspannung einfach eine kleine Empfehlung: Prokofjews „Peter und der Wolf“
Andra tutto bene – eine am Ende versöhnliche Geschichte, in der die Jäger nicht ballern und der Wolf überlebt.

https://www.youtube.com/watch?v=Fmi5zHg4QSM

Lies die Geschichte vom berühmtesten Wolf: Eine AlphaWölfin mit dem kurzen Namen:06

https://www.nationalgeographic.de/tiere/2018/04/der-beruehmteste-wolf-der-welt-und-sein-tragischer-tod

Ängste lauern überall. Wissen und Informationsbeschaffung, kritisches Hinterfragen sind unerlässlich. Es gibt eine individuelle Verantwortung, die muss jeder für sich selbst, für seine Mitmenschen für Umwelt und Natur übernehmen. Wir sind gut beraten in den Spiegel zu schauen.

Auch hier gilt Angela Merkel: Wir müssen die Emotionen mit den Fakten versöhnen.

Foto: P. Pelzer

 

Titelbild: Absoluter Glücksfall, wenn Dir ein Wolf so vors Objektiv läuft – Foto: Alwin Pelzer