Andalusien: Semana Santa in Granada – ein mentaler Ausnahmezustand – Teil 1

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Andalusien, Semana Santa in Granada, Prozession - Bild copyright Alwin Pelzer - 1

Erlebe mit mir die Semana Santa – ein ergreifendes Ritual der Buße, aber auch der ausgelassenen Lebensfreude. Lass Dich inspirieren von einer Vielzahl an Gedanken zu einem humanen Menschenbild, auf eine Allegorie an den Wertewandel unserer Zeit und eine Symbiose aus christlichen und islamischen Glaubenselementen.

Andalusien und Granada

Wie geht es Dir, wenn Du das Wort Andalusien hörst? Hast Du verklärte Augen wenn Du alleine nur den Namen Andalusien hörst? Verbinden sich nicht augenblicklich hohe Emotionen und schwärmerische Gedanken mit: intensiven Farben, starken Stieren, rassigen Pferden, schönen Frauen, weißen Dörfern in lichtdurchfluteten Landschaften.
Und einer islamischen Architektur die alles in Schatten stellt.

Gibt es eine andalusische Wirklichkeit hinter all den Klischees die wir so im Kopf haben? Urteile selbst.

Habanera, lass Deine Fantasie spielen – Bild: Alwin Pelzer

Einer der Kristallisationspunkte ist Granada, mit seiner „Roten maurischen Stadtburg“. Die Alhambra ist eine Zitadelle- arabisch Kasbah aus 1001 Nacht. Folge mir in eine religiöse, ergreifende Welt. Das christliche und arabische Erbe ist atemberaubend…eine Einladung zur Leidenschaft.

Alhambra, ein Märchen aus 1001 Nacht – Bild: Alwin Pelzer

Wer Granada nicht gesehen hat…

Quien no ha visto Granada, no ha visto nada,- „Wer Granada nicht gesehen hat, hat nichts gesehen.“

Diesem selbstbewussten Satz der Bewohner dieser wirklich außergewöhnlichen Stadt möchte ich hinzufügen: Wer diese Stadt, wer ihr berühmtestes Bauwerk richtig verstehen und in sich aufnehmen möchte, kommt in der heiligen Woche, der Semana Santa, hierher. Du bekommst einen Schlüssel für Kultur, für einen Ort voller Romantik und Poesie, aber auch nachdenklich stimmenden Gedanken. Lass Dich überwältigen von purer Lebensfreude.

Sehnsuchtsorte

Granada, die Alhambra sind Sehnsuchtsorte:

„Es sind die unerwarteten, nicht planbaren High-Emotion-Situationen die ich in meinen Reiseberichten zum Ausdruck bringen möchte. Es sind nicht die „physischen“ Orte selbst, diese bieten nur die Rahmenbedingungen. Es sind die persönlichen Umstände und Situationen, die eigenen Fantasien und Stimmungen, die Neugier, die Zufälligkeiten, die musikalischen Töne… die Sehnsuchtsorte zu dem machen, was wir suchen“.

 

Der Zauber erwacht – Bild Alwin Pelzer

Pauschal oder Individual?

Wir hatten uns schweren Herzens für eine organisierte Studienreise (beim fast gleichlautenden Reiseanbieter) entschieden weil die berufliche und private Situation keine ausführliche Vorbereitung einer Individualreise zuließen (Wanderrouten, Tickets für die Alhambra in der Osterzeit…).

Es wurde dann ein vielversprechendes Andalusien-Paket: mit Granada, Sevilla, Cordoba, und Ronda, jeweils mit Wanderungen an den Reisetagen zwischen den Reisezielen. Eine optimale Kombination aus Kultur und Natur, aus Staunen und Bewegung.

Albaicín, Granadas ältestes Stadtviertel, mit versteckten „Carmen-Gärten“ – Bild: Alwin Pelzer

Zunächst aber war es ein langer Tag, der Karsamstag, von der Anreise zum Flughafen München, Flug, Landung in Málaga kurz vor 18:00 Uhr, 160 km im Bus bis zum Hotel in Granada. Dann schnell schnell zum Abendessen mit schon ungeduldig wartendem Service Personal. Jeder Reisende kennt diese zermürbenden und kräftezehrenden Anreise-Prozeduren.

Entsprechend des hohen Reisepreises waren auch meine Erwartungen an die Reiseleitung und Durchführung. So konnte ich es schlicht nicht fassen, dass unser Guide mir keinerlei Auskünfte zur Semana Santa, heute war immerhin der Karsamstag, geben konnte und es für sinnvoll hielt, frühzeitig schlafen zu gehen. „Morgen wartet die erste Wanderung in der Sierra Nevada auf uns“. Siehe unten: „der Pass des letzten Seufzers“.

Mach dir selbst ein Bild, was wir versäumt hätten, wenn wir seinem Rat gefolgt wären.

Musikalische Rythmen weisen den Weg durchs nächtliche Grananda – Bild Alwin Pelzer

Volksglaube und architektonische Rahmenbedingungen

Genauer: Es ist eine Symbiose aus tiefempfundenem Volsksglauben und den christlichen und islamischen Rahmenbedingungen die Granada bietet. Schon nach wenigen Metern Entfernung vom zentral gelegenen Hotel Carmen (Hoteltipp am Ende des Berichtes) spüren wir die außergewöhnliche und nur schwer zu beschreibende Stimmung die sich wie ein Mantel über ganz Granada ausgebreitet hat, laufen über leer gefegte Straßen, und hören seltsam klingende, eindringliche musikalische Rhythmen.

Semana Santa – die Passion Christi rituell nacherleben

Die Karwoche zählt zu den traditionellsten und am tiefsten verwurzelten Festen Spaniens. Bei den Feierlichkeiten, die eine jahrhundertealte Geschichte besitzen und rituelle Vorgaben erfüllen, wird der Leidensgeschichte Christi und seines Todes gedacht. Trauer und Buße aber auch Auferstehung und Lebensfreude. Intensiv und unter großer Anteilnahme aller Bevölkerungsgruppen, wird die Semana Santa (die heilige Woche), von Palmsonntag bis Ostersonntag gefeiert, mit speziellen, typisch regionalen Ausprägungen. In Granada wurde sie im Jahr 2009 zu einer Fiesta de Interés Turístico Internacional (Feier von internationaler touristischer Bedeutung) erklärt. Im Jahr 2017 wurde sie zur spektakulärsten Semana Santa Spaniens gewählt.

Eine kleine Übersicht mit den wichtigsten Feierlichkeiten der heiligen Woche für Granada findest Du bei den Reisetipps.

Ganz Andalusien schmückt sich, Palmzweige als Symbol für heimkehrende Sieger – Bild: Alwin Pelzer

Eindringliche Prozessionen

Das von Palmen und Ölbäumen umgebene Granada putzt sich zum Palmsonntag heraus. Erwacht zu Trommelwirbeln die die acht bedeutungsvollen Tage einleiten.

Zentrales Element sind die ergreifenden (für Christen) und spektakulären (für „nicht so Gläubige“) Prozessionen, die während der ganzen Woche stattfinden. Sie werden jeweils von Hermandades bzw. Cofradías genannten Vereinigungen/Bruderschaften organisiert und durchgeführt. Die Bruderschaften verstehen sich nicht als verlängerter Arm der Kirche, es hat sich jedoch im Laufe der Jahre eine gegenseitige Akzeptanz entwickelt.

Palmzweige, Symbol für den Einzug Christi in Jerusalem – Bild: Alwin Pelzer

In Granada gibt es 32 Bruderschaften, verteilt auf die jeweiligen Stadtteile und Kirchengemeinden. Jeder Bezirk hat sein eigenes Markenzeichen: Realejo, Albaicín, Zentrum, Zaidín, Sacromonte oder Alhambra. Und nach meinen nicht so intensiven Vorbereitungen müsste heute am Karsamstag eigentlich eine Abendprozession stattfinden: Die Karsamstags Prozession der Schmerzensreichen Mutter der Alhambra.
Innerhalb der Katholischen Kirche nimmt die Marienverehrung einen besonderen Platz ein. So gibt es am Ostersamstag nur eine Hauptdarstellerin, die „Heilige Maria der Qual der gekrönten Alhambra“ (direkt übersetzt).

Prozessionsweg Teil 1 – die geordnete Welt

Das Ziel ist eine Strecke, die für die Erfüllung des Bußaktes vorgeschrieben ist. Diese Strecke ist genau festgelegt und für alle Bruderschaften von Granada gleich. Das „Kernstück“ ist der Abschnitt vom Rathausplatz zur Kathedrale, durch das Hauptportal in die Kathedrale hinein, bis vor den Altar, dann seitlich an der Puerta del Perdón (Tür der Vergebung) aus der Kathedrale heraus. Es ist eine öffentliche Buße, mit Vorläufern in den  öffentlichen Selbstgeißelungen, im Mittelalter weit verbreitet und als Mittel zur Vergebung der Sünden gemeinhin anerkannt. Hier werden Gedanken zur Inquisition, an Ketzer und Häresie unweigerlich geweckt.

Die Prozession startet in der Kirche der Heimatgemeinde der jeweiligen Bruderschaft. Somit beginnt in der Kirche der Alhambra: der Iglesia de Santa María de la Alhambra der heutige Prozessionsweg. Auf den Ruinen einer großen maurischen Moschee wurde die christliche Kirche nach einem Entwurf von Juan de Herrera ab dem Jahre 1581 errichtet. Der Grundriss ist ein lateinisches Kreuz, mit sechs sich an beide Seiten des einzigen Schiffes anschmiegenden Kapellen und einem unverkennbaren Glockenturm.

Iglesia de Santa María de la Alhambra, Bildmitte, links mit Glockenturm – Bild: Alwin Pelzer

Der Weg führt durch das berühmte Weintor (Puerta del Vino), vermutlich eines der ältesten islamischen Bauwerke der Alhambra, aus der Zeit Mohammeds II. hinunter in die Stadt zum Rathaus. Die Glocke (christlich) im Alcazaba (islamisch) läutet wenn die Jungfrau (christlich) durch das Weintor (islamisch) geht…

Auf dem Rückweg von der Kathedrale zur Alhambra kreuzen sich unsere Wege, hier stoße ich auf die Prozession und bin schlagartig und unverhofft im Geschehen. Irgendwie gefangen, unwirklich und unfassbar stehe ich in der dritten Reihe am Straßenrand und weiß nicht, wohin ich zuerst blicken soll. Von einem sanften Schauder berührt, wie aus einer anderen Welt, aus einem uralten Traum steigen die symbolische Gegenstände (Kreuze, Fahnen, Banner…), die Heiligenfiguren, die Menschen in ihren Kutten mit übergroßen Spitzhüten vor mir auf.

Silberne Standarte – Bild: Alwin Pelzer

Geordnete Welt, Nazarenos mit Kerzen im 1. Teil der Prozession – Bild Alwin Pelzer

Die Prozessionen der Semana Santa, besonders die nächtlichen Umzüge, sind so mitreisend, weil sie so geheimnisvoll, so unheimlich, fast bedrohlich wirken. Dies macht sie aber auch so überaus anziehend.

Prozessionsweg Teil 1 – In strenger Ordnung:

Die breiten Straßen in Granadas Mitte, die Calle Gran Via de Colon, Calle Reyes Catolicos, vorbei am Plaza Isabel la Catolica, bis zum Plaza Nueva, bieten genügend Raum für die Prozessionsteilnehmer aber auch für die vielen tausenden von Zuschauern an den Straßenrändern. Hier herrscht eine strenge Prozessionsordnung, jeder Teilnehmer an der zugewiesenen Stelle, innerhalb der festgelegten Reihenfolge. Getragen von kraftvoller Marschmusik. Die Prozession kommt gut voran.

Das cruz de Guía (Leitkreuz): Ein großes Kreuz, meist aus Holz und mit Silber verziert, das die Prozession eröffnet und an den Engpässen den Weg für den Zug bahnt.

Leitkreuz – Bild: Alwin Pelzer

Die Chías: vier vermummte, großwüchsige Figuren mit Trompeten. Sie stellen Vertreter der Inquisition dar, die den Verurteilten vorausgingen und Almosen für deren Beerdigungen sammelten.

Chias, Vertreter der Inquisition, farbenprächtige Wappen der Bruderschaft – Bild: Alwin Pelzer

Die Nazarenos del Cristo: Jesus von Nazareth ist der Namensgeber für diese Gruppe der Büßer. Aus Scham wird Individualität aufgegeben, sich eingereiht in die Legion der namenlosen Sünder. Buße tun heißt in diesem Fall, sich selbst preis zu geben. So tragen die Nazarenos die typischen Spitzhütte, die Capirote oder Coroza. Die Insignien oder das Wappen der Bruderschaft sind in feinem Gold auf die Capirote gestickt. Von der spanischen Inquisition vorgeschrieben, mussten damals Männer und Frauen, die verhaftet und verurteilt wurden, als Zeichen der öffentlichen Demütigung in der Öffentlichkeit eine „Papiertüte“ tragen. Die Farbe gab Aufschluss über das Strafmaß: Menschen, die zur Hinrichtung verurteilt waren, trugen eine rote Capriote.

Insignien religiöser Würde – Bild: Alwin Pelzer

Unwillkürlich denken Semana Santa Besucher an den Ku Klux Klan. Der rassistische Geheimbund aus den amerikanischen Südstaaten hatte sich die Spitzhauben-Ästhetik bei den Karfreitags-Büßern lediglich abgeguckt. Der Klan wurde Weihnachten 1865 gegründet, gut drei Jahrhunderte nachdem sich die Karwochen-Prozessionen etabliert hatten. Es gibt keinen direkten ideellen Bezug.

Üblicherweise gehen die Nazarenos in Zweierreihen und tragen große Kerzen, teilweise sind auch andere Insignien zu sehen, z. B. Silberstäbe, die Fahnen der Bruderschaft oder Holzkreuze. Die Farben der Kerzen sind für die jeweilige Prozession vorgeschrieben. Siehe weiter unten: Bola de Cera.
Buße tun heißt, die eigene Fehlbarkeit als Teil des unabänderlichen Laufs der Dinge zu akzeptieren.

Nazarenos del Cristo – Bild: Alwin Pelzer

Der Paso: Das zentrale Element und die eigentliche Preziöse der Bruderschaft ist der Paso. Auf einem tischartigen Tragegestell wird eine Szene aus der Leidensgeschichte dargestellt, die Passion Christi rituell nachzuerleben und dies der Öffentlichkeit vor Augen zu führen. Heute : die „Heilige Maria der Qual der gekrönten Alhambra“. Eine Pieta mit der Jungfrau Maria, die Ihren toten Sohn im Schoße trägt. Mit einer Hand hält sie den Kopf Christi, mit der anderen seine Hand. Drei Tränen laufen über ihre Wangen. Ein Dolch symbolisiert den die Qualen und Schmerzen Mariens. Die mehrfarbige Holzschnitzerei wurde um 1750 von Torcuato Ruiz del Peral angefertigt.

Paso: Pieta Heilige Maria der Qual der gekrönten Alhambra – Bild: Alwin Pelzer

Unvorstellbar: bei genauer Betrachtung wirst Du feststellen, dieser Paso ist eine Symbiose aus Maurischen und Christlichen Elementen. Der berühmte Löwenhof aus dem maurischen Nasiriden Palast der Alhmabra stand Pate für die Anfertigung dieses Pasos. Im Maßstab 1:12 gefertigt thront Maria auf einer silbernen islamischen Bogenkonstruktion. Die 4 silbernen Ecklaternen tragen ebenfalls nasiridische/islamische Gestaltungsmotive.

Paso, Unterbau – Bild: Alwin Pelzer

Zum Vergleich: Löwenhof der Alhambra – Bild: Alwin Pelzer

Der Paso wird von einem Capataz geleitet und von etwa 40 bis 50 Costaleros auf den Schultern getragen. Schon während mehrwöchiger Vorbereitungen üben die Costaleros das tragen und manövrieren. Sie befinden sich dabei unter den Konstruktionen und können wegen der Seitenbehänge aus Stoff die Umgebung nicht sehen.

Der Paos „schwebt“ – Bild: Alwin Pelzer

Begleiter rufen Kommandos für die Steuerung der Richtung und das Tempo. Kommandos für das gleichzeitige Absetzen und Anheben der Konstruktionen werden durch Klopfzeichen gegeben. Der Paso scheint zu schweben.

Nazarenos de la Virgen: Der zweite Teil der Büßer. Bei einigen Bruderschaften unterscheidet sich ihre Kleidung von der der Nazarenos del Cristo. Hier sind dann auch die ganz in schwarz gekleideten Frauen mit Ihren typischen Kopfbedeckungen, den Mantillas (leichtes Seidengewebe als Schleiertuch) zu finden.

Zeichen der Buße: barfuß gehen – Bild: Alwin Pelzer

Musikkapelle, getragene Marschmusik – Bild: Alwin Pelzer

Erlösung und Gänsehaut

Ihre alljährliche Wiederkehr nach immer gleichem Ritual verleiht auch dem, der nicht an Erlösung und Auferstehung glaubt, den Hauch einer Ahnung davon, was Ewigkeit bedeutet.

Und Granada wird warten, warten auf einen neuen Frühling, eine neue Karwoche. Auf die intensive und die besondere Vision dieser Jahreszeit. Erneuerung? Wiederbelebung? Erwachen?

Und man muss weder Andalusier noch religiös sein, um sich bei der Semana Santa eine Gänsehaut einzuhandeln…

Lies im Teil 2

– von sich auflösenden Strukturen im Prozessionsweg

– von Religiosität und Lebensfreude pur

im Teil 2 findest Du die Reisetipps, Informationen zur Übernachtung, Wasser und Gartenkunst, Pflanzen für Deinen Garten, Gastronomische Besonderheiten und höre den Seufzer des letzten islamischen Herrschers am Gebirgspass der Sierra Nevada.