Aus 1 mach 225. Von der 1. Auflage des Portugal-Reiseführers zu einem 35-jährigen Reisebuchverlag

Portugal-Reiseführer
Von Michael Müller

»Ungewöhnlich für die an ›normale‹ deutsche Zustände Gewöhnte sind die vielen Fußgänger, die (auch nachts!) auf den Straßen zwischen den Ortschaften unterwegs sind (Ähnliches habe ich so ausgeprägt nur im jugoslawischen Balkan in der Nähe der griechischen Grenze erlebt.) Noch mehr aufpassen sollte man mit den unbeleuchteten zweirädrigen Esels- und Ochsenkarren, die ab und zu in der Dunkelheit auftauchen.« Nein, nicht von einem anderen Kontinent ist hier die Rede. Ende der 1970er war Portugal von Deutschland noch immer ein kleines Weltende entfernt.

Am anderen Ende der Welt saß ein 26-jähriger Mercedesmechaniker. Halbwegs unzufrieden mit seinem Beruf, ziemlich wild auf die Welt, die er noch nicht kannte. »Nach dem Ende der Diktatur 1974 sind viele junge Leute neugierig auf das Land geworden. Es gab einen regelrechten Solidaritätstourismus. Dazu kam die Nostalgie – in Portugal schien die Zeit in den 50ern stehengeblieben zu sein und eigentlich geht es heutigen Lissabontouristen noch immer ein bisschen so.«

»Gegen Voreinsendung eines Schecks über 11,80 DM oder Postscheckkonto« konnte man sein »Portugal. Reisetips« beziehen: in 1. Auflage 1979. »So ein richtiger Knaller wurde es zunächst nicht« erinnert sich der Selfpublisher von damals. Er belud seinen VW Käfer mit Büchern und tingelte von Buchhandlung zu Buchhandlung. »Die meisten wollten lediglich auf Kommission beliefert werden, und ich glaube, ich wurde mit meinem Schreibmaschinenlayout nicht richtig ernst genommen.« Seinen ersten Großkunden versorgt der gebürtige Ebermannstädter noch immer: die Geobuchhandlung Dr. Götze in Hamburg, die gleich 50 Exemplare abnahm. Nach einem Jahr waren 2.000 Portugal-Bücher verkauft. Ein Impuls, um die roten Zahlen auf dem Bankkonto zu ignorieren!

Ein Wohnbüro und eine Triumph-Adler

1981 erschien der zweite Band: »Toscana – Florenz, Elba, Umbrien«. 1982 kam der erste Bestseller der kleinen Bücherschmiede heraus, Eberhard Fohrers »Mit der Eisenbahn durch Europa«, das sogar ins Schwedische übersetzt wurde. Es folgten Titel wie »Bodensee«, »Sauerland« oder »Marokko«.
Was war das Neue an diesen Reisebüchern? Die Autoren, junge Männer und Frauen, denen es zu Hause zu eng wurde, nahmen einen unerwarteten Blickwinkel ein: Sie schlüpften in die Rolle der Reisenden, probierten aus, testeten. Am Ende ihrer mehrmonatigen Aufenthalte hatten sie aufgeschrieben, worüber die anerkannten Reisebuchverlage die Nase rümpften: individuelle Tipps für individuell Reisende.

Die Bücher entstanden im »Wohnbüro« des Verlegers auf einer »Triumph-Adler«, einer elektronischen Kugelkopfschreibmaschine, die einige Texthappen speichern konnte. Recherchiert wurde dort, wo die Reise stattfand. »Mein Budget war extrem klein« erzählt der fränkische Auto(schraube)r aus seiner Anfangszeit, »und eigentlich wollte ich per Anhalter nach Portugal kommen. Aber nach zwei Tagen mit dem Daumen habe ich es nur bis Lion geschafft und mir dann ein Zugticket gekauft.« Unterwegs war der junge Verleger meist mit dem Bus, ein Unding, wenn man in etwas abgelegeneren Regionen recherchieren oder Strände besuchen wollte.

Milchkaffee dünn, aber Musik gut

Dieses slowly travelling kam den Büchern wiederum sehr zugute. Die Abschnitte zur Anreise fielen 20 Jahre vor dem WorldWideWeb geradezu episch aus. Selbst unter der Rubrik »Trampen« findet man launige Hinweise: »Lohnt sich bis zur spanischen Grenze, aber nicht weiter, da die Spanier nur ungern einen Fremden in ihren Wagen steigen lassen.« Gewertet wurde, wenn es um Kulinarik ging. Zum Restaurant Togi in Carvoeiro schrieb Michael Müller: »Es gibt portugiesische und französische Spezialitäten. Preise sind so saftig wie die Steaks.« Immerhin, in der umliegenden Kneipe Lo Maximo wäre der Milchkaffee zwar »dünn«, doch »die Musik gut (Pink Floyd)«.

Nicht nur wegen solcher Verweise lesen sich viele Auszüge des Verlagserstlings wie aus einer vergessenen Zeit. Ein kleiner Tipp für die »Diskotheken« in Porto: »Wenn ohne Freundin unterwegs, ist es besser, aus den letztgenannten Kneipen eine nette Portugiesin zum Tanzen mitzunehmen, denn ohne weibliche Begleitung wird man vielleicht nicht hineingelassen.« Sogar die Piktogramme und Zeichnungen, die anstatt von Fotos zu sehen waren, galten bald als kultig. Ganz gleich, ob es sich um einen »portugiesischen Beachboy« (1. Auflage 1979, S. 116), an Loriotfiguren orientierte Kellner, eine schummrige Gasse im Lissabonner Nachtleben oder eine hübsche Badenixe zum Rio Cávado handelte.

Reisebücher von Reisenden für Reisende

Aus einem Buch wurden 225, darunter City- und Wanderführer samt E-Books und Reise-Apps. Seit 2012 gibt der Verlag die zweitumsatzstärkste Reisebuchreihe (nach Marco Polo) heraus. Ehrliche »Reisebücher von Reisenden für Reisende« sind es geblieben.

Und »Portugal«? Das Urwerk mit seinen gerade mal 133 Seiten kommt inzwischen auf fulminante 816 Seiten. 2014 erschien die 21. Auflage, komplett in Farbe, mit herausnehmbarer Karte, noch immer vom Verleger selbst verfasst. Irgendwie auch ein Geburtstagsgeschenk zum 35-jährigen Verlagsjubiläum.

 

Portugal

 


 

 

Dabei fällt mir ein:

Auch mein Reisebuchverlag kommt langsam in die Jahre. Graue Schläfen sind schon sichtbar, aber die Ebook-Welle bringt uns zu einem zweiten Frühling:

In 2 Jahren können wir das 30-jährige Jubiläum feiern, im

WBV Wolfgang Brugger Verlag Reisebücher

WBV = Wolfgang Brugger Verlag Reisebücher

Wolfgang Brugger Verlag

The following two tabs change content below.
Wolfgang Brugger

Wolfgang Brugger

CEO, Founder
Wolfgang Brugger ist der Webmaster von ReiseFreaks ReiseBlog. Reist (trotz Gehbehinderung) gerne und schreibt ehrlich über seine Reisen und die Möglichkeiten/Hindernisse, die er vorfindet.   PS: Bleib am Ball! Abonnier den kostenlosen ReiseNewsletter "ReiseJournal: ReiseNews und ReiseBerichte" unter http://ReiseNewsletter.ReiseFreak.de oder gleich auf dieser Seite, rechts.
Kurz-URL für diesen Beitrag:

Kurzlink zum Anklicken: http://goo.gl/ATB0JM

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Mehr in Buchvorstellung, ReiseNews
Uber: Gericht in Frankfurt stoppt erneut Fahrer

"Taxifahrer wollen Uber vor sich hertreiben" Lies diesen Artikel in der Süddeutschen: Uber: Gericht in Frankfurt stoppt erneut Fahrer

Urteil – Air Berlin darf keine Stornierungsgebühr erheben

"Wer einen Flug stornieren möchte, muss kein Bearbeitungsentgelt bezahlen". via Urteil - Air Berlin darf keine Stornierungsgebühr erheben - Ein...

Schließen