Abgebrannt am Straßenrand: Auf Jobsuche in Australien

360° Australien: Von Adelaide nach Perth (Teil 4)

Habt ihr euch schon mal gefragt, wie eigentlich diese köstlichen, vollrotglänzenden Erdbeeren und Kirschen aus dem Supermarkt, in diese niedlichen, transparenten und angeblich klinischreinen Plastikschälchen kommen? Wohl kaum. Etwa ein Fall für TKKG oder Peter Lustig? Sicherlich nicht, sondern wahrscheinlich vielmehr das Produkt von banalen Maschinen in unserer hochtechnisierten und vor Erfindungsreichtum strotzenden Welt. Denkste Püppi. Leider nicht im Entferntesten. Wir fliegen zum Mond, düsen mit Robotern über den Mars und transplantieren ganze Gliedmaßen aber unsere popligen Erdbeeren und Kirschen pflücken wir immer noch per Hand und lassen diese dann von Billiglohnkräften in Hartplastikverpackungen stopfen. Verrückte Welt. Aber dazu wie immer später im Blog.

Nachdem ich über 1.800 Kilometer von Port Lincoln ins wunderschöne Esperance getrampt bin, hatte sich der Entschluss gefestigt, dass ich nach längerer Zeit des Reisens in Australien, endlich “sesshaft” werden möchte. Ein Job sollte her. Egal welcher. Nur wie? Doch bevor ich das Großprojekt Jobsuche angehen konnte musste unbedingt eine Dusche her. Ich stank zehn Meilen gegen den Wind.

 

Drei Tage Trampen bis Esperance, eine Nacht im Schlafsack am West Beach und eine im Zelt auf irgendeinem Industrieparkplatz, leicht außerhalb Esperance, hatten deutliche Spuren für mich und meine Umwelt hinterlassen. Die Lösung lautete Hostel und da es nur eines in der Stadt gibt, checkte ich im “Blue Waters Lodge” ein. Wohlgemerkt ein YHA-lizensiertes Hostel.

Eines der ganz besonderen Art, das mit kotbeschmierten Duschen und 26-Betten Zimmern überzeugte. Frisch geduscht, rasiert und auf links gekämmt, ging es an die potenzielle Arbeitgeber-Akquise. Facebook Esperance, die lokale Zeitung und Gumtree waren genauso hilfreich wie Eiswürfel in der Antarktis, also beschloss ich wieder einmal alles auf mein 100-Dollar-Lächeln zu setzen. Selbstbewußt grinsend stolzierte ich in jedes Restaurant, Hotel, Sportgeschäft, Fittnessstudio und in einen Supermarkt.

Ohne Erfolg. Anscheinend hatte ich mir die falsche Zeit im Jahr ausgesucht. Ohne Job aber mit vielen netten Bekanntschaften, die sich alle fast schon entschuldigten, keinen Job für mich zu haben, kehrte ich in meine Absteige zurück. Eine Stadt zum Verlieben, das Kothostel mal ausgeschlossen. Da ohne Moos bekanntlich nichts los ist, beschloss ich mein Glück in der nächst größeren Stadt zu versuchen, die 420 Kilometer entfernt war und auf den Namen Albany hört.

Eineinhalb Stunden musste ich meinen Daumen in die Höhe halten, bis ich von einem riesigen Road Train mit drei Anhängern, der gerade auf dem Weg zu den Minen war, aufgelesen wurde. Trucker “Kiwi” – ihr erratet nie wo der her war – gab mir einen Lift bis nach Ravensthorpe, 192 Km Richtung Albany. An der Tankstelle im besagten Ravensthorpe hatten sie zwar auch keinen Job für mich, dafür aber den Tipp, dass ich doch unbedingt das Küstendörfchen Hopetoun besuchen müsste.

Schlappe 100 Km in die falsche Richtung. Aber da ich mir in den Kopf gesetzt habe auf meiner Australienreise auf Tipps von Einheimischen zu hören, trampte ich zu diesem Hopetoun, erkundete mit meinem schweren Rucksack und bei strömenden Regen die Gegend und übernachtete wie gehabt illegal hinter den Dünen am Strand.

 

 

Am folgenden Tag trampte ich zurück nach Ravensthorpe, erwischte meine nächste Mitfahrgelegenheiten bis nach Mount Barker und wäre mein Rucksack nicht zu schwer gewesen, hätte mich eine Motorradgang, die letzten 50 Kilometer bis nach Albany mitgenommen. Stattdessen fuhr ich mit einem Politiker aus Perth, der seine totkranke Mutter besuchen wollte. Insgesamt 2.300 Kilometer, die ich somit auf meinem “Ich trampe durch Australien”-Konto habe. Und alles für lau. Aber viel wichtiger und prägender als kostenlose Asphaltkilometer sind die Begegnungen mit den Menschen, die mich uneigennützig durch das halbe Land kurven und dabei Teil an ihrem Leben haben lassen. Die mir bereitwillig, stolz alles über ihr Land erzählen. Geschichten, farbenfroh und einzigartig wie das Land selbst.

Albany. Jobsuche, Klappe die zweite. Zufällig war an diesem Samstagnachmittag in Albany das “weltberühmte” Christmas Festival, Parade, Akrobatikshow und Kinderbespaßung inklusive. Ich weiß nicht ob ihr schon einmal mit kurzer Hose auf einem Weihnachtsmarkt wart – ich schon aber das hatte andere Gründe – denn während bei euch in Deutschland gerade die Temperaturen im Minusbereich liegen dürften und ihr gemütlich mit einem Glühwein oder zwei über den Weihnachtsmarkt schlendert, flitzen hier alle mit Shorts, T-shirt und Weihnachtsmannmütze durch die Gegend. 25 Grad im Schatten, da macht Weihnachten Spaß. Wenn auch etwas ungewohnt.

Egal, um 20 Uhr war das Festival vorbei, Groß und Klein trottete nach Hause um sich gemütlich vor dem Flatscreen berieseln zu lassen und auch ich musste mich langsam Gedanken über einen Schlafplatz machen. Geizig wie ich bin und noch leicht geschädigt vom Ekelhostel in Esperance, irrte ich im Dunkeln durch Albany, bis ich auf einem Museumsgelände ein riesiges Segelschiff, ein wichtiges Heiligtum der Albanesen, entdeckte.

 

Dort wollte ich unbedingt mit meinem Schlafsack übernachten, da ich vorher noch nie auf einem Schiff gepennt hatte; Und genauso geschah es auch. Hätte mich die Polizei erwischt, hätte es eine saftige Geldbuße gegeben und wäre ich dem Stadtpöbel in die Hände gefallen, hätten diese mich wahrscheinlich geteert, gefedert und am nächsten Baum oder direkt am Schiffsmast aufgebaumelt. Sonnenkind sei dank, ging natürlich auch dieses mal wieder alles gut.

 

 

Um eine Erfahrung reicher, checkte ich am nächsten Morgen im Bayview Backpackers ein. Natürlich auch YHA-Zertiziert und im Vergleich zur letzten YHA-Absteige, eine deutliche Verbesserung; wenn auch die Empfangsdame deutlich an Freundlichkeit vermissen ließ, was jedoch nicht ihre Schuld war, schließlich ist sie Deutsche, wie sich kurze Zeit später herausstellte…

Dieses mal auf rechts gekämmt und nach einem Vollkontakt mit meiner Kernseife, ging es wieder auf Jobsuche. Um es kurz zu machen: vier Arbeitsvermittlungen, zwei Supermärkte, etliche Shops, den Wochenmarkt und alles was Zeitung und Internet her gab später, lag meine Erfolgsquote immernoch bei nullkommanull. Echt nervig, genauso wie die einheitliche Aussage, dass ich es doch zwischen den Feiertagen erneut versuchen sollte. Und dann, einen Tag später, ich wollte gerade meinem Normadenimage gerecht werden und in die nächste Stadt weitertrampen, erhielt ich einen Anruf.

Fruchtfarm XYZ, dessen Nummer ich von einer transparenten und angeblich klinischreinen Kirschverpackung auf dem Wochenmarkt hatte, rief mich zurück, nur um mir abzusagen und weitere fünf Minuten später doch einen Job anzubieten. Akkordarbeit. Etwas das ich eigentlich nicht machen wollte. Aber etwas Geld ist bekanntlich besser als gar keins, also sagte ich zu. Am nächsten Vormittag sollte ich abgeholt werden und auf die 90 Kilometer entfernte Farm, irgendwo im Nirgendwo, chauffiert werden. Da bis dahin noch reichlich Zeit war den Nachmittag zu genießen, schloss ich mich zwei australischen Mädels aus Melbourne an und erkundete den nahe gelegenen Torndirrup National Park, der ehrlich gesagt nicht besonders spektakulär ist.

Mit Ausnahme der Blowholes, die einen markerschütternden Sound von sich geben. Und wenn ihr schon mal dort seid, dann lauft einfach weiter am Hang entlang. Denn wie überall im Leben, verbergen sich die wirklich coolen Dinge, abseits der Touristenrouten. Habt ihr euch erst einmal am Hang und über riesige Felsen gekämpft, schlummert dahinter ein kleiner aber feiner Sandstrand mit brachialen Wellen und einer Strömung, die Schwimmen zu einem Selbstmordkommando werden läßt. Noch bevor ihr den Sandstrand betretet, findet ihr, von Felsen umzingelt, einen Naturpool, in den ihr euch legen könnt und bei starkem Wellengang von der Strömung hin und her getrieben werdet.

Ein echter Spaß und nur noch zu toppen von den bis zu acht Meter hohen Wasserfontainen, die bei starken Wellen gegen die Klippen anrennen, in die Luft schießen und euch mit salzigem Meerwasser überdecken. Genial. Schaut es euch an.

 

 

Der Job: Mit zwei Stunden Verspätung, sammelte der Besitzer der Fruchtfarm mich und Romain ein, ein weiterer Backpacker aus Belgien. Zu dritt ging’s erst zum Lebensmittelschoppen und dann mit dem Jeep in die australische Pampa. Weit weg von irgendwo. Oder zumindest weit genug um nicht wieder ohne weiteres abzuhauen. Mit den einleitenden Worten:”Das ist die Farm und hier sind eure Zimmer. Da ist die Küche. Die Toiletten sind hier. Den Papierkram bring ich euch später.”, war Farmbesitzer Norman auch schon wieder verschwunden. Positiv überrascht vom sauberen Einzelzimmer für 11$ pro Tag, machte ich mich ans Ausfüllen der Verträge, die doch teilweise sehr undurchsichtig waren.

Kleines Beispiel gefällig? Das es sich um Akkordarbeit (piecework) handelt hatte ich ja bereits erwähnt aber das es Arbeitsverträge gibt, in denen kein Verdienst angegeben ist, war mir neu; Lediglich der Hinweis, dass der Preis täglich je nach Marktlage schwankt und abhängig von den gesammelten Früchten ist. Was das bedeutet, sollte sich später noch herausstellen.

Dann endlich: mein erster Arbeitstag in Australien. Wecken 5 Uhr. Arbeitsbeginn 6 Uhr. Und zu meiner Überraschung ging es nicht in die Kirschen sondern auf das Erdbeerfeld, zusammen mit 30 Asiaten aus Taiwan, Südkorea, Japan und Afghanistan. Keine weiteren Europäer. Mir schwante böses. Nachdem der Gefängniswärter alias Supervisor, dass Startzeichen gegeben hatte, stürmten die Asiaten, bewaffnet mit Körben, sogenannte Trays, zu den Erdbeeren. Wie entfesselt und als würde der Teufel höchstpersönlich hinter ihnen her sein, reißen sie die Früchte aus den Sträuchern, füllen ihre Körbe und sprinten zurück zum Wagen um neue Körbe zu holen.

Währenddessen rufen die Supervisor Kommandos und drohen damit die Körbe nicht zu werten, weil zu viele “not full colour”-Früchte dabei sind. Fasziniert und irritiert pflücke ich meine erste Erdbeere. Nach drei Stunden ist die Hetz vorbei. Ich habe stolze 17 Trays, der beste Afghane 57. Im Schnitt haben alle mehr als das Doppelte gesammelt als Romain und ich. Bei angeblich durchschnittlichen 21,10$ Stundenlohn, zahle ich wohl am Ende noch drauf.

 

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Dabei brennt mein Rücken wie die Hölle und ich kann mich kaum noch aufrichten. Scheiß Erdbeeren. Ich bin einfach zu groß für diesen rückgratzerschmetternden Job. Zurück zur Farm und nach einer gnädigen fünf- bis zehnminütigen Pause, geht es ans Erdbeeren verpacken. Alles fein nach vorgeschriebenen Gewicht und Muster in handgerechte Plastikschälchen. Bezahlt wird natürlich nach entleerten Körben. Das Knacken von Plastik erfüllte den Raum, penetriert von den Rufen der Qualitätskontrolleure, die am Ende des Fließbandes jeden zu sich pfiffen, die angeblich Form und Gewicht verfehlten. Zwei Stunden später, ich habe 12 Körbe verpackt, der beste Asiaten 67. Nach weiteren zwei Stunden Pause, geht es immer noch nicht ans Kirschenpflücken, dafür aber ans Kirschenverpacken. Nach einer Stunde Qualitätskontrolle am Fließband, bei der ich mir wie Aschenbrödel vorkam, schmerzte nicht nur der Rücken sondern auch der Schädel.

Der erste Arbeitstag lief zugegeben suboptimal, aber am nächsten sollte alles besser werden; Schließlich wusste ich ja nun wie alles geht!? Drei Stunden Erdbeerenpflücken:16 Körbe; zwei Stunden Erdbeerenverpacken: 12 Körbe; eine Stunde Kirschenverpacken. Ich wurde einfach nicht schneller, mein Rücken nicht besser und die Fliegen auf dem Erdbeerfeld fraßen einen auf, krabbelten in Mund, Nase und Ohren. Widerliche Scheißerchen.

Aber statt den Kopf hängen zu lassen, beschloss ich mich etwas mehr dem kulturellen Austausch zu widmen. Beschloß ich auf Tuchfühlung mit meinen asiatischen Kollegen zu gehen. Supernette Jungs und Mädels, die trotz Working Holiday Visum fast nur arbeiten. Die ähnlich zu Wanderheuschrecken von Erdbeerfarm zu Farm ziehen, immer auf der Suche nach dem nächsten Job.

Einige bereits im zweiten Jahr. Aber alle haben eins gemeinsam: sie träumen davon zu reisen. Sie Träumen davon den Ayers Rock zu besuchen. Dabei wundert mich nur, dass sie trotz hypergalaxtischem Arbeitstempo, trotzdem angeben schlecht zu verdienen. Irgendwas stimmt hier nicht und ich bin schon brennend auf meinen ersten Lohnstreifen (slip) gespannt.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten. Achja, die Kommentarbox funktioniert und falls ihr Fragen, Anregungen oder Nöte habt, könnt ihr mir gern schreiben. Das macht das ganze etwas dynamischer und ich komme mir nicht vor wie Onkel Stefan der Geschichtenerzähler 🙂

Bis dahin. Keep on working und denkt daran wie viel Arbeit in so einer lausigen Erdbeere steckt, wenn ihr eure Hand das nächste Mal im Supermarkt danach ausstreckt…

Eure Billiglohnkraft Stefan

P.S.: Rehtshreibfeler gips nattürlich gratiz

 

 

 


 

Ein Gastbeitrag von Stefan Schüler: Besuche seinen ReiseBlog!

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Eine Antwort auf Abgebrannt am Straßenrand: Auf Jobsuche in Australien

  1. Ralf Falbe sagt:

    Schöner Beitrag, danke!

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